Leseprobe aus Feuerblüte Band 2

1. Kapitel
Der Lockruf der Gefahr

Auf den ersten Blick sahen Skorpionkatzen fast niedlich aus. Ihr silbriggrauer Pelz schützte sie tagsüber vor der Sonne und nachts vor der Kälte auf den Ebenen von Tassos, der Provinz der Feuer-Gilde. Wie alle Nachtjäger hatten sie große dunkle Augen. Ausgewachsen gingen sie einem Menschen gerade mal bis zum Knie. Doch ihre Klauen waren messerscharf, und über ihrem Rücken wölbte sich der Schwanz mit dem Giftstachel, der sie zu tödlichen Gegnern machte.
Der Gedanke, eine von ihnen zu zähmen, ging Alena nicht aus dem Kopf. Allen Jugendlichen war es streng verboten, sich mit den Katzen anzulegen. Noch ein Grund mehr, genau das zu tun. Es durfte nur niemand davon erfahren.
Ihr Vater Tavian war in der Schmiede, er schliff gerade einen Dolch. Er blickte nur kurz auf, als sie ihr Smaragdschwert anlegte und sich den Umhang über die Schultern warf. „Wohin gehst du?“
„Vielleicht zu den Phönixbäumen, mal schauen“, sagte Alena und strich sich das glatte rotbraune Haar aus der Stirn. Tavian nickte und konzentrierte sich wieder auf den Dolch. Alena schnappte sich den Lederbeutel mit Essensresten, den sie vorbereitet hatte, und ließ die metallne Tür der Pyramide hinter sich einrasten. Sie achtete darauf, dass niemand sie sah, als sie vom Pfad abbog und in Richtung der Ebene ging.
Skorpionkatzen sind nicht so bösartig, wie viele glauben, dachte Alena mit klopfendem Herzen. Hatte sie nicht mit eigenen Augen gesehen, wie zwei von ihnen schnurrend um Tjeri, den Gefährten ihrer Tante Rena, herumgestrichen waren? Gut, Tjeri war ein Sonderfall, alle Tiere liebten ihn. Aber dafür kam Alena mit Raubtieren besonders gut klar. Wer war schon wie sie mit einem Iltismenschen befreundet? Cchraskar war gerade unterwegs, sonst wäre er bestimmt mitgekommen zu den Katzen. Er liebte riskante Ausflüge.
Alena blickte zum Himmel, um die Zeit zu schätzen. Sie hatte noch einen Viertel Sonnenumlauf, bis die Nacht hereinbrechen würde. In der Dämmerung gingen Skorpionkatzen auf die Jagd, manchmal im Rudel, manchmal allein. Wer ihnen dann begegnete, war in höchster Gefahr. Tagsüber schliefen sie meist, verkrochen in Felsspalten oder eingegraben in den lockeren schwarzen Sand. Es war wichtig, sie in dieser Zeit, wenn sie nicht so angriffslustig waren, besser kennenzulernen.
Alena kletterte auf einen Felsen, um nach einem Rudel Ausschau zu halten. Sie balancierte auf der Spitze des Gesteinsbrockens und blickte über die zerklüfteten schwarzen Ebenen ihrer Heimat hinweg. Es war ein heißer Frühlingstag, die Luft flimmerte über dem sandigen, mit Steinen übersäten Boden. Hier und da wuchsen kniehohe Romeras-Büsche mit ihren langen, spitzen Blättern oder lugte der Keim eines Phönixbaums durch den Sand. Im Norden, ganz weit in der Ferne, erkannte Alena einen grünen Saum, dort begann die Provinz Alaak.
Sie wandte den Blick wieder ihrer näheren Umgebung zu. Da! Diese kleinen Hügel ein paar Funkenflüge entfernt sahen verdächtig aus. Vorsichtig ging Alena darauf zu. Im letzten Moment bemerkte sie, dass der Sand vor ihr sich leicht bewegte, sonst wäre sie auf eine der Katzen getreten. Das Tier fuhr auf, und Sand rieselte von seinem gesträubten silbergrauen Fell. Schwarze Ohrenspitzen – es war ein junges Männchen. Alena machte erschrocken ein paar Schritte zurück. Kein Rudel in Sicht. Vielleicht war das ein Einzelgänger. So wie sie…
„Na, Kleiner?“ sagte Alena und wagte nicht mehr, sich zu rühren. Der Skorpionkater beobachtete sie und hielt den Stachel drohend gekrümmt. Wetten, er hatte genau so eine Höllenangst wie sie selbst? Wahrscheinlich überlegte er gerade, ob er weglaufen oder angreifen sollte…
Doch der Kater konnte sich scheinbar für keins von beiden entscheiden. Ratlos blickte er sie an und  stieß einen fragenden Laut aus, der wie ein mißglücktes Maunzen klang.
