Leseprobe aus Sharkys Welle – DelfinTeam Band 3

Leseprobe aus DelfinTeam 3

Aus dem 1. Kapitel Weihnachtsüberraschung

„Fröhliche Weihnachten, Sandra!“, sagte ihre Mutter und umarmte Sandy.
Irgendwie unwirklich, dachte Sandy. Draußen waren es fünfundzwanzig Grad im Schatten, der Himmel war von einem kräftigen Blau. Aber am Datum war nichts zu rütteln, es war der 24. Dezember. Wahrscheinlich würde sie lange keinen Schnee mehr sehen. Aber das war ihr herzlich egal. Hier in Florida gab es dafür andere schöne Dinge. Palmen. Pelikane. Und vor allem Delfine. Jede Menge Delfine.
„Schön, dass du da bist, Mama! Warte, ich nehm deinen Koffer“, sagte Sandy und wuchtete den Samsonite ihrer Mutter auf einen Gepäckwagen. „Mein Auto steht draußen. Es ist nicht weit bis zu The Deep, in einer Viertelstunde sind wir da.“
Als die automatischen Türen vor ihnen zurückwichen und sie draußen standen, sog Christine Weidner die tropisch-schwüle Luft tief ein. „Genauso habe ich mir Key West vorgestellt!“
„Na ja, es kann auch ganz anders sein.“ Sandy mühte sich dann ab, den Koffer in ihren alten roten Toyota zu stopfen. Warum musste ihre Mutter immer so viel Kram mitnehmen? Als ob es bei The Deep darauf ankäme, schick angezogen zu sein! „Letzte Woche hatten wir einen fetten Sturm. Wir haben zwei Tage gebraucht, bis wir alles wieder aufgeräumt und repariert hatten.“
Es war Trainingszeit, als sie in der Zentrale ankamen. Schon von weitem hörte Sandy die Pfiffe, das Knarren und Klacken der Delfine – Geräusche, die ihr Herz immer noch höher schlagen ließen. Yurikos Lachen und Marks Stimme wehten herüber. Sieht aus, als hätte sich Marks Partner Skipper inzwischen von der Sturmpatrouille erholt, dachte Sandy und schloss den Bungalow Nr. 11 auf, der zwischen blühenden Hibiscusbüschen lag. Drinnen war es dunkel und kühl, sie hatte extra die Jalousien unten gelassen. „So, das hier ist dein Quartier. Stell einfach dein Zeug ab, dann gehen wir runter zum Fluthaus.“
Christine Weidner ließ sich auf das einfache Bett sinken und zündete sich eine Zigarette an. „Gib mir noch einen Moment. Meine Güte, bin ich müde!“
„Deinen Jetlag kannst du ein andermal ausschlafen“, sagte Sandy fröhlich. „Die ganze Zeit hast du gesagt, dass du meinen Delfin kennen lernen willst, da gilt Schwächeln nicht! Hast du daran gedacht, wasserfeste Sandalen mitzubringen?“
„Ich habe mir welche gekauft. Wahrscheinlich werde ich sie nie wieder brauchen, wenn ich zurück in Frankfurt bin.“ Ihre Mutter ließ eine Rauchwolke zur Decke steigen. „Und dein neuer Freund, der Exkampfschwimmer, ist der zur Zeit auch hier? Auf den bin ich ehrlich gesagt noch neugieriger. Und dieser Sharky, von dem du so viel erzählt hast?“
Sandy freute sich, dass ihre Mutter es geschafft hatte, sich die Namen ihrer Freunde zu merken. Normalerweise hatte sie ein Gedächtnis wie ein Sieb. „Ja, Ramón ist da, er geht erst nächste Woche wieder auf einen Einsatz – jetzt gerade trainiert er seinen Partner Rocky im offenen Meer. Sharky ist zur Zeit in Australien, er ist letzte Woche abgedüst. Janine hat mit Ecco heute eine Wrackbergung. Aber Yuriko kannst du kennen lernen, mit der verstehe ich mich auch sehr gut.“
„Na, dann los“, sagte ihre Mutter und drückte ihre Zigarette aus. Sie gingen über einen der schmalen Fußpfade Richtung Wasser. Vom Dammweg aus blickten sie über die künstliche Lagune. Vom Meer fächelte eine nach Salz riechende Brise herüber. „Wunderschön ist das hier“, sagte Christine Weidner.
