Outtake 1 aus dem Sucher

Der Teil des Romans, in dem es um Tjeris Ausbildung geht, war ursprünglich länger. Doch ich hatte das Gefühl, dass ich die Geduld meiner Leser damit etwas strapaziere. Deswegen straffte ich den Roman an dieser Stelle etwas und nahm diese Szene heraus.

Die Feuerkugel

In den Höhlen zu tauchen war schwierig, aber bei den meisten Aufträgen musste ich eher meinen Kopf als meine Schwimmkünste einsetzen. Zum Beispiel bei der verschwundenen Flammenkugel. Es war einer der hoffnungslosen Fälle, mit denen die Leute zu Udiko kamen – schon zwei andere Sucher hatten vergeblich nach dem wertvollen Stück Ausschau gehalten, das ein Feuermeister aus dem Grenzland zwischen Tassos und Vanamee angefertigt hatte. „Sie enthalten ein ewiges Feuer, das einem Energie gibt, wenn man es berührt“, erklärte mir Udiko. „Es ist eine sehr alte, schwierige Kunst, solche Kugeln zu fertigen.“
Der Lehrling des Feuermeisters nickte verzweifelt. „Es ist das Geschenk eines reichen Händlers an den Rat eurer Gilde. Mein Meister hat die Kugel eigens gemacht“, berichtete er. Er hieß Artan und war ein kräftiger Junge in meinem Alter, der schon ein Schwert trug. Da er der allererste Mensch der Feuer-Gilde war, den ich kennenlernte, betrachtete ich neugierig das Amulett, das er trug, seine schwarze Kleidung und die Messernarbe an seinem Arm.
„Es war meine Aufgabe, die Kugel dem Rat zu überbringen“, fuhr der Junge fort. „Doch mein Kanu ist in diesem verdammten Fluss in der Nähe leckgeschlagen und gesunken – es war grauenhaft! Dabei ist die Kugel verloren gegangen…“
Das, was er „dieser verdammte Fluss“ nannte, war für mich ein Ort der Wunder. Drei Menschenlängen unter der Oberfläche wuchs dort ein bunter Wasserlilien-Garten, der mich jedesmal verzauberte, wenn ich hindurchschwamm und Sonnenstrahlen die Farben leuchten ließen. Aber natürlich interessierte Feuer-Leute so etwas nicht. „Kannst du mir genau beschreiben, wie das gute Stück aussah?“ fragte ich.
„Genau weiß ich das auch nicht. Es war in einer Schachtel aus geflochtenem Silbergras, und ich habe mich nicht getraut, reinzuschauen. Sie war ziemlich schwer.“
„Ziemlich schwer?“ sagte ich erstaunt. „Was wiegt so eine Flammenkugel denn?“
„Keine Ahnung – ich durfte noch nie eine anfassen.“ Artan hatte den Kopf in die Hände gestützt und sah elend aus. „Warum habe ich das blöde Ding nicht am Körper getragen… ich hätte es mit meinem Leben schützen sollen… vielleicht wandere ich besser aus…“
Mir wurde klar, dass auch Feuer-Leute im Grunde normale Menschen sind.
Kurz darauf traf sein Meister am Schauplatz ein, ein ebenfalls schwarz gekleideter drahtiger Mann mit eisengrauem Bart. Die Flüche, mit denen er Artan überschüttete, brachten förmlich die Luft zum Glühen. Uns gegenüber war er wenigstens halbwegs höflich, obwohl ich in seinen Augen sah, dass er uns verachtete. „Vielleicht hat der Nichtsnutz die Kugel gestohlen“, erklärte der Meister und verschränkte die Arme. „Warum er das Risiko eingegangen ist, weiß ich nicht. Seine Eltern werden mich entschädigen müssen – oder er bekommt viele Winter lang keinen Lohn, bis er sie abbezahlt hat.“
