Leseprobe aus „Der Elefanten-Tempel“

Aus dem 4. Kapitel „Stolz“

Ricarda glotzte in eine Porzellanschüssel, die vor ihr stand. Ein dicker weißer Brei war darin, und irgendwelche dunklen Stückchen schwammen dicht unter der Oberfläche.
„Probier du zuerst“, flüsterte sie Sofia zu.
„Nein, du“, zischte Sofia zurück und schenkte Gulap, Ruangs Ehefrau, die sie erwartungsvoll beobachtete, ein breites Lächeln. Gulap lächelte zurück und nickte ermutigend. „Mach schon. Sonst werden wir nie wieder zum Frühstück ins Haupthaus gebeten.
„Na gut.“ Ricarda schob sich die Löffelspitze vorsichtig zwischen die Lippen und wartete ab, bis der Geschmack auf ihrer Zunge angekommen war. „Salzig. Reisbrei, glaube ich. Und das Braune ist irgendein Fleisch.“

Sofia lächelte Gulap entschuldigend zu und schob die Schüssel beiseite. „Zum Frühstück? Ich organisiere mir ein paar frische Früchte. Falls die Elefanten welche übrig gelassen haben.“
Frische Früchte, ja, das klang gut. Aber schlecht war der Reisbrei auch nicht. Ricarda gönnte sich noch einen Löffel davon. Sie hatte in den letzten Monaten fast nur vegetarisch gegessen, weil sie Fleisch nicht so mochte. Aber dieses schmeckte angenehm würzig.
Chanida kam aus einem Nebenzimmer, nun wieder in ihre makellose Schuluniform gekleidet. Sie verbeugte sich mit gefalteten Händen vor ihrer Mutter, dann zwinkerte sie Sofia und Ricarda zu und ging zur Außentreppe, die aus der luftigen Höhe des Stelzenhauses wieder auf den Boden führte. „Bis heute Nachmittag! Habt ihr eigentlich mitbekommen, was gestern Abend passiert ist?“
„Äh, nein …“
„Fragt Kaeo – ich muss los!“
Gestikulierend machte Gulap ihnen Mut, nachzusehen, was draußen vorging. Sofia und Ricarda tauschten einen Blick, ließen ihre Schüsseln im Stich und kletterten ebenfalls die Treppe hinunter.
Sie fanden Kaeo und Ruang auf einem Übungsgelände. Es war ein großer Platz aus festgestampfter heller Erde, umgeben von einem Ring aus gefällten Baumstämmen. Ihnen gegenüber sah Ricarda einen jungen Mann und eine Elefantin. Beide wirkten erschöpft und hungrig. Sie standen nah beieinander, es war, als würde der eine beim anderen Schutz und Trost suchen. Der junge Mann hatte eine Hand auf den Rüssel der Elefantin gelegt, was das riesige Tier offenbar beruhigte.
„Ich glaube, das sind Neue“, sagte Sofia erstaunt. „Wo sind die denn hergekommen?“
Ricarda spürte sofort, dass Sofia recht hatte, diese beiden gehörten nicht zum Refuge – sie wären ihr gestern sicher aufgefallen. Die Elefantin war ungewöhnlich groß; ihr rechtes Ohr hatte am Außenrand mehrere Kerben. Sie strahlte eine Kraft und Würde aus, die Ricarda beeindruckten. Und der junge Mann … er hatte ein Gesicht, das man nicht leicht vergaß, mit breiten Wangenknochen, einer geraden Nase und ruhigen, dunklen Augen, kraftvoll und stolz. Sein schwarzes Haar glänzte in der Sonne wie Obsidian.
„Der sieht ja aus wie ein Bettler“, sagte Sofia.
Ricarda ärgerte sich darüber, ohne zu wissen warum, denn ganz falsch konnte Sofia nicht liegen. Das Hemd des jungen Mannes war sicher einmal weiß gewesen, doch jetzt war es voller Staub und Flecken. Seine hellbraune, weite Hose, die von einem Ledergürtel zusammengehalten wurde, sah schon arg fadenscheinig aus; an einer Stelle war sie eingerissen. Auch seine einfachen Ledersandalen hatten schon bessere Tage gesehen und waren bedeckt vom Staub der Pfade.
Doch die Haltung des jungen Mannes wirkte nicht wie die eines Bettlers. Er hielt sich sehr gerade und blickte Ruang und Kaeo direkt in die Augen.
Irgendetwas an dem Fremden kam Ricarda seltsam vor und nach einem Moment fiel es ihr ein. Etwas fehlte. Jeder hier in Thailand lächelte. Nur dieser Fremde nicht.
Aus irgendeinem Grund gefiel ihr das.
Ruang und Kaeo wirkten vorsichtig und abwartend, sie sprachen lange mit dem jungen Mann. Neugierig hielt sich Ricarda im Hintergrund und lauschte, obwohl sie kein Wort verstand. Doch Sofia wurde es schon langweilig. „Los, schauen wir mal, wo sich unsere Elefanten gerade herumtreiben.“
„Ach, lass uns noch eine Minute warten, vielleicht finden wir heraus, was hier eigentlich los ist“, meinte Ricarda und Sofia ließ sich überreden.
