Entstehungsgeschichte von „Der Sucher“

Seit dem Ruf des Smaragdgartens bin ich ein Fan von Tjeri ke Vanamee, dem verschmitzten Sucher und Agenten der Wasser-Gilde. Doch richtig viel Gelegenheit, über ihn zu schreiben, hatte ich nicht – in Feuerblüte reichte es leider nur für eine Nebenrolle als Renas Gefährte.
Doch dann mailte mir 2004 meine Leserin Eva Camenzind aus der Schweiz, und nach ein paar Mails erzählte sie, dass sie (gerade 13) vor einem Jahr ihre Mutter verloren hatte. Ich war erschüttert und hatte Lust, ihr etwas zu schenken. Da auch Tjeris Mutter früh gestorben ist, beschloss ich, für Eva eine Tjeri-Geschichte zu schreiben. Daraus entstand die Kurzgeschichte „Der große Udiko“. Sie erzählt, wie sich Tjeri – damals fünfzehn Winter alt – seine Lehrlingsstelle beim berüchtigen Sucher Dareshs erobert. Ich stellte sie auf meine Homepage, und damit hätte die Sache erledigt sein können.

Der Sucher - ursprüngliche Cover-Illu. Es zeigt Tjeri (damals 16 Winter alt) und die Katzenfrau Mi´raela
Der Sucher - ursprüngliche Cover-Illu.Es zeigt Tjeri (damals 16 Winter alt)und die Katzenfrau Mi´raela

Zündfunken

Doch ich merkte schnell, dass ich Lust hatte, die Geschichte weiterzuschreiben, zu erzählen, was für eine eigenartige Ausbildung Tjeri bekommt, wie er und sein Meister sich anfreunden, wie er sich bewähren muss. Doch der wahre Durchbruch kam dafür erst, als ich instinktiv auf Ich-Form umstieg. Obwohl ich als Jugendliche ausschließlich in 1. Person geschrieben habe und mir das auch am besten gefällt, habe ich es danach lange nicht mehr getan. Es geht nur bei Figuren, die mir viel bedeuten. Schließlich lebe ich während des Schreibens sehr eng mit ihnen zusammen, schlüpfe in ihren Kopf, lebe ihr Leben.
Doch diesmal spürte ich, dass es das Richtige war. Als Tjeri begann, seine Geschichte selbst zu erzählen, „zündete“ der Roman endgültig in mir. Ich arbeitete aus reinem Spaß an ihm weiter, ohne zu wissen, ob ich jemals einen Verlag dafür finden würde (und als Profi kann man sich sowas selten erlauben!). Auch der Roman ist Eva gewidmet, denn ohne sie hätte ich ihn wohl nie geschrieben.

Fragen über Fragen

Doch leicht war die Entstehung des Buches nicht, die Handlung machte mir schwer zu schaffen. Ich musste mir über so vieles noch klar werden. Wo eigentlich der rote Faden liegen sollte, wenn Tjeris Geschichte einen ganzen Roman tragen sollte. Dafür eignete sich am besten eine große Suche. Aber wonach? Überlegen musste ich mir auch, was genau das unheilvolle Wesen sein würde, das ihn in Gefahr bringt. Was zu dieser Zeit in der Felsenburg los sein sollte. Wer seine Verbündeten und Gegenspieler sein würden. Wie ich es schaffen sollte, meine Leser zu überraschen, obwohl sie aus dem Ruf des Smaragdgartens schon in Grundzügen wissen, was Tjeri in der Felsenburg passiert. Wie ich Überschneidungen zu Verrat der Feuer-Gilde vermeide. Was ich aus Tjeri und Joelle mache – schließlich ist klar, dass er später nicht mit ihr, sondern mit Rena zusammen sein wird. Wie ich eine innere Spannung in all das bringen sollte.
Zudem musste ich ja all das einbauen, was Tjeri bereits (wahrheitsgemäß!) über sich erzählt hatte, zum Beispiel die für ihn furchtbar peinliche Episode unter dem Herztor in Ekaterin. Das hieß auch, dass auch ein paar heftige Szenen vorkommen mussten und zumindest ein Teil des Romans sehr düster werden würde – war das für ein Jugendbuch noch vertretbar? Wie ließ sich das überhaupt mit der heiteren Grundstimmung vereinbaren, die untrennbar zum Sucher gehört (Tjeri ist einfach ein fröhlicher Mensch)? Diese Grundstimmung hatte ich zum Beispiel im Tim Burton-Film Big Fish gefunden, so ähnlich sollte der Sucher werden (und natürlich wurde er dann doch ganz anders).