Udiko antwortete nicht. Statt dessen blickte er mich an. „Was ist, wirst du danach tauchen?“ fragte er, und etwas in seinem Blick warnte mich. Jede Suche hat eine verborgene Wahrheit, die unter der Oberfläche liegt, dachte ich. Sie ist es, die du erkennen musst.
„Nein, ich tauche noch nicht“, sagte ich. Um Zeit zu gewinnen, fragte ich den Feuermeister: „Könnt Ihr mir beschreiben, wie die Kugel genau aussah?“
„Sie ist faustgroß und wasserdicht. Aus einem speziellen Glas, in das eine kleine goldene Flamme eingeschlossen ist. Wenn man die Kugel benutzt, verschwindet die Flamme fast, aber nach einem halben Tag ist sie wieder so groß wie zu Anfang…“
Während der Meister sprach, rasten die Gedanken durch meinen Kopf. Im Liliengarten war die Kugel jedenfalls nicht mehr, sonst hätten die anderen Sucher, die vor uns am Werk gewesen waren, den Schein der Flamme in der Nacht gesehen. Konnte ein Fisch das Ding gefressen haben? Unwahrscheinlich. War sie vielleicht weggedriftet, weil sie Luft enthielt und nicht gesunken war? Das musste ich herausfinden. Was war mit Dieben? Ebenfalls möglich.
Es war das Gewicht der Schachtel, das mich schließlich misstrauisch machte, und die Silbergrashülle. Silbergras sieht hübsch aus, aber im Wasser verliert es sehr schnell seine Farbe und löst sich auf. Wenn der Feuermeister schon eine Weile im Grenzland zu Vanamee lebte, wusste er das bestimmt. Als nächstes fragte ich nach dem beschädigten Kanu. Aber wie sich herausstellte, war es schon zu Brennholz verarbeitet worden. Auch das kam mir seltsam vor.
„Kann ich Euch einen Atemzug lang allein sprechen?“ fragte ich den Meister. Skeptisch blickte er mich an, doch dann nickte er. Als wir allein waren, entschied ich mich, aufs Ganze zu gehen. Wenn meine Vermutung richtig war, hatte ich das Rätsel gelöst. Wenn sie falsch war, würden Udiko und ich großen Ärger bekommen.
„Ich habe einen Vorschlag“, sagte ich zu dem Feuermeister. „Heute abend – also in einem halben Tag – werde ich in diesem Fluss tauchen. An der Biegung, dort, wo das Wasser ruhig und tief ist. Ich werde die Kugel sofort finden. Damit ist die Sache erledigt, und der Rat Eurer Gilde erfährt nicht, wie übel Ihr Eurem Lehrling mitgespielt habt. Einverstanden?“
Das leichte Zucken seiner Augenmuskeln verriet ihn. Ich hatte richtig getippt. „Ich hätte es wissen müssen – Fischköpfen wie dir sollte man nicht trauen“, sagte der Mann, und auf einmal klang seine Stimme gehässig.
Damals konnte man mich mit diesem Spitznamen für Menschen meiner Gilde noch wütend machen. „Und ich hätte wissen müssen, dass man Brandstiftern kein Wort glauben darf“, gab ich hitzig zurück.
Das war genau ein Satz zuviel gewesen. Wütend zog der Schmied sein Schwert – zum Glück kam Udiko in diesem Moment herein und ging dazwischen.
