Wie geht es weiter?

Wer alle drei DelfinTeam-Bände gelesen hat und wissen will, was danach zwischen Sandy, Sharky und Ramón passiert ist, der kann das hier nachlesen (Achtung, Spoiler!)

DelfinTeam
Ein Ende und ein Anfang

Katja Brandis

Der Mond war fast voll, und sein silbernes Licht lag über der Lagune von The Deep. Zwei Delfine – Rocky und Kiara – zogen ruhig unter Wasser ihre Runden und kamen nur hin und wieder für einen leisen Atemzug hoch. Selten hatte Sandy in Key West eine so zauberhafte Stimmung erlebt, und sie hatte noch keine Lust, ins Bett zu gehen. Sie und Ramón saßen auf dem Dammweg und blickten über das Wasser hinaus. Er hatte den Arm um sie gelegt. Doch Ramón wirkte seltsam unruhig. Vielleicht denkt er immer noch über den letzten Auftrag, über ihre Zeit in Singapur nach, dachte Sandy. Aber sie täuschte sich.
„Denkst du eigentlich manchmal an die Zukunft?“ fragte Ramón plötzlich.
Sandy war verdutzt. „Die Zukunft? Wieso? Klar, irgendwie schon… meinst du, ob ich mal was anderes machen will als bei The Deep zu arbeiten?“
„Nein“, sagte er. „Ich meine, was du dir für dich selbst wünschst. In der Liebe zum Beispiel.“
Das war ein schwieriges Thema, und Sandy zuckte vorsichtig die Schultern. Worauf wollte er hinaus? Hoffentlich kam jetzt nicht nochmal die Quittung für den Silvesterkuss in Australien!
Doch Ramón klang nachdenklich, nicht vorwurfsvoll. „Ich habe in letzter Zeit öfter darüber nachgedacht“, meinte er. „Lach jetzt nicht, okay? Ich glaube, ich will Kinder. Das klingt hirnrissig, wenn man bedenkt, wie ich im Moment lebe. Aber seit ich dich getroffen habe…“
Er wandte sich ihr zu, nahm ihre Hand. Als Sandy merkte, wie nervös er war, dämmerte ihr etwas. Nein, es sah nicht gerade so aus, als wollte er Schluss machen!
„Sandy, willst du mich heiraten?“ fragte Ramón.
Der erste Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, war: Oh, wow. Doch sie zögerte instinktiv mit der Antwort, und als der erste Glücksrausch verflogen war, nistete sich ein mulmiges Gefühl in ihrer Magengrube ein. Teufel nochmal, er will doch nicht etwa, dass ich ihn demnächst heirate? fuhr es Sandy durch den Kopf. Klar, er ist ein paar Jahre älter als ich, er ist genau in dem Alter, in dem man mit Kindern und sowas anfängt… aber ich…
Etwas in ihr bäumte sich auf, auf einmal hatte sie das Gefühl, zu ersticken. Heiraten – das hieß, über den Rest seines Lebens zu entscheiden. Zumindest, wenn man den Schwur ernst nahm, den man leistete…
„Lass mich ein bißchen darüber nachdenken“, sagte sie vorsichtig, drückte aber seine Hand dabei, um ihm zu zeigen, dass das keine blanke Abfuhr war. Es funktionierte nicht – Sandy spürte, wie enttäuscht Ramón war, wie er sich innerlich wieder von ihr zurückzog. Sie konnte sich denken, was ihm jetzt durch den Kopf ging. Stört sie etwas an mir? Gefällt ihr etwas an unserer Beziehung nicht? Schnell schob sie nach: „Es ist klasse, mit dir zusammenzusein, und du bist ein Mensch, wie man ihn nur ganz selten findet… aber…“
„Schon gut“, sagte Ramón heiser und stand auf.