„Gut, dann muss ich wohl den nächsten Schritt tun“, sagte Alena. Nervös ging sie noch etwas zurück. Sie musste das Tier irgendwie beruhigen, es an sich gewöhnen. Langsam, ganz langsam setzte sie sich eineinhalb Menschenlängen von ihm entfernt in den heißen schwarzen Sand, um weiter mit ihm zu reden. Tatsächlich, der Kater beruhigte sich etwas und witterte neugierig. Doch Alena hatte ein mulmiges Gefühl bei der Sache. Würde sie schnell genug außer Reichweite kommen können, wenn der Kater angriff?
Aus dem Augenwinkel bemerkte Alena eine Bewegung. Langsam, um den Skorpionkater nicht zu erschrecken, wandte sie den Kopf – und sprang hastig auf.
Es war sehr wohl ein Rudel in der Nähe. Alenas Stimme hatte sie aufgeweckt. Überall rieselte der Sand von grauen Körpern, die sich reckten und in ihre Richtung wandten. Es waren zehn, zwanzig, mehr als zwanzig Tiere!
„Äh, ja, ich glaube, ich gehe jetzt lieber wieder.“ Alena wich zurück. Die Skorpionkatzen begannen, sie einzukreisen, krochen mit glitzernden Augen auf sie zu.
Welcher Idiot hat eigentlich behauptet, dass sie nur in der Dämmerung gefährlich sind? dachte Alena und zog ihr Schwert. Glatt lag der vertraute Griff in ihren Handflächen. Mit der blanken Klinge vor sich drehte sich Alena um sich selbst, so dass die Katzen zurückwichen. Es sind zuviele, dachte sie, selbst Pa könnte es nicht mit so vielen gleichzeitig aufnehmen. Vielleicht konnte sie eine Flammenwand um sich ziehen… aber die konnte sie höchstens ein paar Atemzüge lang halten…
Nein, es gab nur eine Chance. Alena löste langsam den Lederbeutel mit dem Futter vom Gürtel ihrer Tunika. Sie schleuderte den Beutel weit von sich weg – und tatsächlich, die Katzen witterten, was darin war, rasten dem Beutel nach und balgte sich schrill kreischend um das Futter.
Alena machte, dass sie weggkam. Sie rannte, bis sie wieder an den Grenzen des Dorfs und damit in Sicherheit war. Schwer atmend und erleichtert bog Alena auf den Fußpfad nach Gilmor ein.
Weit kam sie nicht.
„He, du – Alena!“, sagte die Stimme eines Mädchens, und Alena erschrak. In der Dunkelheit neben dem Weg saß jemand!
Die Stimme murmelte eine Formel, und eine kleine Flamme loderte hoch. Sie beleuchtete Jelicas herzförmiges Gesicht mit dem kleinen Grübchen am Kinn. Das Licht der Flamme tanzte in ihren weit auseinanderstehenden Augen und auf ihren dunklen Haaren, die ihr Gesicht wie eine Wolke umgaben.
Angespannt blieb Alena auf dem Pfad stehen. Sie mochte Jelica, sie hatte begonnen, sich mit ihr und ihrem Bruder Kilian anzufreunden. Beide gehörten so wie sie zur Feuer-Gilde. Aber ihr wäre lieber gewesen, niemand hätte sie zurückkommen gesehen. Was tat Jelica hier? Um diese Uhrzeit waren die meisten Dorfbewohner daheim oder in der Schänke.
„Ich weiß, was du gemacht hast“, sagte Jelica.
„Ach ja?“ sagte Alena vorsichtig.
„Du warst draußen bei den Skorpionkatzen.“
Alena verließ den Weg und setzte sich neben Jelica in das stachelige Wüstengras. Ihr Inneres war in Aufruhr. Woher wußte Jelica das? Sah aus, als wäre sie nicht vorsichtig genug gewesen!
