Leseprobe aus „Gepardensommer“

Aus dem 2. Kapitel
Die Katzen von Otjiwarongo

Nein, die Geparden verstanden kein Deutsch. Aber dafür Englisch. Und das war gut so, sonst hätte ich sie an meinem ersten Tag auf Ounene eúlu vielleicht gar nicht zu Gesicht bekommen.
„Come heeeeere, come heeeere“, sang die junge schwarze Helferin, sie hieß Dessie Amathila, wenn ich es richtig verstanden hatte. Ich ließ den Blick gespannt über das gelbbraune Gras schweifen, über die niedrigen, knorrigen Bäume, die hier und da aufragten, über die Pfotenspuren im rötlichbraunen Sand auf der anderen Seite des Maschendrahts. Das Gepardengehege vor dem wir standen, war so groß, dass man den Zaun auf der anderen Seite nicht sehen konnte. Herrlich viel Platz für Katzen, die in Freiheit den ganzen Tag herumstreifen, rastlose Wanderer auf der Suche nach Beute. Aber was war, wenn sie sich den ganzen Tag irgendwo auf der anderen Seite des Geheges herumtrieben und wir nicht mal ein Schnurrhaar von ihnen zu Gesicht bekamen? Das kannte ich aus dem Wildpark. Da durfte man ein Waldstück bewundern, in dem sich angeblich Wölfe oder Elche herumtrieben, aber zu sehen bekam man sie doch nie. Dann witzelte man, dass sie wahrscheinlich in Urlaub waren, und ging enttäuscht weiter zu den Kamerunschafen.
Das war normalerweise völlig okay. Aber nicht jetzt. Ich war übermüdet, die afrikanische Sonne schälte mir gerade die Haut von der Nasenspitze, die vollen Futterschüsseln in meinen Händen wurden immer schwerer, und ich wollte jetzt sofort einen Geparden sehen. Oder noch besser, gleich mehrere.

Nichts rührte sich im Gehege.
„Macht nichts“, sagte Dessie und grinste, als sie meine enttäuschte Miene sah. „Wahrscheinlich sind sie gerade ziemlich weit weg. Aber wenn wir reingehen, kriegen sie das mit und sind ganz schnell da. Sie wissen ja, dass wir ihr Fresschen dabeihaben.“
„Äh, Moment mal – wir gehen da rein?“
Jetzt lachte Dessie über das ganze Gesicht. Das war ein toller Anblick. Ihr Gesicht hatte die Farbe von Vollmilchschokolade, und ihre runden Backen glänzten. „Ja, klar gehen wir da rein. Oder willst du die Schüsseln lieber über den Zaun werfen? Davon kriegen sie Dellen.“
„Das wäre mir aber lieber, als selber irgendwas abgebissen zu kriegen…“
„Ach, keine Sorge. Hock dich im Gehege nur nicht hin und mach keine unerwarteten Bewegungen. Sonst sehen sie dich, wenn du Pech hast, als Beute.“
Dessie entriegelte das erste Tor und winkte mir zu, ihr zu folgen. Eingeschüchtert tappte ich hinter ihr her und klammerte mich an den Blechschüsseln fest. Was wahrscheinlich keine gute Idee war. Vielleicht kamen die Geparden gleich aus dem Nichts angerast und stürzten sich auf ihr Futter und damit gleichzeitig auf mich.
Sorgfältig schloss Dessie das erste Tor wieder und entriegelte dann das zweite Tor.
O mein Gott, wir waren drin.
Es war nicht so, dass mein ganzes Leben wie ein Film vor mir ablief, aber immerhin die letzten Monate, seit meine Eltern mir diesen Gutschein geschenkt hatten. Erstmal war alles so weitergegangen wie gewohnt, und das mit Namibia blieb völlig unwirklich, auch wenn ich so vielen Leuten davon erzählte, dass ich schließlich sogar von Unbekannten in Papas Praxis darauf angesprochen wurde.