„Warte!“ Sandy sprang ebenfalls auf. „Kann ich vielleicht mal was erklären? Du weißt, dass ich erst zwanzig bin… ich…“
Doch sie merkte, dass sie nicht mehr zu ihm durchdrang. Er blickte über die Lagune hinaus, beobachtete kurz die Delfine. „Seltsam, dass Rocky um die Uhrzeit nicht im Meer ist…“
Vergiß es, ich wechsele das Thema jetzt nicht, dachte Sandy und drängte: „He. Gib mir doch bitte ein bißchen Zeit. Ist das so schlimm? Komm, wir gehen zu mir.“
„Nein danke“, sagte Ramón steif. „Ich übernachte heute auf der Esperanza.“
„Ich liebe dich“, sagte sie, aber er antwortete nicht, küsste sie nur flüchtig. Dann ging er zwischen den Hibiscusbüschen, die die Bungalows umgaben, davon.
Oh Mann, dachte Sandy, setzte sich wieder an den Rand der Lagune und stützte den Kopf in die Hände. Was für eine komplette Katastrophe…
Sie schlief schlecht in dieser Nacht. Um sechs Uhr wachte sie auf und schaffte es nicht mehr, noch einmal einzuschlafen. Die Szene von gestern lag ihr schwer im Magen. Ich hätte nicht so ungeschickt reagieren sollen, schalt sie sich wieder und wieder. Wenn ich es irgendwie anders gesagt hätte, dann hätte ich ihn vielleicht nicht so verletzt…
Sie zog sich an und tappte in Richtung Fluthaus und Frühstück. Ecco und Amigo schwammen in der Lagune herum, die anderen waren wohl gerade im Meer. Als Sandy über die Lagune hinwegschaute und Richtung Anlegesteg blickte, merkte sie, dass der Mast der Esperanza verschwunden war. Wahrscheinlich ist er segeln gegangen, um den Kopf freibekommen, dachte sie und hoffte mit aller Kraft, dass es ihm nicht zu schlecht ging. Sie fragte sich, wie sie beim Morgentraining um neun miteinander umgehen sollten. Würde er tun, als sei alles wie sonst, oder würde er kühl und abweisend sein? Sie traute ihm beides zu. Wahrscheinlich würde er einfach sein Pokerface aufsetzen, sich seine Gefühle nicht anmerken lassen.
Janine war schon auf, sie hockte in Joggingklamotten in der Küche – die Beine knietief im Wasser – , las Zeitung und aß einen Bagel mit Frischkäse und Tomatenscheiben. Sandy watete zum Kühlschrank, holte sich Milch und Cornflakes und mixte sich ihr übliches Frühstück. Caruso kam hereingeschwommen und streifte pfeifend und schnalzend an Sandys Beinen entlang. „Na, auch schon Appetit?“ sagte Sandy und legte die Hand auf ihren nassen Rücken. „Hast du dir nichts gejagt, Darling?“
Eine halbe Stunde später kam auch Greg, diesmal in einem Hawaii-Hemd mit einem Muster aus violetten Blüten Abwesend schmierte er sich ein Stück lappiges Toastbrot und ging dann hoch in sein Büro. Sandy hörte einen erstaunten Ausruf, dann seine Schritte, als er die Treppe aus dem ersten Stock wieder herunterpolterte. Dann steckte er den Kopf noch einmal in die Küche – und an seinem entgeisterten Gesicht sah Sandy sofort, dass etwas nicht in Ordnung war.
„Mein Gott, Greg, was ist denn?“ fragte Janine und kam Sandy damit zuvor.
„Wißt ihr, was ich auf dem Tisch gefunden habe? Einen Scheck über 20 000 Dollar. Von Ramón. Und einen Brief.“ Greg las laut vor: „Greg, das hier ist meine Kündigung. Ich kann nicht mehr bleiben. Ich weiß, dass es nicht einwandfrei ist, dass ich Rocky und das Dolcom mitnehme, aber vielleicht verstehst du es. Es tut mir ehrlich Leid, dass alles so gekommen ist. Ramón.“
Janines Zeitung flatterte ins Wasser und verwandelte sich dort in einen grauen Lappen. Sandy fühlte, wie ein eiskalter Schauder durch ihren ganzen Körper lief. Das kann nicht wahr sein, dachte sie. Bitte, das kann nicht wahr sein.
„Was zum Teufel ist zwischen euch passiert, Sandy?“ fragte Greg wütend, versenkte den Brief in seiner Hosentasche, setzte die Brille ab und putzte sie an seinem Hemd.