Jelica lachte übermütig. „Ich beobachte dich schon seit einer Weile. Seit du aus Ekaterin zurück bist. Du machst immer gefährlichere Sachen. Erst hast du an den Phönixbäumen herumgeschnitzt, dann hast du Meisterin Kyria so lange gereizt, bis sie dich fast zum Duell gefordert hätte, und jetzt die Katzen… was wirst du als nächstes machen? Mit Kaltem Feuer experimentieren?“
Alena grinste in die Dunkelheit. Alles hatte Jelica also nicht rausbekommen! Alena wußte schon seit letztem Winter, wie man mit Kaltem Feuer umging. „Ich glaube, ich muß raus aus diesem Dorf“, sagte sie. „Es macht mich noch ganz verrückt, hier festzusitzen. Eigentlich wollte ich ja gar nicht zurückkommen….“ Sie atmete tief durch. „Mein Vater geht einfach davon aus, dass ich ihm in der Schmiede helfe und sie mal übernehme, wenn ich mehr Erfahrung habe.“
„Dann sag ihm doch, dass du das nicht willst.“ Jelica löschte die Flamme wieder, so dass sie im Dunkeln saßen. Jetzt war es fast schon gemütlich. Niemand würde sie hier finden. Zumindest, wenn nicht gerade jemand aus der Erd-Gilde vorbeikam – die konnten gut im Dunkeln sehen.
„Ich weiß selber nicht so genau, was ich will“, gestand Alena. „Ich habe das Gefühl, dass ich meine Aufgabe noch nicht gefunden habe. Meinen Weg.“
„Du kannst eine Menge machen. Immerhin bist du die beste Schwertkämpferin der ganzen Gegend. Ich jedenfalls werde reisende Goldschmiedin. Erstmal für ein paar Winter. Das könnte lustig werden.“
„Klingt gut“, sagte Alena. Das Lob machte sie verlegen. Ihr Vater Tavian, ein Meister vierten Grades, berühmter Waffenschmied und Kämpfer, hatte sie seit ihrer Kindheit unterrichtet. Jetzt, mit sechzehneinhalb Wintern, war sie selbst den meisten Erwachsenen weit überlegen.
Alena kam nicht dazu, weiterzusprechen. Der Schein von Fackeln näherte sich aus dem Dorf, jemand kam den Weg entlang. Mehrere Menschen. Alena fragte sich, was sie um diese Zeit hier wollten. Sie schienen es eilig zu haben und redeten aufgeregt.
„Gehen wir besser“, flüsterte Jelica, und Alena hörte, wie sie aufstand und davonschlich. Sie folgte dem Geräusch ihrer leisen Schritte, so gut es ging, und merkte, dass Jelica zu der Pyramide ihrer Eltern schlich.
Alena zögerte. Sie verstand sich nicht sonderlich gut mit den Eltern von Kilian und Jelica. „Äh… ich glaube, ich komme lieber nicht mit.“
„Quatsch. Hast du Angst, dass sie dich sehen? Ich schmuggle dich einfach in unsere Zimmer.“
Jelica hielt Wort. Zehn Atemzüge später schlichen sie sich ins Zimmer ihres Bruders, einen mit Schriftrollen vollgestopften Raum, in dem es ein wenig muffig roch. Alena wurde immer ein bißchen neidisch, wenn sie sah, wieviele Bücher Kilian hatte. Sie lieh sich jede Woche ein oder zwei Rollen von ihm aus. Manchmal überlegte Alena, ob sie ihm verraten sollte, dass sie Gedichte schrieb. Bisher hatte sie sich nicht getraut. Ein solcher Zeitvertreib galt in der Feuer-Gilde als verdächtig und verweichlicht.
Kilian hockte auf seiner Schlafmatte, eine vergilbte, fleckige Landkarte auf den Knien. Als sie hereinkamen, schaute er nur kurz auf und vertiefte sich dann wieder in die Karte. Abwesend zupfte er am Ärmel seiner Tunika, der ein ganzes Stück über dem Handgelenk endete. Kilian war im letzten Winter so sehr gewachsen, dass er ständig neue Sachen und an seine Körpergröße angepaßte Übungsschwerter brauchte. Obwohl er vierzehn war, zwei Winter jünger als Jelica und Alena, überragte er sie schon.
