Leseprobe aus Der Ruf des SmaragdgartensKampf um Daresh, Band 3

Leseprobe aus Der Ruf des Smaragdgartens

Aus dem 4. Kapitel Hilfreich und tödlich

Als es dämmerte und sie gerade daran dachte, sich einen Schlafplatz zu suchen, stieß Rena zu ihrer Überraschung ganz in der Nähe des Waldes auf ein halbes Dutzend Erdhäuser. Jemand lebte hier, so nah am Dschungel! Und nicht nur irgendjemand, sondern Menschen der Erd-Gilde! Doch nur aus einem der Häuser stieg Rauch auf, die anderen schienen unbewohnt. Was war hier geschehen?

Rena entschied sich um Gastrecht zu bitten. Da sie auch der Erd-Gilde angehörte, durfte sie erwarten, dass sie willkommen geheißen würde. Zögernd klopfte sie an die Tür des bewohnten Erdhauses. Sie musste lange warten, bis etwas geschah. Dann wurde die Tür ganz plötzlich aufgerissen. Vor Rena stand ein breitschultriger, bärtiger Erdgilden-Meister in eigenartiger Kleidung. Ein kleines, graues Tier mit Schlappohren hockte auf seiner einen Schulter und blickte Rena genauso erstaunt und missmutig an wie sein Besitzer. Über seiner anderen Schulter hing eine Art Fell mit einem kleinen Köpfchen.

„Friede den Gilden“, sagte Rena eingeschüchtert. Doch auf die höfliche Erwiderung „… und Wohlstand ganz Daresh“ wartete sie vergebens.

„Habt Ihr euch verirrt?“, knurrte der Mann. „Ihr solltet schleunigst von hier verschwinden, wisst Ihr denn nicht, dass das da vorne der Lixantha-Dschungel ist?“

„Doch – da will ich ja gerade hin“, gab Rena zu und bekam ein ungläubiges Schnauben zur Antwort. „Äh, könnte ich vielleicht bei Euch um Gastrecht bitten?“

„Wenn’s sein muss“, schallte es zurück. Der Hüne drehte sich um und stapfte ins Innere. Er ließ die Tür offen, wohl damit Rena nachkommen konnte. Rena kämpfte mit sich. War dieser Kerl einfach nur grauenhaft unhöflich oder war er gefährlich? Wollte sie wirklich hier übernachten? Aber wenn nicht hier, dann musste sie draußen ihr Lager aufschlagen. Das war bestimmt nicht viel angenehmer, so nah bei diesen Fleisch fressenden Pflanzen. In diesem Moment hörte sie die helle Stimme eines Jungen aus dem Haus dringen. Ein Kind – hier?! Neugierig trat Rena über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich.

Im Inneren war es warm, im Ofen prasselte ein Feuer. Rena fand die beiden Bewohner des Hauses beim Essen. Der Mann blickte nicht auf, als sie hereinkam, und löffelte mürrisch seine Suppe hinunter, ohne Rena etwas davon anzubieten. Doch der schlaksige Junge mit dunkelblondem Lockenkopf, der neben ihm saß, drehte sich um und beobachtete Rena aus hellen Augen fasziniert. Schließlich traute er sich zu fragen: „Was machst du denn hier? Wer bist du?“

„Ich heiße Rena, komme gerade aus der Provinz Nerada und bin auf der Durchreise“, sagte Rena. Mit knurrendem Magen blickte sie auf die Suppe, die sehr angenehm roch. Der Junge sah ihren Blick und sprang auf, um einen dritten Teller zu holen. Dankbar lächelte Rena ihn an. „Wie heißt du?“

„Kerrik. Ich bin schon fast elf Winter alt!“

„Aha“, sagte Rena und glotzte. Im wilden Bart des Mannes bewegte sich doch tatsächlich etwas! Eine Maus! Das winzige Tierchen kletterte fröhlich zwischen den Barthaaren umher und fraß anscheinend Reste der letzten Mahlzeiten, die darin hängen geblieben waren. Erst nach einer Weile schaffte es Rena, sich wieder auf die Unterhaltung zu konzentrieren. „Lebt ihr beiden ganz allein hier?“, fragte sie.