Dann, auf einmal, waren es nur noch drei Tage bis zum Abflug. Ich packte meinen Koffer, packte ihn dann gleich wieder aus, um einen größeren zu nehmen, entschied mich dann doch für eine abgewetzte Reisetasche und stopfte alle meine Sachen dort hinein. Wuselte hektisch in der Wohnung herum, um Mückenspray und eine Nagelschere und meine Trinkflasche zu suchen. Hatte Alpträume, in denen ich mein Flugzeug verpasste und war am Tag der Abreise ein nervliches Wrack.
Sofia kam mit, als Papa mich zum Flughafen fuhr, und ihr war es offensichtlich nicht ganz geheuer, wie ich mich benahm. „Bist du sicher, dass du nicht schon einen Herzinfarkt hast, bevor du die ersten Raubkatzen siehst?“ fragte sie und legte mir fürsorglich den Arm um die Schultern.
„Ich glaub´s nicht – jetzt habe ich doch tatsächlich die Ersatzbatterien für meine Kamera vergessen!“ jaulte ich auf.
„Können wir am Flughafen kaufen“, sagte mein Vater und seufzte.
Ich glaube, sie waren alle ganz froh, als ich endlich im Flugzeug saß und auf dem Weg nach Afrika war.
Als wir endlich über Namibia flogen, beugte ich mich halb über meinen Sitznachbarn, damit ich auch mal aus dem Fenster schauen konnte. Und bekam einen Schreck. Das sah richtig schlimm aus. Wie eine Mondlandschaft. Zerfurchtes, karges Land. Berge in hellbraun, umbrafarben, rötlichbraun, ocker, graubraun. Nur hier und da eine Spur von staubigem Graugrün. Man sah, dass die Regenzeit schon eine Weile her war.
Die Landebahn des Flughafens Windhoek war ein schmaler grauer Streifen in einem unendlich weiten, sonnenverbrannten Nichts.
Aufgeregt hastete ich durch das kleine Flughafengebäude und entdeckte gleich meine Abholerin – eine rundliche, gut gelaunte junge Frau, die ein Schild mit „Lilly Jonassen“ hochhielt. Meine erste Begegnung mit Dessie. Sie lotste mich in einen Jeep, auf dessen Seite Cheetah Foundation stand und ein rennender Gepard aufgemalt war, und dann ging es mit quietschenden Reifen los. Erst huschte draußen die Savanne vorbei, dann die Hauptstadt Windhoek, und schon waren wir wieder draußen, auf einer schnurgeraden geteerten Straße nach Norden. Dort wartete eine Polizeikontrolle auf uns, aber nach einem kurzen Blick auf unsere Ausweise winkte uns der Uniformierte gelangweilt durch.
„Danke, dass du mich abgeholt hast“, sagte ich zu Dessie, sie verstand und sprach zum Glück richtig gut Englisch. „Wie lange brauchen wir bis Ounene eúlu?“
„Ach, so drei Stunden, schätze ich – es ist in der Nähe von Otjiwarongo“, meinte Dessie und steckte sich eine getrocknete Aprikose und ein paar Cashew-Nüsse in den Mund. Dann erzählte sie mir, dass Ounene eúlu in einer der Ovambo-Sprachen Großer Himmel bedeutete, aber warum die Farm so hieß, bekam ich nur halb mit, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, die Landschaft anzuglotzen. Wir kamen gerade an einem dreieckigen Warnschild vorbei. Es war kein springender Hirsch darauf, sondern ein Warzenschwein. Doch das, was kurz darauf über die Straße lief, war kein Warzenschwein.
„Cool – das sind ja Paviane!“ jubelte ich, kurbelte eiligst das Fenster herunter und steckte den Kopf heraus. Es war ein ganzer Affen-Clan, der auf allen Vieren über die Straße schlenderte – Männchen mit graubrauner Mähne, Weibchen mit Babys, die sich an ihren Bauch klammerten, übermütig herumgaloppierende Jungtiere.
„Steig besser nicht aus, die beißen“, sagte Dessie, und ich nahm die Hand wieder vom Türgriff.
Ja, ich war endlich angekommen. Das hier war Afrika. Als Dessie wieder aufs Gas trat und mich die Beschleunigung in meinen Sitz drückte, hatte ich ein seliges Lächeln auf dem Gesicht.