Jetzt bin ich ja mal gespannt, ob sie und Caruso etwas miteinander anfangen können!, dachte Sandy. Alles, was ihre Mutter bisher mit Tieren zu tun gehabt hatte, war, hin und wieder eine Spinne zu erschlagen. Da sie als Krankenhausärztin viel Schichtdienst hatte, waren Haustiere nie ein Thema gewesen. Sandy hatte jahrelang vergeblich um einen Hund gebettelt.
Sie wateten in das türkisfarbene Wasser der Lagune hinaus. Es roch nach Sonne und Meer. Auf einem Pfosten der Schleuse, die ins Meer führte, hockte ein rosa-weißer Pelikan und verdaute mit philosophischer Miene seine letzte Mahlzeit.
Yuriko, eine zierliche Gestalt im Bikini, winkte ihnen zu. Sandy winkte zurück. „Das ist Yuriko – sie hat Caruso für mich betreut, während ich dich abgeholt habe“, erklärte sie und hielt das Handgelenk, an dem sie ihr Dolcom trug, ins Wasser. Sie hatte kaum Gelegenheit, den Rufknopf zu drücken, da schoss unter Wasser ein grauer Blitz heran. Caruso reckte den glänzenden Kopf aus dem Wasser und atmete schnaufend.
„He, da bist du ja!“, lachte Sandy, machte die Hallo-Geste und fragte dann Caruso OK? in Dolslan. Training anstrengend? Ihre Hände bewegten sich wie von selbst, sie musste längst nicht mehr darüber nachdenken, welche Zeichen sie benutzen sollte.
Caruso beobachtete sie aus dunklen Augen aufmerksam. Training gut, Mensch Yuriko viel gut!, übersetzte das Dolcom ihre Pfiffe.
Sandy legte einen Arm um ihre Mutter um Caruso zu zeigen, dass sie nicht einfach eine normale Besucherin war. Caruso tauchte den Kopf wieder ins Wasser und ortete sie mit ihrem Sonar. „He, das kribbelt!“, rief Christine Weidner. „Ist das Ultraschall?“
„Genau. Für Delfine ist es eine Art natürliches Radar. Ein sechster Sinn.“ Sandy sah, dass ihre Mutter sich nicht so recht traute Caruso anzufassen und legte die Hand auf Carusos Rücken. „Du kannst sie ruhig streicheln. Die Hände hast du dir doch gewaschen, oder? Achtung, dass du ihrem Blasloch nicht zu nahe kommst, da sind Delfine empfindlich.“
„Du bist ja eine Hübsche“, sagte ihre Mutter und tätschelte Caruso ungeschickt. Brav hielt Sandys Partnerin still und Sandy belohnte sie mit einem lautlosen Applaus für ihre Geduld. Sie war froh, dass Caruso mit Fremden schon viel besser zurechtkam als am Anfang.
Inzwischen war Yuriko herangekommen, sie ließ sich von Kiara auf einer Luftmatratze an Land zurückschieben. „Hallo, Mrs. Weidner! Wollen Sie sich bei ihr noch beliebter machen?“, fragte sie und reichte Sandys Mutter einen Fisch. Hoffentlich gibt’s jetzt kein „Igitt!“, schoss es Sandy durch den Kopf. Doch Christine Weidner nahm den kalten, glitschigen Hering in die Hand ohne eine Miene zu verziehen. Wahrscheinlich ist sie aus dem Krankenhaus viel ekligere Dinge gewohnt, dachte Sandy und beobachtete, wie ihre Mutter den Fisch zögernd in Carusos aufgesperrtes Maul fallen ließ. „Oje, die hat ja eine ganze Menge Zähne, deine Partnerin … wieviele Wörter kann sie eigentlich inzwischen?“
„Über achtzig“, sagte Sandy stolz. Sie wollte Caruso ein paar Übungen vorführen lassen – doch dann sah sie aus den Augenwinkeln, dass ein weißer Mast jenseits der Lagune auftauchte. „Das ist die Esperanza II! Ramóns Schiff. Komm, gehen wir mal runter zum Anlegesteg.“
Caruso kam natürlich mit. Sie schwamm über die Schleuse ins Meer und war noch vor Sandy am Bootssteg. Dort tummelte sich schon Rocky, und Ramón war damit beschäftigt, sein Tauchzeug aus dem Katamaran zu laden. Er trug eine schwarze Shorts, eins der königsblauen T-Shirts mit dem The-Deep-Logo und eine Basecap. Jack, sein großer Mischlingshund, kam wedelnd auf Sandy zu und begrüßte sie stürmisch.