„Ja, die anderen sind alle weggezogen – Mama auch, mit dem Mann, der nebenan gewohnt hat“, erzählte Kerrik. „Sie mochten den Dschungel nich und fanden es nich gut, dass er wächst und wächst und immer näher kommt.“

Der Mann warf seinem Sohn einen düsteren Blick zu, verbot ihm aber nicht weiterzusprechen. Während Kerrik davon erzählte, wie lustig es gewesen war, als die anderen Kinder noch hier gewesen waren, musterte Rena ihre seltsamen Gastgeber verstohlen. Was war das wohl für ein Tier, das dem Mann auf der Schulter hockte? Und auch ihre Kleidung sah eigenartig aus, sie war nicht wie üblich aus gewebtem Stoff oder Leder, sondern wirkte eher wie ein Fell. Wie ein orange-grau geflecktes Fell komplett mit Pfoten und Kopf.

„Hast du denn keine Angst vor dem Dschungel?“, fragte Rena. „Ich wäre heute Morgen fast von Lianen gefesselt und gefressen worden. Obwohl ich erst am Waldrand war.“

„Ach wo, nein! Der Dschungel ist toll“, erzählte Kerrik. „Ich bin gern dort. Aber man muss auch mächtig aufpassen. Du bist wahrscheinlich in eine Kolonie von Gurma-Pflanzen geraten, die mögen Fleisch.“

„Der Kleine hat Recht, man muss aufpassen“, grunzte der Mann. „Ein paar Leute aus dem Dorf sind im Dschungel getötet worden. Idioten. Sie haben alles falsch gemacht. Aber die anderen hatten danach natürlich Angst. Also sind sie weggezogen.“

Rena konnte sich nicht auf das konzentrieren, was er sagte. Das Köpfchen an der Kleidung des Jungen hatte eben die Augen geöffnet und gähnte. „Was beim Erdgeist ist das?!“, entfuhr es Rena.

Kerrik lachte begeistert. „Das ist eine Pelegrina. Ein Tier aus dem Dschungel. Es schlingt sich um dich und wärmt sich an dir. Nach ein paar Tagen fliegt es weg und du suchst dir ein frisches. Ist richtig praktisch. Früher haben wir auch andere Sachen angezogen, aber nich mehr, seit die anderen Leute weg sind.“

„Ihr zieht Tiere an?!“ Rena wusste, dass sie gerade unhöflich war, aber sie schaffte es nicht, sich zurückzuhalten.

Abrupt stand der Mann auf. Er deutete auf einen Stapel Decken in einer Ecke der Hütte. „Dort könnt Ihr schlafen. Wir gehen früh zu Bett. Wohin zieht Ihr morgen weiter?“

„Ich muss wirklich in den Dschungel, tanu, Gildenbruder – wie ich’s schon erwähnt habe.“ Rena beschloss mit offenen Karten zu spielen. Schließlich war der Mann trotz seiner schlechten Manieren ein Erd-Mensch. „Viele Halbmenschen haben sich dorthin geflüchtet und ich muss sie finden.“

„Ja, wir haben ganz viele vorbeikommen sehen, alle mögliche Arten“, nickte Kerrik. „Ganz komisch!“

„Könnt Ihr mir sagen, worauf ich achten muss, damit mir in diesem Wald nichts passiert?“, bat Rena. Sie ahnte, dass ein paar gute Tipps von diesen eigenartigen Menschen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen konnten.

Mit einem seltsamen Blick starrte der Mann sie an. „Der Dschungel kann gut zu Euch sein. Ihr müsst ihn nur lassen. Das ist die eine Regel. Die andere ist: In Lixantha ist nichts, was es zu sein scheint.“

Rena nickte. Sie war enttäuscht. Ein paar genauere Hinweise hatte sie schon erwartet. Zum Beispiel was für Raubtiere es gab, wo man Wasser fand und welche Pflanzen essbar waren.

