Leseprobe aus „Koalaträume“

Aus dem 1. Kapitel „Roadkill“

Nach dem langen Flug war ich unglaublich müde, ich hätte mich so gerne auf den schattigen Rasen neben diesem Drahtzaun gelegt. Keine Ahnung, was in diesem Gehege für ein Tier drin war, ich sah jedenfalls keines …
Plötzlich lehnte jemand neben mir, ein junger Mann; er stützte die Unterarme auf die Umrandung und schaute ebenfalls ins Gehege. Ich schrak zusammen; ich hatte ihn nicht kommen hören. Unauffällig betrachtete ich ihn von der Seite. Er war ein Stück größer als ich, hatte die sehnige Statur eines Langstreckenläufers und kurze, nachtschwarze Haare. Die Farbe seiner Haut erinnerte mich an Milchkaffee. Ich schätzte ihn auf Anfang zwanzig. War er ein Tourist, der sich den Wildlife Park anschaute, oder ein Tierpfleger? Er trug kein T-Shirt mit Wildpark-Logo, sondern ein khakifarbenes Hemd mit hochgerollten Ärmeln und Jeans. Aber seine Schuhe waren die in Zoos üblichen Stiefel mit Stahlkappen, die verhindern sollten, dass uns irgendein Huftier die Zehen brach, wenn es uns auf den Fuß trat.

Jetzt wandte er den Kopf und sah mich an. Seine Augen waren von einem warmen Braun.