„He, wo hast du die Karte her?“ Jelica warf sich neben ihn auf die Schlafmatte, und Alena setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. „Sieht aus wie frisch ausgebuddelt.“
„Sozusagen. Ich habe sie gestern in der Schlucht gefunden, wo Zarko immer noch Dhatla-Erschrecken spielt. Vielleicht hat ein Händler sie verloren, als sich sein Reittier eingegraben hat. Ich habe gehört, dass viele Luft-Gilden-Leute sich ihre eigenen Karten zeichnen – das hier sieht aus wie so eine.“
Alena reckte den Hals, um einen Blick darauf zu erhaschen. Es gab nicht viele gute Karten von Daresh, sie hatte erst einmal eine gesehen. Ja, das Ding sah wirklich aus wie selbst gezeichnet, außerdem war es dreckig und abgegriffen „Laß mal sehen. Ist Gilmor auch drauf?“
„Ja.“ Kilian lachte. „Obwohl ich nicht weiss, warum sie so einen Fliegendreck wie Gilmor eingetragen haben. Schau mal, da ist Carradan. Man könnte glatt Heimweh kriegen.“
Carradan war eine große Stadt in den Bergen des Südens; die Geschwister waren dort aufgewachsen und erst vor zwei Wintern mit ihren Eltern nach Gilmor gezogen.
Neugierig ließ Alena den Blick über die Karte gleiten. Sie erkannte die Umrisse der vier Provinzen von Daresh – im Norden Alaak, wo vor allem Menschen der Erd-Gilde wohnten. Im Zentrum und Süden Tassos, das von der Feuer-Gilde kontrolliert wurde, im Westen Vanamee, die Heimat der Wasser-Gilde, und im Osten Nerada, die Provinz der Luft-Gilde.
„Was ist eigentlich um die Provinzen herum?“ fragte Alena stirnrunzelnd. „Auf der Karte bleibt das alles leer, das ist doch komisch.“
„Was soll da sein?“ Jelica blickte sie stirnrunzelnd an. „Da ist Daresh eben zuende.“
„Aber es sieht so klein aus! Das kann doch nicht die ganze Welt sein! Was ist auf der anderen Seite?“
„Ist Daresh nicht groß genug für dich?“ Jelica lachte und drehte den schweren silbernen Ring, den sie sich selbst geschmiedet hatte, am Finger. Er hatte die Form eines Vogels; seine Schwingen bildeten die Seiten des Rings.
Kilian war ernst geblieben. „Ich glaube nicht, dass irgend jemand genau weiß, was draußen ist. Vater hat erzählt, dass es eine magische Grenze rund um Daresh gibt, über die man nicht drüberkommt. Dass die Grenze vor ganz langer Zeit vom Alten Volk geschaffen worden ist und von Sieben Türmen aufrecht erhalten wird. Um Daresh zu schützen.“
„Ich habe gehört, auf der anderen Seite ist nur Wüste.“ Jelica klang nicht besonders interessiert. „Es soll sehr gefährlich sein dort. Warum sollte jemand aus Daresh auf die andere Seite gehen wollen? Das ist doch sinnlos.“
„Ich fände das schon spannend“, verteidigte sich Kilian. „Jenseits der Grenze soll es noch viele Spuren und Ruinen des Alten Volks geben.“
„Jetzt fängt er gleich wieder vom Schatz von Atakán an“, sagte Jelica spitz zu Alena. „Das Thema hatten wir schon ungefähr zehntausend Mal. Kilian will unbedingt reich und berühmt werden.“
„Ja, und?“ sagte Kilian. „Du willst lieber arm und unbekannt bleiben, was? Macht nichts, dann behalte ich den Schatz eben alleine, wenn ich ihn finde.“
„Was soll das für ein Schatz sein? Jede Menge Gold?“ Alena meinte sich zu erinnern, dass sie mal etwas darüber gelesen hatte. Aber es waren nur ein paar Zeilen gewesen.
Kilian öffnete den Mund, aber Jelica kam ihm zuvor. „Nein. Es ist ein besonderer Schatz, einer, den das Alte Volk hinterlassen hat. Es sind lauter Würfel, die einem Glück, Reichtum, Schönheit, Liebesglück und sowas verschaffen können, wenn man sie benutzt. Aber das ist nur ein Gerücht. Kein vernünftiger Mensch glaubt daran, dass es diesen Schatz gibt.“
„Ach, und ich bin nicht vernünftig oder was?“ Kilian war beleidigt.