Es war immer noch da, als wir am späten Nachmittag in Ounene eúlu eintrafen und in einer Staubwolke durch das Eingangstor mit dem Geparden-Logo brausten. Das flache, braungetünchte Hauptgebäude mit dem geschwungenen Dach schmiegte sich in die Buschsavanne, als wären es eines Nachts aus dem Boden gewachsen. Gewaltig und tiefblau wölbte sich der Himmel Namibias darüber, und ich musste nicht weiter fragen, wie die Farm zu ihrem Namen gekommen war.
Ich wuchtete mir meine Reisetasche über die Schulter und taumelte hinter Dessie her,  am Hauptgebäude vorbei und immer weiter in den Busch hinein, bis zu einer runden Hütte mit einem Solarkollektor auf dem Dach. Es gab zwei Betten mit schwarz-rot-weißen afrikanischen Wolldecken, darüber an der Decke befestigt weiße Moskitonetze. Eine Nische mit Klo und Waschbecken, und das war´s auch schon. Eine Dusche sichtete ich zum Glück auch – draußen unter freiem Himmel, in einer gemauerten Nische.
„Warmes Wasser?“ fragte ich hoffnungsvoll.
Dessie grinste. „Wenn die Sonne scheint, schon. Macht sie hier meistens.“
„Strom?“
„Ja, klar. Aber nur bis neun Uhr abends. Danach Kerzenlicht.“
Wir gingen wieder rein. Neugierig beäugte ich das zweite Bett und die Besitztümer in der anderen Ecke des Raumes. Ein kleiner Stapel Tops und Hosen, eine spindeldürre Giraffen-Statue aus honigfarbenem Holz, ein Buch über Bestellungen beim Universum und eins mit dem Titel Sorge dich nicht – lebe!, ein Notizbuch, das über und über mit Gesichtern beklebt war, alle aus Zeitschriften herausgerissen.
„Wer wohnt denn hier noch?“ erkundigte ich mich.
„Teresa. Sie ist auch Praktikantin hier. Aber gleich für ein ganzes Jahr.“ Dessie strahlte mich an. „Was ist, magst du die Geparden begrüßen? Du kannst bei der Fütterung mithelfen. Im Gehege West, bei den Weibchen.“
„Sind sie eigentlich zahm?“
„Nein, das kann man nicht sagen. Sie sind alle aus der Wildnis zu uns gekommen, weil sie in Freiheit nicht überleben konnten. Manche sind schon zu alt oder zu krank, um wieder ausgewildert zu können, andere sind noch zu jung und unerfahren.“
Und jetzt war ich hier, mitten im Gehege, und fühlte mich ein bisschen überrumpelt von all den neuen Erfahrungen und den vielen Raubkatzen um mich herum. Konnte es wirklich sein, dass Geparden weniger bissig waren als Affen, oder gab es hier ein schreckliches Missverständnis?
„Come heeeere, come heeere“, lockte Dessie noch einmal, und dann waren sie da. Huschten wie gelbbraune Schatten aus dem Gebüsch. Glitten leichtfüßig über den Sandboden. Lugten aus dem hohen Gras mit ihren bernsteinfarbenen Augen und den schwarzen Tränenspuren auf den Katzengesichtern. Keine zehn Meter von mir entfernt. Weglaufen war sinnlos. Schließlich hatte ich es hier mit dem schnellsten Säugetier der Erde zu tun.
„Na, hab ich´s nicht gesagt?“ Zufrieden blickte Dessie sich um. „Die Hübsche da ist Ohani. Neben ihr schleicht sich gerade Njika an. Und das da vorne ist Elai. Und die beiden da hinten, die sich nicht aus den Büschen trauen, sind Muina und die kleine Jola. Bisschen schüchtern, unsere Muina.“
Hastig tat ich es Dessie nach und stellte die Blechschüsseln mit dem Fleisch auf den Boden. Dann stand ich so steif da wie eine Playmobilfigur, während eins der Weibchen keinen Meter neben mir vorbeiging. Elai? Ich glaubte schon. Wie groß und langbeinig sie war. Ich hätte mich nicht bücken müssen, um sie zu streicheln. Aber danach stand mir gerade nicht der Sinn.