Cyprio und Mi’raela

An all diesen Fragen rätselte ich endlos herum, so dass die Fortschritte am Roman langsam und zäh waren. Oft kam ich mir vor wie eine komplette Anfängerin. Verzweifelt darüber, dass ich so oft steckenblieb, diskutierte ich  mit meiner Freundin Isabel Abedi per E-Mail hin und her, wie ich die Handlung gestalten könnte. Hinzu kam, dass ich nur hin und wieder daran weiterbasteln konnte, weil ich zwischendurch und parallel an anderen Buchprojekten arbeiten wollte und musste.
Trotzdem bekam Der Sucher langsam Konturen. Cyprio, Tjeris gefährlichster Feind, entstand aus einem Traum. Die Szene, in der sie sich in Udikos Luftkuppel zum ersten Mal begegnen, habe ich exakt so geträumt (allerdings mit mir in der Hauptrolle, und in meiner Wohnung) und dann sofort aufgeschrieben.
Ein wichtiger Meilenstein war, als ich mir überlegte, ob nicht eine Parallelhandlung, die in der Felsenburg spielte, sinnvoll sein könnte. Dafür erfand ich die Katzenfrau Mi´raela, die Cyprio und den anderen Beratern der Regentin in der Burg dient. Sie wurde schnell zu einer eigenwilligen, interessanten Erzählerin, deren Schicksal mich sehr interessierte. Es war zu Anfang nicht ganz leicht, aus Halbmenschen-Perspektive zu schreiben, aber mit etwas Übung ging es immer besser. Schöne Ironie – obwohl Mi´raela von ihren Herren für dumm gehalten wird, ist sie eine der klügsten Figuren im Sucher.

Krise und Erlösung

Oft schreibe ich meine Romane nicht von Anfang bis Ende durch, sondern wild durcheinander. Ich nehme mir einfach die Szenen vor, für die ich gerade in der passenden Stimmung bin. Wie erwähnt war im Fall des Suchers das erste Drittel der ursprüngliche Kern des Romans. Doch dann musste ich im Frühjahr 05 einen Schicksalsschlag verkraften – und es wurde sehr wichtig für mich, das letzte Drittel des Suchers zu schreiben. Ich nahm mir ganz bewusst den Sommer frei, um an dem Roman zu arbeiten. Mit Tjeris Heimkehr nach Vanamee ging es auch mir besser.
Wahrscheinlich wäre der Roman durch diese schwere Zeit nicht geworden, was er ist. Der Schmerz und die Kraft und die Erlösung, all das muss aus deinem Inneren kommen, wenn du schreibst.

Endlich fertig!

Wenn man ein Baby bekommt, hat man erstmal seeehr wenig Zeit. Deshalb blieb der Sucher nach Robins Geburt mal wieder monatelang liegen, bevor ich im Sommer 2006 daran weiterarbeiten konnte. Doch dieser Abstand tat dem Roman gut, durch die langen Pausen konnte ich ihn wieder neu sehen und frische Ideen dafür entwickeln. Als wir dann eine Betreuung für Robin hatten, konnte ich noch zwei Wochen ranklotzen. In Windeseile schrieb ich die noch fehlenden Szenen der Parallelhandlung, damit ich das Manuskript zu Isabel nach Hamburg mitnehmen konnte. Endlich fertig!
Mein Freund Christian schaffte es tatsächlich, den ganzen Wälzer auf der Zugfahrt auszulesen. Es war sehr angetan, und das war schon mal ein gutes Zeichen, weil er nach ersten, frühen Textproben eigentlich beschlossen hatte, Tjeri nicht zu mögen. Auch Isabel war begeistert. Der Gedanke, dass sich vielleicht kein Verlag für das Manuskript finden würde, war zunehmend schwer zu ertragen. Ich beschloss, es Ueberreuter und Piper anzubieten – auf der Buchmesse fanden erste Gespräche statt. Leider nicht mit dem gewünschten Ergebnis, ich spürte eher Desinteresse. Aber dieses Manuskript durfte einfach nicht in der Schublade verstauben!
Ich rang mich zu der Entscheidung durch, mich an zwei-drei kleinere Verlage zu wenden. Das war, wie sich herausstellte, eine gute Idee. Am Tag vor meinem Geburtstag – sofort, nachdem er Exposé und Textprobe auf den Tisch bekommen hatte – , rief mich Michael Krug vom Otherworld Verlag an. Er war begeistert von dem Projekt und wollte es machen. Im Gespräch mit ihm hatte ich ein gutes Gefühl und konnte mir sehr gut vorstellen, dass es mit seinem Verlag klappen könnte. Das war ein schönes Geburtstagsgeschenk! An diesem Abend machten Christian und ich eine Flasche Sekt auf.