Jelica grinste und wandte sich an Alena. „Das Problem ist auch, dass der Schatz angeblich jenseits der Grenze liegt… und dass keiner, der danach gesucht hat, je zurückgekommen ist…“
Alena hörte nicht mehr zu. Ihre Fingerkuppen strichen über das glatte Pergament der Karte, ihre Augen folgten den Linien, die die Grenze markierten. Sie überlegte, ob es einen Weg gab, wie sie dorthin kommen konnte. Und darüber hinweg. Diese leeren Flecken auf der Landkarte forderten sie heraus. Ihr Herz schlug so schnell wie damals, als sie sich selbst ihr Meisterschwert verliehen hatte. Vielleicht ist das meine Aufgabe, dachte sie. Herauszufinden, was jenseits der Grenze liegt. Im Land der Sieben Türme.
Ihre Fingerkuppen bemerkten eine ungewöhnlich raue Stelle auf der Karte. Alena runzelte die Stirn. „Moment mal, was ist denn das?“
„Was? Gib mal her.“ Kilian beugte sich so dicht über das Pergament, dass seine Nase es fast berührte. „Ich glaube, da hat jemand eine Eintragung wieder entfernt…“
Er untersuchte es ganz genau, gab dann schweigend die Karte an Alena weiter. Als sie die schwachen Buchstaben entziffert hatte, fühlte sie ein Kribbeln durch ihren Körper laufen. „Also, das erste ist ein A, und das zweite könnte ein t sein…“
„Atakán“, sagte Kilian leise.
„Wunschdenken.“ Jelica schüttelte den Kopf. „Man kann nur zwei Buchstaben lesen. Du interpretierst da etwas…“ Plötzlich hob sie den Kopf. „Was genau ist da draußen eigentlich los?“
Sie lauschten. Tatsächlich, draußen schien es irgendeinen Aufruhr zu geben. Sie hörten laute Stimmen, rennende Füße.
„Los, schauen wir nach“, sagte Alena.
Doch bevor sie aufstehen konnten, näherten sich ihnen schnelle Schritte innerhalb des Hauses. Rostfraß! Nervös überlegte Alena, ob sie sich verstecken sollte. Doch schon wurde die Tür von Kilians Zimmer aufgerissen. Alena erkannte die Mutter der Geschwister. Sie streifte Alena nur mit einem kurzen Blick, schien kaum zu bemerken, dass sie da war.
„Schnell“, sagte sie. „Wir sollen alle auf den Dorfplatz kommen.“
„Was ist denn passiert?“ rief ihr Kilian hinterher, doch seine Mutter war schon wieder verschwunden.
Alena und die Geschwister tauschten Blicke. Dann griffen sie sich ihre Umhänge und Schwerter und hasteten nach draußen.

„Was hast du in meinem Stall zu schaffen, Gildenloser?“
Eine harte Hand packte Jorak, schleuderte ihn mit Wucht gegen die Wand des Dhatla-Stalls und warf ihn zu Boden. Blitzschnell rollte Jorak sich weg, zwischen die riesigen Beine der Dhatlas. Der Fußtritt, der auf seine Rippen gezielt war, ging ins Leere. Dafür lag Jorak jetzt zwischen armlangen Grabkrallen, die ihn ohne Mühe durchbohren konnten. Doch er hatte keine Angst. Er wußte, dass die Dhatlas nicht auf ihn treten würden. Sie hatten sich in den letzten Wochen an ihn gewöhnt. Eine riesige keilförmige Schnauze senkte sich über ihn, blies ihm warmen, nach Pflanzenbrei riechenden Atem in den Nacken.
„Scher dich fort, du räudige Baumratte!“ schrie der Händler.
Jorak kam wieder auf die Füße. Ihm fiel ein Fluch der Feuer-Gilde ein, den er von seinem Vater gehört hatte, vor langer Zeit. „Möge die Flamme Euch verzehren, bis Ihr zu jämmerlichen kleinen schwarzen Klümpchen geworden seid!“
Er genoß den erschrockenen Ausdruck des Händlers und glitt nach draußen. Schade, dachte er, als er in das Gewirr der Gassen eintauchte, aus dem der Blaue Bezirk Ekaterins bestand. Der Stall war bequem gewesen. Jetzt mußte er sich eine neue Bleibe suchen. Eigentlich hätte er wie die anderen Gildenlosen im Schwarzen Bezirk von Ekaterin leben müssen, so lautete das Gesetz. Doch Jorak hasste den Gestank und das Elend des Schwarzen Bezirks. Außerdem fühlte er sich den anderen Gildenlosen nicht sehr verbunden. Die meisten von ihnen waren für irgendein Verbrechen aus ihren Gilden ausgestoßen worden und wurden nun behandelt wie Aussätzige. Er dagegen gehörte zu den wenigen Menschen Dareshs, die nie einer Gilde angehört hatten. Aber wen interessierte dieser Unterschied?