Wir sind schon ein ganz schön auffälliges Paar, Ramón und ich, dachte Sandy, während sie Jack die Ohren kraulte. Eine kleine Deutsche mit Lockenkopf und ein hoch gewachsener Kubaner mit milchkaffeefarbener Haut … in Deutschland würden die Leute wahrscheinlich glotzen …
Ramón wuchtete seine Tauchtasche auf den Steg und schaute ihnen entgegen. Es berührte Sandy tief im Herzen, dass er so unbeschwert und glücklich aussah. Nach dem schlimmen Einsatz im Bermuda-Dreieck vor einem Monat hatte er es noch schwerer gehabt als die anderen Mitarbeiter von The Deep: weil er sein Schiff und seinen sämtlichen Besitz verloren hatte, besaß er fast nichts mehr aus seinem alten Leben. Doch seit er einen neuen Katamaran hatte, ging es ihm deutlich besser. Er hatte es sogar geschafft, seinen wasserscheuen Malerfreund Churchill zu einem Bootsausflug zu überreden. Inzwischen hingen drei abstrakte Ölbilder in leuchtenden Farben in der Kabine der Esperanza II – der Grundstock einer neuen Sammlung.
Sandy umarmte Ramón, und er küsste sie ohne sich darum zu kümmern, dass ihre Mutter zusah. Sein sehniger Körper war warm von der Sonne und roch nach Salz und Meerwasser.
Ramón wandte sich Sandys Mutter zu. „Hi, Mrs Weidner! Guten Flug gehabt?“
„Buenos Dias“, sagte Christine Weidner fröhlich. „Sí, ich hatte einen guten Flug. Das war leider auch schon mein ganzes Spanisch …“
„Macht nichts“, meinte Ramón und grinste. „Guten Tag, Danke und sowas kann ich inzwischen auch in Deutsch sagen, aber nicht viel mehr.“
Glück gehabt – sah aus, als würden sich die beiden verstehen.
Am Abend saßen sie im Fluthaus, bis zu den Knien im Wasser; zwischen ihnen schwammen die Delfine umher. Sandy hatte sich mit ihrer Mutter darauf geeinigt, dass sie die Geschenke erst morgen früh auspacken würden, so wie es in Amerika Sitte war. Heute war erst mal die Fresserei dran. Mark und Sue hatten gekocht – es gab gegrillten Snapper „Hawaiian Style“. Yuriko hatte dazu eine Ananas-Bowle gebraut, und zum Nachtisch hatte Sandy eine Orangencreme mit Amaretto vorbereitet.
„Mmh, lecker! So ein Weihnachtsmenü werde ich wahrscheinlich nicht so schnell wieder bekommen!“, schwärmte ihre Mutter und nahm sich noch eine zweite Portion Fisch. Sharky hätte es auch geschmeckt, dachte Sandy wehmütig – gegrillter Snapper war eines seiner Lieblingsessen.
„Hat eigentlich schon einer von euch ’ne Mail von Sharky gekriegt?“, fragte sie in die Runde. „Mir hat der treulose Kerl noch kein einziges Mal geschrieben. Dabei würde mich ja schon interessieren, ob ihn das mit seinem Bein am Surfen hindert oder nicht.“
Sie hatte sich noch nicht an den Gedanken gewöhnen können, dass sie ihren besten Freund jetzt ein halbes Jahr lang nicht sehen würde. Er war in sein Heimatland Australien zurückgekehrt, um dort wieder das Wellenreiten anzufangen. Die anderen The Deep-Mitarbeiter hatten ihr erzählt, dass Sharky einmal ein sehr guter Surfer gewesen war – bis ein Tigerhai ihn am Bein erwischt hatte. Selbst jetzt noch hinkte Sharky deutlich.