„Wie schaffst du es, sie zu unterscheiden?“ flüsterte ich Dessie zu. „Für mich sehen sie alle gleich aus.“ Ich staunte über die perfekt kreisrunden Flecken auf ihrem Fell, bewunderte die sehnigen Vorderläufe, die pelzigen Ohren, die jedem Teddybär Ehre gemacht hätten.
Dessie zuckte die Schultern. „Ach, sie auseinanderzuhalten ist reine Übung. Die Flecken sind bei jedem unterschiedlich, und die Augen und schwarzen Streifen im Gesicht natürlich sowieso.“
Wie aufs Stichwort blickte Elai auf und sah mich forschend an. Ich verliebte mich auf der Stelle in sie, auch wenn ich immer noch ein bisschen Angst vor ihr hatte. Oh, wie herrlich sie war. Scheu war sie gar nicht. Gelassen kauerte die riesige Katze sich hin und begann, ihre Schüssel leerzufressen.
Muina dagegen war das alles nicht geheuer. Halb geduckt kroch sie näher, fauchte mich an und zeigte ihre dolchartigen Eckzähne. Befahl mir wahrscheinlich in Gepardisch, mich wegzuscheren, damit sie endlich an ihr Futter herankam. Nichts lieber als das. Langsam machte ich einen Schritt rückwärts, dann noch einen.
„So, während die Katzen abgelenkt sind, machen wir das Gehege ein bisschen sauber“, meinte Dessie und marschierte durch das Gras, begann mit einer Zange irgend etwas vom Boden aufzuheben und in einen Eimer fallen zu lassen. Vorsichtig folgte ich ihr und sah, was Dessie einsammelte: große, blank abgenagte Knochen.
„Aha, jetzt weiß ich endlich, was ihr mit den letzten Praktikanten gemacht habt“, unkte ich.
Dessie blickte mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und holte dann aus einer Tüte eine kleine Plastikschaufel. „Ja, und du wirst gleich merken, was wir mit den jetzigen Praktikanten machen. Rat mal, wofür das gut ist.“
Ich musste nicht lange raten, weil ich gerade reingetreten war. Und ja, es stank ganz ähnlich wie das, was mein Kater Frodo immer so gründlich im Garten vergraben hatte.

Auf dem Rückweg sah ich meine neue Chefin – allerdings nur aus der Ferne. Sie streifte ein Stück vom Hauptgebäude entfernt durch kniehohes Steppengras, an ihrer Seite war ein Gepard, er ging ruhig und frei neben ihr.
„Jamie Edwards und King“, sagte Dessie. „Sie hat ihn mit der Hand aufgezogen, seither sind die beiden ein Herz und eine Seele.“
Ich hätte die beiden gerne kennengelernt, aber schon ging Dessie weiter, wir waren auf dem Weg zum Abendessen. Der Speisesaal war ein einfaches Gebäude mit Strohdach; hinter einer hölzernen Theke dampften die Töpfe, zwei schwarzen Köchinnen arbeiteten dort. „Setz dich schonmal, ich muss noch was erledigen und komme gleich nach“, sagte Dessie und tätschelte mir aufmunternd die Schulter.
Ich war schon sehr neugierig auf meine anderen Kollegen. Aber es waren erst zwei von ihnen da, ein rothaariger junger Mann mit tausenden von Sommersprossen und eine schmächtige, aber hübsche Frau.
Die beiden lehnten sich halb über den Tisch und redeten lautstark aufeinander ein. Oh, wunderbar. Sollte ich mich jetzt dazusetzen und sie stören oder mir irgendwo alleine einen Platz suchen und ungesellig wirken? Schließlich entschied ich mich für das geringere Übel und stellte meinen Teller neben sie auf den schlichten Holztisch.