„Hi“, sagte er. „Wenn du willst, kannst du mir mit George helfen.“ Er deutete mit dem Kinn auf einen kleinen Teich mitten im Gehege. „Ich gehe sein Futter holen, bin gleich wieder da. Kannst hier warten oder schon mal zu ihm reingehen. Er ist ziemlich schüchtern.“
Aha, einer der Pfleger – und anscheinend wusste er schon, dass ich eine neue Kollegin war. Etwas überrumpelt nickte ich, und der junge Mann stieß sich von der Umrandung ab und ging davon. Ich spähte in das Gehege hinein und ahnte, wer George war und dass er seinen Körper dort im schlammigen Wasser des Teichs verbarg. Wollte ich das wirklich, zu einem Krokodil hinein, nicht einmal mit einem Stock bewaffnet, um es im Notfall abwehren zu können? In Deutschland durften wir Azubis nicht mit den gefährlichen Tieren wie Krokodilen oder Raubkatzen arbeiten. Aber hier in Australien war anscheinend vieles anders …
Ach, komm schon, sagte ich mir. Er hat gesagt, George sei schüchtern.
Ich wusste, dass es zwei verschiedene Krokodilarten in Australien gibt – einmal die großen „Salties“, die Salzwasserkrokodile, die hin und wieder in die Schlagzeilen kamen, weil ein Mensch auf ihren Speisezettel geraten war. Und andererseits die „Freshies“ genannten Süßwasserkrokodile, die sich mit Fischen begnügten. Vermutlich war George ein Freshie, und es war keine große Sache, ihm Gesellschaft zu leisten.
Um ehrlich zu sein, ich wollte nicht, dass dieser gutaussehende Typ mich für ein Weichei hielt. Wenn ich mir gleich am ersten Tag den Ruf einhandelte, ein zartbesaitetes Mädchen zu sein, würde ich das vermutlich den Rest der Zeit über nicht mehr los. Also begann ich etwas nervös, um das Gehege herumzugehen. Doch das Problem war, dass ich nicht mal den Eingang fand. Schließlich hatte ich das Ding einmal umrundet und ihn immer noch nicht entdeckt. Wahrscheinlich sah das jetzt reichlich dämlich aus. Er würde denken, dass es eine superblöde Ausrede war, warum ich noch nicht begonnen hatte, mich mit George anzufreunden!
„So, hier bin ich wieder“, sagte der junge Mann, und ich zuckte schon wieder zusammen. Diesmal hatte er einen Eimer dabei, aus dem Fischflossen hervorschauten.
„Äh, eigentlich wollte ich rein, aber ich habe den Eingang nicht gefunden“, erklärte ich verlegen.
„Gibt keinen“, sagte der Fremde, beförderte den Eimer auf die Innenseite und sprang über den hüfthohen, oben mit einer runden Holzleiste versehenen Zaun. „Noah und Caroline sind der Meinung, ein Kroko-Gehege ist am sichersten, wenn man das Tor nicht versehentlich offen lassen kann.“
„Das hättest du mir auch vorher sagen können“, murmelte ich, nahm all meinen Mut zusammen und kletterte hinterher.
Jetzt sah ich zwei Augen und die Oberseite eines knorrigen Kopfes aus dem Wasser ragen, sie durchstießen kaum die Wasseroberfläche.
„Weshalb ist George bei euch?“ fragte ich, und weil der Mann mir den Eimer hinhielt, nahm ich einen der Fische heraus. George wirkte jetzt eindeutig interessiert, er schwamm an den Rand des Teichs und ließ uns keinen Moment aus den Augen.
„Er hasst Boote und versucht sie umzukippen“, meinte der Mann. „Nicht ungewöhnlich bei Männchen, allerdings eher bei Salties – der Klang eines Außenborders erinnert sie an das Knurren eines Rivalen. Na ja, auf jeden Fall sind Chaz und ich letztes Jahr in den Norden gefahren und haben ihn eingefangen, sonst wäre er bestimmt abgeschossen worden.“
Alles klar. Geistige Notiz: nie mit einem kleinen Boot in ein Krokodilgebiet fahren. Es gab Erlebnisse, auf die ich nicht so furchtbar viel Lust hatte.
Der junge Mann ging in die Hocke und hielt einen Fisch in der ausgestreckten Hand. Ein Maul, lang und schmal wie ein Baguette, aber gespickt mit daumenlangen gelben Zähnen, kam zum Vorschein. Dann kroch die große Echse halb aus dem Wasser und lag abwartend da, ein Wesen wie aus der Urzeit. Fasziniert sah ich zu, wie der Mann den Fisch warf und George ihn sich schnappte. Der gepanzerte Körper des Krokos verschwand wieder im Wasserloch.
Der junge Mann gab mir ein Zeichen, es auch mal mit dem Füttern zu probieren. Den Fisch hielt ich ja immer noch in der Hand. Mein Puls raste, doch ich nickte und trat einen Schritt näher an George heran, der dicht unter der Wasseroberfläche lauerte.
Gerade als ich den Arm ausstreckte, glitt mir der Fisch aus den Fingern und landete auf dem Boden. Reflexartig bückte ich mich, um ihn aufzuheben – doch der junge Mann kam mir zuvor, blitzschnell kickte er den Fisch mit dem Fuß weg, so dass er im Teich landete. Das Wasser strudelte und spritzte, als George sich darüber hermachte und ihn mit einem Happs verschlang.
Im ersten Moment war ich wütend. „Ich hätte es schon noch hingekriegt!“ entfuhr es mir.
Erst ein paar Sekunden später begriff ich, was eben eigentlich geschehen war, und mir wurden die Knie weich. Ich konnte von Glück sagen, dass der Mann so schnell reagiert hatte. Dass der Fisch auf dem Boden landete, war für George vermutlich ein Zeichen gewesen, jetzt aus dem Wasser hervorzuschießen und ihn zu fressen. Und dann hatte ich meinen neuen Kollegen auch noch dafür angemeckert, dass er mich geschützt hatte! Jetzt war ein saftiger Anpfiff fällig, und ich hatte ihn absolut verdient.
Der Fremde ergriff mich am Arm und zog mich ein paar Schritte zurück, weg von dem schlammigen Teich. Aber es folgte keine Strafpredigt. Der junge Mann blickte mich einfach an, sah mir ruhig und forschend in die Augen. „Es tut mir leid“, sagte er. „Ich habe nicht daran gedacht, dass du nach dem langen Flug wahrscheinlich völlig übermüdet bist. Besser, du machst jetzt erstmal Pause.“
Hätte er mich angeschnauzt, wäre ich damit klargekommen. Sowas war ich von zu Hause, aus der Schule und von manchem Revierleiter im Zoo gewohnt, das ließ ich von mir abprallen. Doch diese richtig netten Worte – die gingen tief, viel zu tief. Entsetzt spürte ich, dass mir Tränen in die Augen traten. Schnell schaute ich zur Seite und versuchte, mich wieder in den Griff zu bekommen.
Bevor ich irgendetwas antworten konnte, hörte ich Rustys Stimme.
„He, Colin, du solltest unsere neue Kollegin nicht gleich verfüttern, wir brauchen sie noch! Alles klar, Juliane?“
„Alles okay“, meinte ich und suchte verzweifelt nach irgendetwas Witzigem, das ich sagen konnte. Doch mein Kopf war wie leergefegt.
„Kommst du?“ rief Rusty. „Du kannst dein Zeug jetzt in dein Zimmer bringen.“
Gehorsam kletterte ich über den Zaun und folgte Rusty. Als mir einfiel, dass ich mich weder von Colin verabschiedet noch mich für meinen Ausraster entschuldigt hatte, hatte der junge Pfleger sich schon wieder abgewandt und fütterte George mit den restlichen Fischen aus dem Eimer.

Ein Gedanke zu „Leseprobe aus „Koalaträume““

  1. Ich bin jetzt erst auf seite 44 aber ich finde das buch jetzt schon genial! Es ist sehr gut geschrieben und es wird auch alles ganz genau beschrieben. Das gefällt mir sehr!

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