„Wenn er sich nicht meldet, heißt das bei Sharky, dass alles in Ordnung ist“, sagte Gregory Arrowsmith, der Chef und Gründer von The Deep. „Aber ich werde ihn trotzdem morgen mal anrufen.“ Greg hatte Sharky kurz vor seiner Abreise offiziell zu seinem Stellvertreter gemacht; inoffiziell war er schon längst einer der wichtigsten Mitarbeiter von The Deep gewesen.
„Ich möchte gar nicht wissen, wie heiß es jetzt in Australien ist – da unten ist jetzt Hochsommer“, sagte Yuriko und neckte Kiara, indem sie sie spielerisch an der Rückenflosse zog. „Wahrscheinlich wird Sharky genauso braun sein wie Ramón, wenn er zurückkommt …“
„Was haben Sie demnächst für einen Einsatz, Ramón?“, fragte Christine Weidner.
Ramón nippte an seinem Glas Bowle, verzog das Gesicht und schenkte sich stattdessen zwei Fingerbreit Whisky ein. „Drei Wochen Mittlerer Osten mit Rocky, Greg und Little Joe. Wir sollen Supertanker durch gefährliche Gewässer eskortieren und bei der Gelegenheit möglichst viele Minen orten und aus dem Meer holen.“
„Ach du Scheiße!“ Christine Weidner sah ihn erschrocken an.
„Halb so wild“, erwiderte Ramón höflich. „Wenn man weiß, was man macht, ist es nicht viel riskanter, als in Downtown Miami bei Rot über die Straße zu gehen.“
Sandy fand es selbst schwer zu sagen, warum sie nicht oft Angst um Ramón hatte. Vielleicht, weil er wirklich wusste, was er tat – durch seine Ausbildung bei einer Eliteeinheit der US-Navy war er der mit Abstand beste Taucher und Seemann bei The Deep.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Greg ging hoch zu den Verwaltungsbüros um dranzugehen. Erst zehn Minuten später kam er wieder. Er wirkte beunruhigt. „Sandy kommst du mal? Sharky ist dran. Er will dich sprechen.“
Sharky?! Sandy sprang auf und platschte hoch in den ersten Stock, in Gregs Büro. Wie schön, dass er sich doch noch meldete! Sie fragte sich, warum Greg so komisch dreinschaute.
Schnell nahm sie sich den Hörer. „Na, du? Hast du schon deine ersten Känguruhs gesehen?“
Sie erkannte seine Stimme mit dem breiten australischen Akzent sofort. „Nee. An der Gold Coast gibt’s nicht so viele. Wie geht’s dir? Ihr feiert gerade, habe ich gehört …“
Sandy berichtete von der Ankunft ihrer Mutter und deren erster Begegnung mit Caruso. „Aber jetzt erzähl du doch mal – gefällt dir deine alte Heimat noch? Wie klappt es?“
„Das kann ich dir sagen.“ Sharky klang plötzlich verbittert. „Gar nichts klappt. Das ist das totale Chaos hier unten. Eigentlich sollten mindestens drei Teams von dieser Niederlassung aus arbeiten, Haipatrouillen und Rettungseinsätze machen. Aber zur Zeit ist nur noch eins übrig, Nolan und Sierra.“
„Oje, wieso denn das?“
„Ein Delfin ist gestorben und einer der Menschen hat gekündigt und seinen Partner Floyd im Stich gelassen. Jetzt trauert Floyd und frisst nicht mehr. Wahrscheinlich werde ich Weihnachten damit verbringen, an seinem Becken zu hocken und ihn zu überreden, wenigstens einen Fisch anzunehmen.“
Sandy wusste, dass es für einen Delfin spätestens nach zwei Tagen ohne Futter kritisch wurde. „Hoffentlich kommt er durch!“
„Das Problem ist auch: wenn ich es nicht schnell schaffe, hier alles wieder in Ordnung zu bringen, kriegt The Deep ganz großen Ärger – vor ein paar Monaten ist ein neuer Stadtrat gewählt worden, der uns das Leben schwer macht. Er gilt als tüchtig und unbestechlich, aber auch als sehr streng.“
„Meinst du, du schaffst es, das wieder hinzukriegen?“ Nach dem Surfen wagte Sandy gar nicht mehr zu fragen.