Sandy antwortete nicht. Sie vergaß ihr Frühstück, stand auf und rannte los. Rannte zu ihrem Bungalow. Und tatsächlich, da steckte ein Zettel am Fenster. Sie hatte ihn nicht gesehen, als sie verschlafen aus dem Haus gegangen war. Mit zitternden Fingern riß sie den Umschlag auf und las:

Liebe Sandy,
wenn unsere Liebe keine Zukunft hat, ist es vielleicht besser, einen klaren Schnitt zu machen. Das fällt mir verdammt schwer, glaub mir. Ich habe heute nacht praktisch nicht geschlafen und lange darüber nachgedacht.
Ich wünsche dir und Caruso alles Gute und dass ihr glücklich werdet…
Ramón

An diesem Tag schaffte es Sandy nicht, wie gewohnt zur Arbeit mit den Delfinen anzutreten. Ein Weinkrampf folgte dem anderen, immer wieder überflutete die Trauer sie, riß sie in die Tiefe. Aus, vorbei. Ramón war weg. Sie würde ihn nie wiedersehen. Am schlimmsten war, dass sie im Streit auseinandergegangen waren. Wenn wir uns wenigstens richtig hätten verabschieden können…, dachte Sandy und fühlte sich sterbenselend.
Yuriko blieb bei ihr, besorgte ihr Taschentuchnachschub, hörte sich Sandys geschluchzte Geschichte an und übernahm zu den Trainingszeiten Carusos Betreuung. Sharky war gerade auf einer Übung, die The Deep gemeinsam mit der Küstenwache durchführte – er würde erst in zwei Tagen zurückkommen. Sandy verfluchte die Küstenwache und wünschte, Sharky wäre hier. Sie hätte ihn am liebsten sofort angerufen, ihm alles erzählt. Aber dann tat sie es doch nicht.
„Ich verstehe immer noch nicht, wieso sich Ramón einfach so aus dem Staub gemacht hat“, schluchzte Sandy. „Teufel nochmal, was soll das?“
Yuriko seufzte. „Er ist erstens Latino und zweitens Katholik, das erklärt schon eine ganze Menge. Im Grunde seines Herzens war Ramón eben doch ein Macho – und dass du seinen Stolz so verletzt hat, konnte er wohl nicht wegstecken.“
Ja, dachte Sandy. Sie konnte sich noch gut an sein Motto erinnern: Ich mag meine Freiheit und denke gerne selbst. Er hatte ihr diese Freiheit, die ihm so kostbar war, zum Geschenk machen wollen – und sie hatte abgelehnt. Das musste ein schwerer Schlag gewesen sein. „Wahrscheinlich könnte ich ihn ausfindig machen, wenn ich´s wirklich wollte“, meinte sie schwach. „Ich weiß, wo seine Verwandten in Miami wohnen.“
Yuriko schüttelte den Kopf. „Ich wette, die werden dir nichts sagen.“
„Wieso hat er nicht verstanden, warum ich nicht gleich Ja gesagt habe?“ Sandy fühlte sich gleichzeitig verzweifelt und wütend. „Ich bin gerade erst aus der Schule raus… verdammt nochmal, kann er nicht nachvollziehen, dass ich mich zum Heiraten zu jung fühle?“
„Na ja, wer weiß, in welchem Alter in Kuba geheiratet wird, und da ist er schließlich aufgewachsen…“
Sandy brach wieder in Tränen aus. Wenn das so weitergeht mit mir, werde ich mich  irgendwann in einer feuchten Pfütze auflösen, dachte sie. „Was ist, wenn Greg die Polizei ruft? Wegen Rocky?“
„Ich glaube nicht, dass er das tun wird“, beruhigte sie Yuriko. „Schließlich hat Ramón genug Geld dagelassen. Ich glaube nicht, dass Greg ursprünglich mehr als halb soviel für Rocky bezahlt hat. Außerdem mag… mochte… Greg Ramón. Wir alle mochten ihn sehr.“
Als sie hörte, wie Yuriko in der Vergangenheitsform von Ramón sprach, wurde Sandy endgültig klar: Er kommt nicht zurück. Ich habe ihn verloren. Ein neuer Weinkrampf schüttelte sie, und Yuriko streichelte ihr besorgt den Rücken.