„Ihr könnt ruhig weiterstreiten, das stört mich nicht“, sagte ich freundlich. „Aber bitte keine Schusswaffen, okay?“
Niemand lachte. Uups. War wohl doch nicht so witzig gewesen. Verständnislos blickte die junge Frau mich an, meinte dann „Ach, du bist die Neue“ und lächelte. „Ich bin Karla. Hier zuständig für Organisatorisches.“ Sie reichte mir eine schmale Hand, die sich fast zerbrechlich anfühlte. Karla hatte ein puppenhaftes, von dunklen Haaren umrahmtes Gesicht, mit einer Nase, die man nur als niedlich bezeichnen konnte. Aber wenn ich ihr das gesagt hätte, dann wäre wahrscheinlich eine Faust in meinem Gesicht gelandet. Karla wirkte wie jemand, der sich nichts bieten lässt, von niemandem.
„Wir haben eigentlich gar nicht gestritten“, sagte der junge Mann und grinste. „Karla will nur nicht einsehen, dass ich mal wieder Recht habe, das ist alles. Ach ja, ich bin übrigens Rob, ich mache mit Jamie zusammen die Forschung hier.“
Karla schnaubte und säbelte an ihrem Steak herum. „Recht? Ha, ha. Aber reden wir ein andermal drüber.“
„Dann habt ihr doch sowieso wieder ein neues Thema.“ Ein schlacksiges Mädchen mit langen, dunklen Haaren und braunem Teint setzte sich mir gegenüber und stellte ihren Teller ab. Sie hatte sich ein rot-weißes Piratentuch über den Kopf geknotet, und als sie meinen Blick bemerkte, meinte sie mit einem schüchternen Lächeln: „Gegen die Sonne.“
Aus irgend einem Grund war sie mir sofort sympathisch, und ich hoffte, dass das Teresa war, meine Zimmergenossin. Und wie sich herausstellte, war sie es tatsächlich.
Rob stand auf, um sich eine zweite Portion zu holen. Seiner Figur nach tat er das wahrscheinlich jeden Tag – er war nicht wirklich dick, aber man sah, dass er gegen einen Bierbauch ankämpfte.
„Aus welchem Land bist du?“ fragte ich Teresa, und sie erzählte, dass ihre Familie aus Mexiko stammte, aber schon seit längerer Zeit in den USA lebte. „Und zwar ausgerechnet da, wo es kalt ist!“ Teresa zog eine Grimasse. „Dabei brauche ich das. Die Wärme. Die Farben. Ich mag die Wüste unheimlich gern, ich hab mich sofort zu Hause gefühlt hier in Namibia.“
„O je, hoffentlich geht mir das nicht auch so“, rutschte es mir heraus. „Ich will mich lieber fremd fühlen. Zu Hause war ich lange genug.“
Teresa schwieg und widmete sich ihrem Essen. Ich war nicht sicher, ob ich sie mit meiner blöden Bemerkung irgendwie gekränkt hatte, aber bevor ich nachfragen konnte, schob Rob geräuschvoll seinen Stuhl zurück. „Muss noch ein paar Forschungsberichte fertigschreiben.“ Er rülpste, sah auf putzige Art verlegen aus und winkte uns dann zum Abschied zu. Wir winkten zurück.
„Wie geht es eigentlich morgen weiter, was soll ich alles mithelfen und so?“ fragte ich Teresa und wurde ganz hibbelig bei dem Gedanken, dass ich morgen wieder mit den Geparden arbeiten würde.
„Auf einer Schiefertafel vor dem Büro steht jeden Morgen, wer wofür eingeteilt ist“, erklärte mir Teresa. „Jamie, unsere Chefin, knobelt das aus – wahrscheinlich nachts, manchmal habe ich das Gefühl, sie schläft gar nicht.“
Wir quatschten in unserer Hütte noch die halbe Nacht lang, und ich erfuhr zwar nicht wirklich viel über Teresa, aber dafür eine Menge über Jamie Edwards. Sie war früher Musikerin gewesen, Cellistin genauer gesagt, hatte sich aber beim Skifahren die Hand gebrochen und ihre Karriere aufgeben müssen. Danach hatte sie eine erfolgreiche Event-Agentur aufgezogen und damit viel Geld verdient. Nebenbei hatte sie begonnen, sich für den Umweltschutz zu engagieren. Zehn Jahre später, nach einer Safari in Afrika, hatte sie dann spontan entschieden, sich in Zukunft ganz dem Schutz von Geparden zu widmen, ihren Lieblingstieren.