Sie hörte, wie Sharky tief durchatmete. Dann sagte er: „Allein nicht, fürchte ich. Ich brauche dich hier unten, Sandy. Dich und Caruso. Greg hat schon zugestimmt. Komm so schnell wie möglich her. Bitte.“
In Sandys Kopf wirbelten die Gedanken herum. Wie? Was? Sie sollte nach Australien? „Ich … aber …“
„Ein Monat würde wahrscheinlich reichen, das würde mich schon wahnsinnig entlasten“, sagte Sharky, und Sandy hörte, wie erschöpft er klang. Der Arme – dabei hatte er sich so darauf gefreut, nach Australien zurückzukehren! Das Problem war, dass sein Anruf ihr jetzt gerade überhaupt nicht in den Kram passte. Ihre Mutter wollte eine Woche bleiben – sie hatten sich ein Dreivierteljahr nicht gesehen. Sandy freute sich schon darauf, mit ihr in Miami umherzuschlendern, die Everglades anzuschauen, in Key West Cocktails zu schlürfen. Und was würde Ramón sagen? Er und Sharky hatten zwar einen Waffenstillstand geschlossen, aber gefallen würde es ihm ganz sicher nicht, dass sie einen ganzen Monat mehr oder weniger allein mit seinem Rivalen verbrachte …
So Leid es ihr tat, es ging einfach nicht. Aber sie brachte es nicht übers Herz, es ihm gleich zu sagen. „Ich überlege es mir und rufe dich zurück, okay?“, sagte Sandy.
Das Herz war ihr schwer. Es war kein schönes Gefühl, Sharky im Stich lassen zu müssen. Leise tappte sie hoch zum vorderen Balkon des Fluthauses. Von hier aus konnte sie über die Lagune hinwegblicken, in der sich der Mond spiegelte. In der Dunkelheit und Stille spürte sie, wie sich ihre Gedanken langsam klärten. Warum wollte er ausgerechnet Caruso und sie – warum keinen von den anderen, die mehr Erfahrung hatten? Doch Sandy ahnte die Antwort schon. Ich bin die Einzige, die er an sich heranlässt, dachte sie. Den anderen zeigt er immer noch die coole Fassade. Keinem anderen als mir gegenüber hätte er zugegeben, dass er Hilfe braucht.
Sandy stellte sich vor, was Sharky an ihrer Stelle getan hätte. Wäre er gekommen? Sie erinnerte sich daran, wie er ihr am Anfang mit Carusos Ausbildung geholfen hatte. Wie er mit ihr um zwei Uhr nachts vor ihrem Bungalow gesessen hatte, als sie nach Hollys Tod diese Krise gehabt hatte. Wie er mit Mark nach Jamaika geflogen war um nach ihr zu suchen. Wie er ihr nach dem gescheiterten Wracktauchgang im Bermuda-Dreieck zu Hilfe gekommen war. Wie sie sich in San Juan zusammen auf das feindliche Schiff geschlichen hatten.
Sie schob ihm im Geiste Antworten in den Mund. Geht leider nicht, meine Mutter ist gerade zu Besuch. Das verstehst du doch. Oder: Meine Freundin hat leider etwas dagegen. Sorry.
Nein, so was hätte Sharky nicht gesagt. Er hätte gar nichts gesagt und am nächsten Tag vor der Tür gestanden.
In ihr kristallisierte sich eine neue Entscheidung heraus. Aber erst wollte sie noch Caruso fragen. Schließlich wäre der lange Flug für sie sehr anstrengend.