Sie hatten Glück, keine zwei Minuten später löste sich Kaeo aus der kleinen Gruppe, ging hinüber zum Hauptgebäude. „Wir fahren jetzt los, Futter besorgen, helft ihr mit?“
„Ja, klar“, sagte Ricarda schnell und schaute noch einmal zu dem Neuankömmling hinüber. Gerade in dem Moment schien er sie zum ersten Mal zu bemerken und ihre Blicke kreuzten sich. Seine Augen waren dunkel wie die eines Falken. Ricarda merkte, wie sich eine Gänsehaut auf ihren Armen bildete, schnell blickte sie weg und wünschte zugleich, sie hätte es nicht getan.
Sofia hatte nichts davon bemerkt, sie plauderte schon wieder mit Kaeo, der zusammen mit zwei Helfern in einen Kleinlaster mit Anhänger gestiegen war. „Was ist denn mit den beiden da? Wieder ein neuer Elefant, der Hilfe braucht?“
„Nicht ganz“, meinte Kaeo und lenkte den Kleinlaster durch das Eingangstor. „Diesmal will der Mahout auch hierbleiben. Er meint, der Elefant gehöre seiner Familie und sie könnten ihn nicht mehr ernähren.“
Ricarda nickte – das konnte sie sich vorstellen, nachdem sie gesehen hatte, wie viel die Tiere im Refuge jeden Tag vertilgten. „Woher kommt er denn?“
„Aus der Gegend von Surin, aus dem Dorf Ban Ta Klang. Er gehört zu den Guay, die dort leben; ein ganz alter Volksstamm das ist. Sie fangen und züchten Elefanten schon seit Jahrhunderten. In Ban Ta Klang noch heute hat jede dritte Familie einen eigenen Chang, einen Elefanten. Aber ist schwer, so zu leben, seit König Bhumipol das Bäumefällen verboten hat. Früher haben Elefanten bei Waldarbeiten geholfen. Jetzt sind arbeitslos sehr viele.“
Ein anderes Auto vor ihnen bog ab, für Kaeos Geschmack zu langsam. Er lehnte sich auf die Hupe und Ricarda dröhnten die Ohren. Als sie wieder etwas hören konnte, bekam sie gerade noch Sofias Frage mit: „Wird der Mann dann hier arbeiten?“
„Das muss Por noch entscheiden“, wich Kaeo aus und Ricarda begann sich Sorgen zu machen. Hoffentlich entschied Ruang, dass die beiden bleiben durften! Sie hatten so erschöpft ausgesehen. Wahrscheinlich hatten sie eine lange Wanderung hinter sich. Wie weit war es eigentlich von Surin bis hierher? So, wie der Neue aussah, ein fast endlos weiter Weg.
„Wie heißen die beiden eigentlich?“, hakte Sofia nach.
Ricarda war dankbar für die ungestüme Neugier ihrer Freundin – sie war nicht sicher, ob sie den Mut aufgebracht hätte, all diese Fragen zu stellen.
„Der Elefant heißt Devi und der Mahout Nuan. Seinen richtigen Namen weiß ich allerdings nicht.“
„Äh, wieso, ist Nuan nicht sein richtiger Name?“ Ricarda war verblüfft.
Kaeo erklärte, dass die Vor- und Nachnamen in Thailand oft lang und kompliziert sind, deshalb reden sich die meisten Leute mit einem Spitznamen an, den sie meist schon bei der Geburt bekommen. Nuan war ein solcher Spitzname, er bedeutete Vollmond.
Sofia lachte. „Das ist ja lustig. Und deiner – was bedeutet Kaeo?“
„Stein, nein, Juwel, wie sagt man?“ Kaeo überlegte. „Diamant, genau! Ein guter Name und er hat mir Glück gebracht. Wenn mir nicht bringt Glück, kann ich Name noch wechseln.“
Doch Ricarda hörte schon nicht mehr zu. Nuan. Lautlos bewegte sie die Lippen, probierte den Namen aus. Vollmond. Ob Nuan manchmal, wenn er mit Devi in den Wäldern übernachtete, hochschaute zu seinem Namensvetter, der am Himmel leuchtete?
In der Zwischenzeit hatte Sofia herausgefunden, dass auch Ruang ein Spitzname war und „der Glänzende“ hieß, Tao bedeutete „Schildkröte“ und Gulap „Rose“. Nur Chanida hieß schon immer und zu jeder Zeit Chanida. „Irgendwie blieb keiner der Spitznamen kleben“, meinte Kaeo und grinste. „Meine Schwester eben!“
Auch die beiden Helfer, die mit im Kleinlaster saßen, stellten sich vor. Sofia und Ricarda mussten grinsen, als sie erfuhren, dass einer von ihnen, ein über und über tätowierter junger Mann, der schon die ganze Fahrt über Kaugummi kaute, „Seven“ hieß, nach einer amerikanischen Ladenkette namens „Seven Eleven“, die auch in Thailand sehr verbreitet war.
„Dann ist es ja nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Leute auch McDonald´s nennen“, flachste Sofia. „Hm, wie ich wohl heißen würde?“
Ricarda überlegte. „Vielleicht die Strahlende? Das würde zu dir passen.“
„He, gute Idee, das würde mir gefallen.“ Sofia zwirbelte sich eine Locke um den Finger.

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