Wütend oder nicht, der Mann hatte sich gemerkt, was ich ihm gesagt hatte. Noch am gleichen Tag tauchte die Kugel an der vereinbarten Stelle auf. Sie zu berühren fühlte sich herrlich an – es war wie ein goldener Strom der Kraft, der durch meine Fingerspitzen und meinen Arm zum Herzen kroch. Ich musste die Kugel nicht mal reinigen, bevor ich sie zurückgab, sie glänzte wie neu. Kein Wunder. Sie hatte gerade mal ein paar hundert Atemzüge im Wasser gelegen. In der Schachtel aus Silbergras waren wahrscheinlich nur Steine gewesen, und die Schachtel selbst hatte sich wie geplant längst aufgelöst. Hätte der Meister nicht ein paar Steine zuviele hineingetan, damit die Schachtel schneller sank, wäre ich wohl nie hinter seinen Trick gekommen.
Auf dem Heimweg schwammen Udiko und ich nebeneinander her. „Das hätte dich beinahe den Kopf gekostet, Kleiner – du solltest mit Feuerleuten vorsichtiger sein“, sagte mein Meister. „Trotzdem: gut gemacht. Ich glaube, du bist bereit für den nächsten Schritt deiner Ausbildung.“
„Und der wäre?“
„Um ein guter Sucher zu werden, musst du lernen, durch die Augen von anderen Menschen zu sehen“, sagte Udiko. „Dazu schwimmst du in die nächste Siedlung und pickst dir fünf Leute raus. Du beobachtest sie so lange, bis du dich in sie hineindenken kannst. Das machst du, bis du es bei jedem geschafft hast, vorherzusehen, was er als nächstes tut. Klar?“
„Klar“, sagte ich. Das klang interessant, und ich war gespannt, wie lange ich dafür brauchen würde. Ich wählte mir eine große Siedlung in einer halben Tagesreise Entfernung aus; sie war groß genug, dass ich dort bei meinem Experiment nicht auffallen würde. Als ersten Kandidaten wählte ich einen alten Mann, der auf dem Markt durch die Gegend schlurfte. Ich brauchte einen ganzen Tag, bis ich das Gefühl hatte, dass ich ihn verstand – und richtig vorhersah, an welchem Stand er anhalten und versuchen würde, mit dem Händler zu plaudern. Dann folgte ich einer jungen Mutter, einem Lehrling und einem Mann der Erd-Gilde, der leicht verschreckt wirkte. An ihm scheiterte ich erst einmal, weil ich noch nie jemanden von der Erd-Gilde näher kennengelernt hatte und keine Ahnung hatte, wie sie dachten. Mein Vater hatte immer nur gesagt, dass Blattfresser sich so benehmen, als würden sie die meiste Zeit gar nicht nachdenken.
Ich löste das Problem, indem ich dem Mann einen Polliak ausgab und so lange mit ihm plauderte, bis ich wenigstens ansatzweise wusste, was in ihm vorging. Er war alles andere als dumm, aber sehr vorsichtig – es war die Zeit der Gildenfehden, wahrscheinlich dachte er, ich würde jeden Moment versuchen, ihm Gift in den Becher zu mischen. Aber als er anfing, mir zu vertrauen, war nicht schwer vorherzusehen, was er als nächstes tun würde. Er versuchte mich zu überreden, dass ich ihm noch einen Krug spendierte.
Als letzten suchte ich mir eine zahme Kampfkrabbe aus. Ich brauchte nur zehnmal zehn Atemzüge, um mich in sie hineinzuversetzen, weil Krabben nicht gerade die cleversten Wesen in Vanamee sind und ich schon viele von ihnen beobachtet hatte.