Sandy kletterte die Außentreppe nach unten und watete in das dunkle Wasser der Lagune hinein. Sie hörte das Plätschern von Flossen, dann das Knarren und Quietschen eines Delfins. War es Caruso? Sandy setzte sich ins Wasser, und der Delfin versuchte sofort sich an sie zu schmiegen. Ja, es war Caruso. Ihre beste Freundin. Lächelnd legte Sandy die Arme um ihren großen Körper. Dann hob sie die Hände, sprach lautlos in Dolslan mit ihr. Das Mondlicht reichte dafür völlig aus, Delfine sahen gut im Dunkeln. Sharky Probleme. Caruso und Sandy helfen Sharky? Transport viel viel weit.
Es dauerte eine Weile, bis Caruso antwortete. Ihre dunklen Augen schimmerten im schwachen Licht. Schließlich begann ihre Partnerin zu pfeifen. Helfen Sharky ja!, las Sandy im beleuchteten Display des Dolcoms.
„Ja, ich glaube, das ist eine gute Idee“, sagte Sandy und streichelte ihrer Partnerin Rücken und Flanke. Ihre Haut fühlte sich glatt und feucht an wie ein frisch gepelltes Ei.
Nach ein paar Minuten schob sie Caruso sanft weg und ging zurück ins Büro. Sie wählte die Nummer, die Sharky ihr gegeben hatte. „Geht klar“, sagte sie. „Ich komme runter.“
„Danke“, sagte Sharky einfach.
Greg wartete im anderen Büro auf sie. Er blätterte in einer alten Ausgabe von Marine Biology und schaute auf, als er sie in der Tür stehen sah. „Du machst es also?“
„Ja – wenn ich’s mir genau überlege, wollte ich immer mal nach Australien“, antwortete Sandy. Sie fühlte sich ganz leicht und fröhlich. Komisch, manchmal spürte man es, wenn man die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dann waren alle Zweifel plötzlich weg.
„Das ist gut. Sharky hält große Stücke auf dich – wie ich übrigens auch“, meinte Greg. In Gedanken versunken spielte er mit der Kaurimuschel auf seinem Schreibtisch. „Wird nicht ganz einfach, über die Feiertage euren Transport zu organisieren. Aber das schaffen wir schon. Gib Caruso ab sofort nichts mehr zu fressen, du weißt ja, sie muss für den Flug einen leeren Magen haben.“
„Äh, ja, gut“, sagte Sandy, verwirrt von dem Lob – sowas hörte man nicht oft von Greg. Nachdenklich machte sie sich auf den Weg zurück ins Erdgeschoss.
Ihre Mutter hatte sich mit Yuriko festgequatscht und bemerkte nicht, dass etwas nicht in Ordnung war. Aber Ramón schien wie immer sofort zu spüren, was in Sandy vorging. „Alles klar?“, fragte er leise.
„Eigentlich schon“, sagte Sandy und beugte sich zu ihm hinüber um ihn zu küssen. „Aber ich fliege in den nächsten Tagen nach Australien. Sharky ist in Schwierigkeiten.“
„Was für Schwierigkeiten?“, fragte er. Als sie es ihm erzählt hatte, zog Ramón eine Grimasse. „Klingt übel. Trotzdem hoffe ich, er holt dich nicht mit dem Hintergedanken nach Australien, dass er dich dort in Ruhe anbaggern kann. Ich habe gemerkt, wie er dich auf dieser letzten Versammlung angesehen hat …“
O nein, nicht schon wieder diese verdammte Eifersüchtelei. Sie entschied sich für einen lockeren Ton, obwohl ihr nicht danach zumute war. „Machen wir’s doch einfach so – du hältst dich von den Wüstenprinzessinnen fern und ich fange dafür nichts mit Sharky an! Wir sind einfach nur Freunde, das weißt du.“
„Klar, ich weiß das – aber weiß er das auch?“
„Er weiß, dass ich mit dir zusammen bin. Ende der Diskussion!“
Inzwischen war auch ihre Mutter aufmerksam geworden. Also erzählte Sandy auch ihr, was los war. „Soll das heißen, dass ich den Rest der Woche allein verbringen muss?“, fragte sie und ihre Lippen waren auf einmal ganz schmal. „Weißt du überhaupt, wie schwierig es war, vom Krankenhaus ein paar Tage frei zu bekommen?“
Sandy spürte, wie sie ärgerlich wurde. Was konnte sie denn dafür? Und schließlich hatte ihre Mutter sich nie dafür entschuldigt, dass sie Sandy als Kind so oft allein gelassen und bei der Oma abgegeben hatte! Die Klinik hatte immer Vorrang gehabt.