In dieser Nacht wagte sich Sandy erst sehr spät aus dem Bungalow. Sie wusste, dass sich Ramóns Verschwinden innerhalb von Minuten bei The Deep herumgesprochen hatte, und fürchtete die mitleidigen Blick. Sie wollte nur eins, jetzt bei Caruso sein. Sandy zog ihren Badeanzug an und tappte auf bloßen Füßen zur Lagune. Hoffentlich war Caruso mit ihren Freunden nicht so weit rausgeschwommen und hörte ihren Rufton…
Irgendwie schien Caruso gespürt zu haben, dass es ihrer Partnerin schlecht ging. Sie kam sofort, als Sandy an einer flachen Stelle ins Wasser watete und auf den Rufknopf drückte. Sandy setzte sich ins Meer und legte die Arme um Carusos glatten Körper. Sichtlich beunruhigt ließ sich ihre Partnerin im Wasser treiben und pfiff leise. Sandy okay? entzifferte das Dolcom. Sandy gab das Nein-Zeichen und fügte hinzu: Mensch Ramón und Delfin Rocky weg. Caruso stieß einen aufgeregten Pfiff aus und zappelte sich los. Doch schließlich kam sie zurück und hielt geduldig still, als Sandy sie umarmte. Was für einen Reim sie sich wohl darauf machte, was sie erfahren hatte? Sandy wusste, dass es auch bei Delfinen Beziehungen und Partnerschaften gab, die manchmal ein Leben lang hielten und manchmal nach ein paar Jahren auseinandergingen. Vielleicht ahnte sie recht genau, was passiert wurde…
Langsam merkte Sandy, wie sie ruhiger wurde. Etwas getröstet kehrte sie schließlich zum Bungalow zurück. Sie hatte vergessen, bei ihrem Abstecher zur Lagune ein Handtuch mitzunehmen und als sie daheim war, rubbelte sich fröstelnd trocken. Schnell zog sie sich ein weites T-Shirt und eine Jogginghose an, um sich wieder aufzuwärmen.
Jemand klopfte. Sandy überlegte, ob sie aufmachen solle. Sie fühlte sich furchtbar müde vom vielen Weinen. Außerdem war es schon ein Uhr nachts. Aber dann öffnete sie doch.
Draußen stand Sharky. Er trug Windjacke, Rettungsweste und schwere Stiefel. Seine Dreadlocks wirkten feucht und noch verfilzter als sonst von Seewasser und Wind.
Sandy war überrascht davon, wie sehr sie sich freute, ihn zu sehen. „Wieso bist du denn schon wieder da?“ fragte sie und versuchte zu lächeln. Es klappte nicht besonders gut.
„Du stellst manchmal ganz schön blöde Fragen“, sagte Sharky. „Als ich gehört habe, was passiert ist, habe ich für mich und Nelson sofort den Hubschrauber angefordert.“
Sandy konnte nicht anders. Sie brach wieder in Tränen aus. Und so, als wäre es ganz selbstverständlich, trat Sharky über die Schwelle und nahm sie in die Arme.

Als Sandy am nächsten Morgen erwachte, kitzelte etwas sie an der Nase. Es war der Haizahn, den Sharky an einer Lederschnur um den Hals trug. Ohne die Augen zu öffnen schmiegte sich Sandy an den warmen Körper neben sich, der nach Salzwasser, Ölzeug und Mann roch. Unglaublich, er hatte sie die ganze Nacht lang in den Armen gehalten. Und natürlich schlief er noch, Sharky bekam man nie vor acht Uhr wach.
Was für eine seltsame Nacht, dachte Sandy. Die Umarmung gestern hatte sich so gut angefühlt, so richtig, dass es keine Frage gewesen war, ob er noch hereinkommen würde oder nicht. Er hatte sich nur die Jacke und Stiefel ausgezogen, dann hatten sie sich aufs Sofa gesetzt, und Sandy hatte ihm alles erzählt, was passiert war. Danach war es drei Uhr nachts gewesen. Schließlich, nachdem Sandy beinahe auf den Sofa eingepennt war, waren sie ins Bett gekrochen – beide noch angezogen – und hatten sich einfach gehalten. Bis zum nächsten Morgen. Nicht was passiert. Oder eine ganze Menge. Wie auch immer man es sehen möchte, dachte Sandy und spürte eine große Zärtlichkeit für Sharky, eine Wärme, die die Trauer etwas dämpfte.