Im Prüfungs-Kapitel wird die Episode mit der Feuerkugel noch einmal wichtig:

Überall raschelte es, als die Lehrlinge ihre Rolle öffneten. Ich las in meiner:

Einem Meister ist vor zwei Tagen im Kivaan-Fluss querab der Topas-Felsen ein wertvoller Ring aus einer Telvarium-Jaronis-Legierung verlorengegangen. Bring ihn zurück.

Rings um mich sprangen Lehrlinge auf, hasteten nach draußen, um ihre Suche zu beginnen. Ruhig blieb ich sitzen und las mir die wenigen Zeilen noch ein paarmal durch. Das Mädchen, das vorhin neben mir gegangen war, sah mich fragend an: „Willst du nicht auch los? Die Zeit läuft!“
„Ich weiß“, sagte ich. „Viel Glück – wir sehen uns dann in drei Tagen.“
Ich rief mir eine Karte der Gegend ins Gedächtnis. Es war ein schwieriger Auftrag, das war klar. Der Kivaan-Fluss war berüchtigt für seinen schlammigen Grund und sein trübes Wasser; an den Topas-Felsen herrschte dazu noch eine starke Strömung. In dieser Brühe einen Ring zu suchen würde kein Vergnügen sein, und ob es in drei Tagen möglich war, wussten nur die sieben Götter der Tiefe. Ich las mir die Schriftrolle noch einmal durch und stutzte bei der Stelle, an der von der Legierung die Rede war. Selbst ich wusste, dass das ein seltenes Metall war. Wieso hatten sie gerade diesen Ring versenkt? Hm, dachte ich. Vielleicht, weil sie sich ein Hintertürchen offen lassen wollten. Weil sie eine Möglichkeit haben wollten, den Ring schnell selbst wieder zu beschaffen, wenn ich es nicht hinkriegte, ihn zurückzubringen. Aber worin bestand der Trick? Ich hatte schon so eine Ahnung…
Inzwischen war ich fast allein im unterirdischen Saal. Nur der Prüfer stand noch da, ein älterer Meister mit kurzen grauen Haaren und humorvollen blauen Augen. Er beobachtete mich genau. Ohne mich davon stören zu lassen, riß ich eine Ecke von der Schriftrolle ab und schrieb eine Nachricht darauf. Dann pflückte ich den Salamander von meiner Schulter und friemelte die Botschaft in die kleine silberne Kapsel, die er am Hals trug.
„So“, sagte ich. „Die bringst du für mich zu Artan, dem Schmied im Grenzland, ja? Beeil dich.“
Ich schlenderte nach draußen, schwamm zur Seeoberfläche und machte mich auf dem Weg zum Kivaan-Fluss. Unterwegs organisierte ich mir ein Auslegerboot. Als ich eine halbe Tagesreise später am Kivaan ankam, war Artan schon da. Er war kein Lehrling mehr, sondern trug stolz die Insignien eines Meisters. „Friede den Gilden“, sagte er fröhlich. „Was gibt´s, Fischkopf?“
Ich musste grinsen. Seit ich die Flammenkugel gefunden und ihn vor Schande und Ruin bewahrt hatte, waren wir in Kontakt geblieben – aber keiner von uns vergaß seine Gilde. Er gehörte dem Feuer, ich dem Wasser. In diesem Fall war das auch gut so, dadurch durfte ich ihn um Hilfe bitten.
„Ich bräuchte Unterstützung bei einer schwierigen Suche“, erklärte ich ihm und streichelte den Salamander, der inzwischen zu mir zurückgekehrt war. „Ihr von der Feuer-Gilde könnt Metall spüren, hat mir mein Meister mal erzählt. Das stimmt doch, oder? Könntest du selbst auf die Entfernung eine Telvarium-Jaronis-Legierung von anderen Metallen unterscheiden?“
„Du willst mich wohl beleidigen. Natürlich kann ich das!“
Ein paar Atemzüge später waren wir mit dem Auslegerboot auf dem Fluss unterwegs. Es war harte Arbeit, das Boot trotz der starken Strömung auf Kurs und weg von Felsen zu halten. Nachdem Artan seine Angst vor dem Wasser etwas in den Griff bekommen hatte, schloss er die Augen, sein Gesicht wurde ruhig und konzentriert. Es dauerte einen halben Sonnenumlauf, bis er endlich die Hand hob. „Unverwechselbar“, meinte er genießerisch. „Telvarium hat eine reine, leicht würzige Aura.“
Als wir die Stelle markiert hatten, steuerte ich das Kanu ans Ufer. Artan blieb dort zurück, während ich tauchte. Angenehm war es nicht, ich wurde ständig von der Strömung abgetrieben und musste mit ganzer Kraft zurückschwimmen. Trotzdem brauchte ich nicht lange, bis ich den Ring gefunden hatte. Silbrig-violett schimmerte das Metall in meiner Hand.
„Na also“, sagte Artan. „Jetzt sind wir quitt.“
Ich machte mich sofort auf den Rückweg. Noch stand die Sonne hoch – ich konnte es schaffen, heute noch zur Residenz des Gildenrates zurückzukehren. Nach nur einem Tag Suche. Vielleicht war ich sogar als erster zurück und wurde Jahrgangserster!