Mühsam schluckte Sandy ihren Ärger hinunter. Sie wollte jetzt keinen Streit. Besser, sie versuchte von Weihnachten noch zu retten, was zu retten war. „Es tut mir auch Leid, dass es sich jetzt so ergeben hat. Aber ich glaube sowieso nicht, dass Greg so schnell einen Flug für Caruso und mich findet. Schließlich können wir nicht einfach einen Platz in einer Linienmaschine buchen und losjetten. So bequem ist es leider nicht, mit einem Delfin zu reisen.“
„Schon gut“, seufzte Christine Weidner. „Job ist eben Job, ich kenne das ja.“
Nein, dachte Sandy. Nur irgendeines Auftrags wegen hätte ich es nicht getan. Aber sie versuchte es nicht zu erklären um die Sache nicht noch schlimmer zu machen.
Sie wateten durch das kniehohe Wasser in die Küche um den Nachtisch vorzubereiten. Ihre Mutter folgte ihr. Im Wohnraum hatten sie mit den anderen Englisch gesprochen, aber jetzt, wo sie alleine waren, schaltete Sandy auf Deutsch um. „Weißt du was? Ich komme im März oder so mal nach Deutschland. Durch den Bonus für den Bermuda-Einsatz kann ich’s mir leisten.“
„Ja, so machen wir’s“, meinte ihre Mutter etwas besänftigt und half die Orangencreme in Schalen zu füllen – oder versuchte es zumindest. Denn Kiara manövrierte pfeifend und Knacklaute von sich gebend in der Küche umher und versuchte sich zwischen sie und den Tisch zu schieben.
„Ignorier sie einfach“, empfahl Sandy und zerlegte eine Orange, um die Scheiben als Deko oben auf die Creme zu kleben. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie gerade anfing sich auf die Reise zu freuen. Seit ihrer Kindheit war Australien für sie ein magisches Land. Ihr Vater hatte mal ein halbes Jahr dort gelebt und ihr einen eigenartigen Anhänger mitgebracht, den sie immer noch besaß. Damals hatte er behauptet, es sei die Schuppe einer Meerjungfrau, und ihr ein Märchen dazu erzählt. Daran glaubte sie natürlich längst nicht mehr. Aber sie hatte auch nicht herausgefunden, was es sein konnte. Noch mal zu fragen war schwierig – ihr Vater lebte schon seit einiger Zeit bei seinem Guru in Indien und schickte nur hin und wieder mal eine Postkarte.
„Was hat Papa damals in Australien eigentlich genau gemacht?“, fragte Sandy.
„Herumreisen, Kiffen und hin und wieder ein bisschen Jobben, schätze ich“, meinte ihre Mutter bitter. „Während ich mit dir daheim gesessen bin und verzweifelt versucht habe irgendeine Betreuung für dich zu organisieren.“
„Hat er sich damals auch schon für Religionen interessiert?“
„Ja, aber wenn ich geahnt hätte, dass er schon ein paar Jahre später in diesen verdammten Ashram verschwinden und nie wiederkommen würde, hätte ich nicht mit ihm diese dämlichen Meditationsseminare gemacht!“
Sandy gab auf. Es hatte keinen Sinn, mehr über ihren Vater erfahren zu wollen. Ihre Mutter regte sich nur auf, wenn das Thema auf ihn kam.
„So“, sagte Sandy und stellte Kiara ein Schälchen fertig dekorierte Orangencreme auf den Rücken. „Wenn du schon hier rumhängst, Fräulein, kannst du dich auch nützlich machen. Bring Gegenstand Yuriko.“