Dann war es Zeit, sich loszulassen und in die Welt zurückzukehren. Sie zögerten es beide heraus, so lange es ging. Dann stand Sharky seufzend auf und ging ins winzige Bad des Bungalows. Er trug immer noch das T-Shirt und die Cargohose, die er gestern angehabt hatte.
Es war Zeit, sich zu verabschieden. Sie umarmten sich noch einmal, dann küßten sie sich zum Abschied. Schüchtern noch, unsicher. Es war ein eigenartiges Gefühl. Fremd, und doch vertraut. Mein Gott, das hätten wir schon viel früher machen sollen, viel früher, ging es Sandy durch den Kopf, und das Glück berührte sie wie ein Schmetterlingsflügel. Ich glaube, wir haben beide schon ganz lange darauf gewartet…
„Ich muss los“, sagte Sharky schließlich leise, und seine blauen Augen schauten ganz warm. „Wir sehen uns nachher am Becken.“
Als er die Tür öffnete und hinausschlüpfte, sah Sandy Mark, der gerade in der Nähe vorbeiging und natürlich alles mitbekam. Ausgerechnet Mark, dieses Plappermaul, dachte Sandy und seufzte. Jetzt weiß bald die ganze Firma, dass Sharky heute bei mir übernachtet hat… aber so what? Sollen sie doch denken, was sie wollen. Und so sehr daneben liegen sie ja gar nicht. Sandy war selbst überrascht davon, dass jetzt alles so schnell ging. Vielleicht war das der klare Schnitt, wie Ramón es genannt hatte. Es war hart, aber danach war ein neuer Anfang möglich. Vielleicht hatte Ramón das richtige getan. Er hatte ja schon lange gespürt, dass ihr Sharky viel bedeutete. Halbe Sachen waren nichts für ihn… und für Sandy eigentlich auch nicht, wenn sie genau darüber nachdachte. Er hatte ihr die längst fällige Entscheidung abgenommen, und auf einmal war sie ihm dankbar.
So viele neugierige Blicke wie heute hatte Sandy seit ihrem ersten Tag bei The Deep noch nie kassiert. Aber es machte ihr weniger aus, als sie gedacht hatte. Der schwarze Knoten der Trauer in ihrem Bauch schmerzte noch immer, aber nicht mehr ganz so heftig wie gestern. Es war, als habe ihr Sharky von seiner Kraft abgegeben, und nicht zu knapp. Sie schaffte es, Fische für die Fütterung vorzubereiten, ganz normal mit Caruso zu üben – ihre Partnerin benahm sich mustergültig – , eine Schulklasse auf dem Gelände herumzuführen und eine Schicht im Akustiklabor einzulegen. Dann war es endlich Abend; Janine und Alan hatten Küchendienst, und Sandy entschied sich, ihnen zu helfen. Little Joe – Gregs Partner – und Ecco lungerten in der Küche herum, Sandy begrüßte sie kurz.
„Alles klar mit dir?“ fragte Janine besorgt und berührte Sandys Arm.
„Ja, geht schon“, sagte Sandy, und ihr Herz krampfte sich mal wieder zusammen, als sie an Ramón dachte. Ihre Augen wurden feucht. Nie würde sie ihn vergessen, dazu waren die Monate mit ihm zu intensiv gewesen. Sie fragte sich, wo er jetzt war, was er machte. Wahrscheinlich ging es ihm auch ganz schön schlecht…
Schnell lenkte sie sich von diesen Gedanken ab, indem sie noch ein halbes Dutzend Tomaten hackte. Im Vorraum hörte sie Sharkys Stimme, und ihr Herz schlug schneller. Er scherzte gerade mit Alan, witzelte über die Übung mit der Küstenwache und Little Joes Appetit, der bei The Deep schon eine Art Running Gag war.