„Dafür hat sie ganz nebenbei noch ihren Master-Abschluss in Wildtier-Biologie gemacht, stell dir vor“, sagte Teresa; ihr Gesicht leuchtete.
„Wahnsinn“, meinte ich. „Aber wieso hat sie alles aufgegeben? Einfach so? Steckte sie gerade in der Midlife-Crisis?“
Teresa wirkte überrascht, als hätte sie nie darüber nachgedacht. „Wie meinst du das?“
„Na ja, Männer in mittleren Jahren bekommen oft die Krise, wenn sie ihr Leben genauer unter die Lupe nehmen, meist kaufen sie dann einen Sportwagen oder legen sich eine jüngere Geliebte zu. Bei Frauen sind die Symptome anders, die meisten entdecken sich auf einmal selbst.“ Meine Mutter hatte Scharen solcher Patientinnen.
„Hm, kann schon sein.“ Teresa zögerte. „Jamie hat mir mal erzählt, dass sie sich damals gerade von ihrem Mann getrennt hatte und in einer schweren Phase steckte. Vielleicht hat sie einen neuen Sinn im Leben gesucht.“
Irgendwann gegen Mitternacht passte in meinen Kopf wirklich gar nichts mehr Neues hinein, nicht mal der Name eines einzelnen Geparden. Ich entschuldige mich, kroch in mein Bett und war sofort weg – wie ausgeknipst.
Als ich am nächsten Morgen wach wurde, blieb ich einen Moment lang liegen und blinzelte in die Dunkelheit. Auf dem Nachbarbett bewegte sich noch nichts, dort lag nur ein Deckenbündel, aus dem oben ein verwuschelter dunkler Haarschopf herauslugte. Ich schlüpfte aus dem Bett, tappte mit einem Handtuch bekleidet zur Dusche und zog erwartungsvoll an der Eisenkette, die das Wasser in Gang setzte. Ein eiskalter Schwall prasselte auf mich herab, und ich japste vor Schreck. Mist, ich hatte vergessen, was Dessie mir gesagt hatte. Eins war klar: ab jetzt war ich schlauer und duschte abends, wenn die Sonne das Wasser angewärmt hatte!
Bibbernd lief ich zurück in die Hütte und zog mich an. Teresa war immer noch nicht wach, und so schlich ich mich nach draußen. Es war richtig kalt, und ich war froh, dass ich meinen dicken roten Fleece-Pulli übergestreift hatte. Der große Himmel über mir war heute mit fedrigen Wolken dekoriert, die von der aufgehenden Sonne rötlich angeleuchtet wurden. Ich hörte das leise Meckern von Ziegen und sah aus der Ferne zwei schwarze Arbeiter vorübergehen, sonst schien noch niemand unterwegs zu sein. Ein leichter Geruch nach Holzrauch hing in der klaren Luft.
Meine Neugier war stärker als der Hunger. Noch vor dem Frühstück pilgerte ich zum Hauptgebäude, um einen Blick auf die Tafel mit den täglichen Aufgaben zu werfen. Schräg darüber hatte eine Kolonie Webervögel in einem Baum ihr Nest gebaut. Es hing wie ein hellbrauner, unregelmäßig geformter Kokon zwischen den Ästen und Dutzende von Vögeln schwirrten durch die Einfluglöcher ein und aus. Ihr Zwitschern hörte man von weitem.
Im Büro dagegen war es noch ruhig. Still und dunkel kauerten die Computer auf den Schreibtischen. Aber die Chefin war schon hier gewesen, auf der Tafel stand das Datum von heute und in bunter Kreide hinter jedem Namen eine Notiz.
„Lilly – 9 Uhr Anatolians versorgen, 14 Uhr Fütterung Gehege Ost (Jeep), 16 Uhr Bürohilfe“ verkündete der Plan.
Aber es kam dann doch ganz anders.