Als Jorak durch die Straßen streifte, hielt er nach Möglichkeiten Ausschau, etwas Eßbares aufzutreiben. Er hatte an diesem Tag noch nichts in den Magen bekommen, ihm war schon schwindelig vor Hunger. Geschickt ließ Jorak von einer schwer beladenen Handelskarawane, die gerade ihre Waren in Lagerhäuser bringen ließ, ein paar Handvoll Felizas-Sprossen und Rillza-Nüsse mitgehen. Niemand bemerkte es.
Ich könnte erstmal bei Kerrik und Lilas unterschlüpfen, überlegte Jorak. Doch er haßte es, von der Großzügigkeit anderer abhängig zu sein, und er wollte nicht, dass die beiden Ärger bekamen, weil sie einem Gildenlosen Gastrecht boten.  Außerdem hatte er gerade sowieso keine Lust, Kerrik zu sehen. Es hatte keinen Sinn, drumherumzureden – die Sache mit Alena hatte ihre Freundschaft angeknackst. Er konnte einfach nicht vergessen, dass sie mit Kerrik… nein, er wollte jetzt nicht daran denken.
Stattdessen überlegte er, was er an diesem Tag Neues machen konnte. Er hatte sich einmal geschworen, jeden Tag etwas zu tun, was er nie zuvor getan hatte. Dadurch blieb sein Geist beweglich, und es konnte ihm nie passieren, dass er ein Sklave seiner Gewohnheiten wurde. Denn das war nicht nur langweilig, es konnte auch leicht gefährlich werden, wenn man so lebte wie er.
Das Neue konnte eine Kleinigkeit sein, zum Beispiel eine ungewöhnliche Frucht zu probieren oder eine Straße zu erkunden, die er sonst nie entlangging. An manche Dinge erinnerte er sich noch genau. Wie er zum ersten Mal mit einem Natternmenschen gesprochen hatte (eine interessante Erfahrung, auch wenn er nicht viel verstanden hatte). Wie er versucht hatte, eine Audienz beim Stadtkommandanten zu bekommen (hatte nicht geklappt, zählte aber trotzdem). Wie er in eins der Gasthäuser gegangen war, zu denen nur Feuerleute Zutritt hatte (er war nach zweimal zehn Atemzügen rausgeflogen). Oder wie er zum ersten Mal ein Mädchen geküßt hatte (sie war nur vorübergehend in der Stadt gewesen, er hatte sie nie wiedergesehen).
Doch heute fiel ihm nichts ein. Das war ärgerlich. Sonst hatte er immer jede Menge Einfälle. Zum Glück meistens dann, wenn er sie brauchte. Er hatte sich daran gewöhnt, sich auf seinen Verstand zu verlassen. Doch heute schien sein Kopf wie leergefegt.
Vielleicht lag das daran, dass auch mit Ekaterin irgendetwas nicht stimmte. Wie immer, wenn er durch die Bezirke streifte, beobachtete er ständig, erspürte Stimmung und Pulsschlag der Stadt, registrierte, was sich wo tat. Heute lag eine komische Spannung über dem Blauen Bezirk. Irgendwas ist anders heute, dachte Jorak und schlenderte zu ein paar Händlern hinüber, die er flüchtig kannte. Sie diskutierten aufgeregt miteinander.
„He, was gibt´s Neues?“ fragte Jorak.
Sie sagten es ihm.
„Beim Nordwind, das darf doch einfach nicht wahr sein“, sagte Jorak und ließ sich auf einen Sack Frühlingsmehl nieder, der gerade abgeladen worden war. Er hatte das Gefühl, dass seine Beine ihn auf einmal nicht mehr trugen.
Auf einmal wusste er, was er heute Neues tun würde. Er würde sich ein Schwert besorgen.