Alan verschwand, um Getränkenachschub zu holen, und Janine lockte die beiden Delfine in den Versammlungsraum, um beim Kochen Ruhe vor ihnen zu haben. Auf einmal waren Sandy und Sharky einen Moment lang allein. „Magst du heute abend zu mir kommen?“ fragte er leise, und Sandy nickte. Sie freute sich darauf, aber sie fragte sich auch, ob sie nicht dabei war, einen schweren Fehler zu machen. Was war, wenn es mit Sharky nicht klappte? Sandy dachte an Yurikos Grundsatz „Fang niemals etwas mit einem Kollegen an“. Wenn sie sich jetzt auf einander einließen und dann doch zerstritten, würde es schwer werden, weiterhin hier zu arbeiten, dann war ihre Zeit bei The Deep vorbei. Sharky war kein einfacher Mensch. Hatten sie zusammen überhaupt eine Chance?
Sandy dachte an die letzte Nacht, und ihr Herz gab die Antwort. Egal. Ich lasse es einfach drauf ankommen.
Nach dem Essen schwamm Sharky noch eine halbe Stunde lang mit Nelson, dann verschwand er in Richtung seines Bungalows. Die Nr. 2, in der er wohnte, lag hinter dem Südbecken, ein Stück von den anderen Gebäuden entfernt. Nebenan wohnten Greg und Sue, auf der anderen Seite Alan und seine Familie.
Verlegen klopfte Sandy an der Nr. 2 an. Sharky öffnete, und sie umarmten sich. Neugierig sah sich Sandy in seiner Behausung um; erst jetzt fiel ihr auf, dass sie noch nie hier gewesen war. Sie hatten sich fast immer im Fluthaus, am Rand der Becken oder der Lagune getroffen.
Sharkys Bungalow war geräumiger als der, in dem sie wohnte, enthielt aber weniger Möbel. Statt eines Betts gab es nur eine breite Matratze, die direkt auf dem Boden lag – eine bunte indische Decke lag darüber. Daneben ein kleiner Tisch mit einem Laptop darauf und ein Gewirr von Kabeln. Zwei Sessel. Ein randvolles CD-Regal – gerade lief leise indische Sitar-Musik -, ein Dutzend Sachbücher. Auf dem Fensterbrett eine kleine schwarze Buddha-Statue, ein Stück Koralle und ein siebenarmiger Leuchter aus Messing. An den Wänden hatte er mit Reißnägeln ein paar Poster aus Surf-Zeitschriften befestigt – auf einem davon erkannte sie ihn selbst, atemlos im blauen Tunnel einer Welle. An einer anderen Wand hing der japanische Holzschnitt einer schäumenden Welle, daneben ein halbes große Dutzend Fotos von Nelson.
Sharky legte eine andere CD ein. Sandy erkannte sie sofort: Rattle and Hum von U2 – er wusste natürlich, wer ihre Lieblingsband war. Dann setzte er sich aufs Bett, eine Flasche Corona in der Hand, und lehnte sich an die Wand. „Die Decke, den Buddha und einen ganzen Stapel CDs habe ich aus Thailand mitgebracht“, sagte er. „Wir hatten mal einen Auftrag da, Nelson und ich, wir haben nach dem Tsunami geholfen, im Meer nach Überlebenden zu suchen. Danach brauchte ich ein paar Tage in Bangkok, um die schrecklichen Bilder aus meinem Kopf zu kriegen.“
Sandys Herz klopfte. Sie ließ die Finger über die Buddha-Statue gleiten, schaute sich den Leuchter genauer an und nahm die Koralle in die Hand. „Und woher hast du die?“
„Das ist ein Souvenir vom Surfen. Mein erster großer Wettbewerb, auf Tahiti. Bin gestürzt und ganz schön heftig in die Korallen geschleudert worden. Die Narben habe ich heute noch. Damals dachte ich: Okay, wie du mir, so ich dir.“
Sandy lachte.
„Weißt du eigentlich, dass es fast auf den Tag genau ein Jahr her ist, dass du bei The Deep angekommen bist?“ sagte Sharky. Seine Stimme klang ganz weich.
Wie hätte sie das vergessen können! „Ja, klar“, sagte Sandy und fand schließlich doch den Mut, sich neben ihn aufs Bett zu setzen. Er legte den Arm um sie, und sie ließ den Kopf auf seine Schulter sinken. Sofort erinnerte sie sich daran, wie sie das schon einmal getan hatte – damals nach Hollys Tod, als sie Trost so dringend gebraucht hatte. Und wieder, wie damals, tat es gut, ihm so nahe zu sein. Aber es machte sie auch unsicher…
„Du zitterst ja“, sagte Sharky leise und legte eine Hand auf ihre Wange.