„Es ist nich gut, dass du alleine in den Dschungel gehst.“ Kerrik blickte sie besorgt an. „Aber ich könnte ja mit dir gehen und dir alles zeigen! Ach bitte, Pa, lass mich ein Stück mit ihr gehen!“

„Kommt nicht in Frage.“

„Bitte! Sonst ist sie bald tot, und alle sagen wieder, dass der Dschungel böse ist, und das stimmt doch gar nich.“

„Na gut. Aber nur den ersten Tag. Dann kommst du sofort zurück.“ Beim Sprechen kraulte der Mann das graue, schlappohrige Tier, das mit kleinen Greifhänden sein Ohr umklammerte. Rena bedankte sich höflich. Sie überlegte, wie wohl die beiden Spitzel der Regentin klarkommen würden. Sie hatten ja keinen Führer wie Kerrik. Hoffentlich waren sie so klug, rechtzeitig kehrtzumachen. „… aber sie braucht einen Vorkoster“, sagte der Mann.

Kerrik bemerkte Renas fragenden Blick und sah, dass sein Vater keine Anstalten machte, darauf einzugehen. Er sprang auf, lief nach draußen und kam mit einem zweiten schlappohrigen Tier und zwei Händen voll Grünzeug zurück. „Schau zu!“, sagte er zu Rena und gab dem Tier ein Blatt aus der einen Hand zu essen. Mit sichtlichem Wohlbehagen verspeiste es das Futter, und seine Ohren spitzten sich. Ganz anders bei einem Stängel aus Kerriks anderer Hand. Mit zuckender Nase und missbilligendem Ausdruck im kleinen Gesichtchen stieß es das Stück zurück. „Es mag genau das, was Menschen auch mögen“, erklärte Kerrik. „Es frisst nichts, was für uns giftig ist.“

Rena begriff sofort. „Das ist ja toll! Es hilft einem, in einer fremden Umgebung mit vielen unbekannten Pflanzen zu überleben.“

„Nicht nur das“, grunzte der Hausherr. „Seht Ihr, der Lixantha-Dschungel verändert sich ständig. Das merkt man schon, wenn man ein paar Tage nicht da war. Dann findet man ganz andere Pflanzen vor. Und die, die man kannte, haben schon neue Eigenschaften. Ohne Vorkoster seid Ihr verloren. Also passt gut auf Euren auf. Er kostet übrigens zehn Tarba. Zahlbar sofort.“

„Oh“, sagte Rena und begann in ihrem Reisegepäck zu kramen. Zehn Tarba! Das war geradezu ruinös teuer – ein gutes Dhatla bekam man schon für fünfzig Tarba -, aber sie sah ein, dass sie dieses Vieh haben musste. Und sie hatte reichlich Geld dabei und zusätzlich einen kleinen Lederbeutel mit Wasserdiamanten, von dem niemand etwas zu wissen brauchte. Als Abgesandte des Rates hatte sie unbegrenzte Mittel zur Verfügung.

Der Mann steckte die Münzen ein, wuchtete sich aus seinem Stuhl hoch, löschte das Feuer mit einer Kanne Wasser und verschwand in einem Nebenraum. Gehorsam folgte ihm Kerrik. „Wir gehen jetzt zu Bett“, erklärte er. „Gleich wenn die Sonne aufgeht, ziehen wir los, ja?“

„Ist gut“, sagte Rena und inspizierte vorsichtig ihren Schlafplatz. Zum Glück bewegte sich dort nichts. Es waren ganz normale, schmuddelige Filzdecken. Komplett angekleidet rollte sie sich darin ein. In diesem Haus zog sie sich ganz bestimmt nicht aus. Es dauerte lange, bis sie es schaffte, einzuschlafen. Zu viel ging ihr durch den Kopf. Und ein eigenartig schlürfendes, schabendes Geräusch vom Dach her ließ sie immer wieder beunruhigt lauschen. Rena entschied, dass sie gar nicht wissen wollte, was sich dort tummelte.