Und dann lagen sie eng aneinandergeschmiegt auf der Matratze und hielten sich in den Armen. Sharky streichelte ihr Haar, ihr Gesicht, ihre Hüfte. Sandy fühlte sich so scheu wie selten zuvor, als sie die Hand unter sein T-Shirt gleiten ließ und über seine warme Haut strich. Sharky. Wie cool er getan hatte, damals, an diesem ersten Tag. Und was für ein Mensch sich unter dieser schützenden Schale verbarg…
„You say you´ll give me eyes on a moon of blindness“, sang Bono. „A river in a time of dryness, a harbor in the tempest. All the promises we make, from the cradle to the grave – when all I want is you…
Vorsichtig strich sie über seinen linken Oberschenkel, fühlte die Narbe unter ihren Fingern – dort und am Schienbein hatte ihn der Tigerhai erwischt. Jetzt war es Sharky, der zitterte. Am liebsten hätte Sandy ihm wie schon damals in Australien gesagt, dass es nichts gab, für das er sich schämen musste. Aber es war nicht die Zeit für Worte. Und schon bald fühlte sie, wie er sich unter ihren Fingern entspannte.
Mit ihm hier zu liegen war so schön, dass Sandy wieder einmal weinen musste. Vorsichtig wischte ihr Sharky die Tränen aus den Augenwinkeln. „Ich will nicht, dass du unglücklich bist.“
„Manchmal weint man auch, weil man glücklich ist“, flüsterte Sandy, und sie umarmten sich so fest, dass es beinahe weh tat.

„Sag mal, was genau hast du eigentlich mit Sharky gemacht?“ witzelte Yuriko. „Ich kenne ihn ja schon ein paar Jahre, aber so wie jetzt war er noch nie!“
Es stimmte. Sharky war wie ausgewechselt. Er lachte viel, riss Witze mit den anderen, war freundlich zu Besuchern, statt sie wie früher einfach zu ignorieren. Keine Spur mehr von dem zurückhaltenden, manchmal fast arroganten jungen Mann, den sie in ihren ersten Tagen bei The Deep kennengelernt hatte. Nelson ließ sich von der guten Laune seines Partners anstecken. Er platzte fast vor Energie und zeigte, lautstark angefeuert von Sharky, in der Lagune so spektakuläre Sprünge, Tailwalks und Rückwärtssaltos, dass Sue ihren Fotoapparat holen rannte.
Übermütig sagte Sandy zu Caruso: „Was ist, magst du mitmachen?“, stellte sich zu Sharky auf die Trainingsplattform und gab ihrer Partnerin die gleichen Befehle. Es war ein herrlicher Anblick, wie die beiden großen Tiere sich aufeinander abgestimmt bewegten, synchron in die Luft katapultierten. So etwas beherrschten Delfine perfekt, sie schienen fähig zu sein, sich in Sekundenbruchteilen abzusprechen.
Inzwischen hatte sich am Beckenrand fast das ganze Personal von The Deep versammelt, und nach jeder Übung gab es Hochrufe und Applaus. Wie alle Delfine liebten auch Nelson und Caruso Aufmerksamkeit, und sie machten immer begeisterter mit. Sandy konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zuletzt soviel Spaß gehabt hatte.
Zum Schluss leerten sie und Sharky – beide breit grinsend und mit glänzenden Augen – ihre Fischeimer ins Wasser. Diesen „Jackpot“ hatten sich ihre Partner verdient. Dann schlossen Sandy und Sharky sich in die Arme und küssten sich lange.
„Wow“, sagte Yuriko. „Glückwunsch!“
„Zwick mich mal“, sagte Greg Arrowsmith zu Yuriko. „Ich glaube, ich träume.“
Yuriko zwickte ihn, und Greg verzog das Gesicht. „Okay, okay, ich träume nicht. Das heißt, wir haben ein neues Viererteam, das in Zukunft zusammen Aufträge erledigt. Kann das sein?“
Niemand antwortete ihm. Die anderen Mitarbeiter von The Deep hatten sich auf Zehenspitzen zurückgezogen. Und weder Sandy noch Sharky hörten zu.