Entstehungsgeschichte von „Schatten des Dschungels“

Entstehungsgeschichte „Schatten des Dschungels“

von Katja Brandis

*** Achtung, Spoiler! ***

Im Juli 2009 schickte Hans-Peter mir einen Projektvorschlag mit dem Titel „Die Frösche sterben – die Menschen sterben auch“. Darin ging es um einen – wirklich existierenden – Hautpilz, der seit einigen Jahren Amphibien in aller Welt tötet und der in seiner Roman-Idee schließlich auf die Menschheit übergreift. WHO und UNO beschließen trotz aller Proteste von Wissenschaftlern, alle Amphibienbestände auszurotten. Eine junge Biologin versucht es zu verhindern, doch ohne Erfolg, sämtliche Amphibien werden getötet. Mit schlimmen Folgen, zwar ist der Hautpilz jetzt eingedämmt, doch dafür brechen die Ökosysteme zusammen. Eine Suche nach den letzten Fröschen beginnt, um sie wieder anzusiedeln…

Kurz darauf las ich im Sommer 2009 den Artikel „Heer der Fliegen“ im Spiegel und regte mich furchtbar darüber auf. Bisher ist die Situation in Afrika so, dass manche Gebiete wegen der Tsetsefliege, die die Schlafkrankheit überträgt, nicht von Menschen besiedelt werden können. Wildtiere sind immun gegen die Krankheit, Menschen und ihre Rinder, Ziegen etc. nicht. Ich fand den Plan, die Tsetsefliege auszurotten und so die letzten verbliebenen Wildnisgebiete Afrikas als Weide- und Ackerland zu erschließen, längst nicht so toll wie der Autor des Berichts. Am gleichen Tag wurden in meinem Kopf Cat, Falk und das Projekt Last Hope geboren, ganz spontan schrieb ich die kurze Passage, die zur Keimzelle des Romans wurde.

„Vielleicht ist die Tsetsefliege, die die Schlafkrankheit überträgt, ein Segen.“ Falk lehnte sich ein wenig vor, während er es sagte, und Cat schaffte es nicht, den Blick von seinen dunklen Augen abzuwenden. „Wenn es sie nicht gäbe, wäre in Afrika schon längst keine Wildnis mehr übrig, und längst würden Horden von Menschen auf jedem Fitzelchen Land ihre jämmerlichen Hütten bauen. Verstehst du, warum die Tsetsefliege nicht ausgerottet werden darf, Cat?“

„Ja“, sagte Cat ernst. „Das verstehe ich.“

Hans-Peter und ich überlegten uns, wer diese beiden Leute waren und was genau sie planten. Wochenlang zischten Mails zwischen München und Gießen hin und her, während wir die Handlung festklopften. Ja, es war ganz klar Ökoterrorismus. „Für diese Story werden wir unter Beschuss geraten, die wird manchen Leuten quer runter gehen“, prophezeite Hans-Peter. Deshalb entschieden wir auch ganz bewusst, dafür keine Kooperations- oder Interviewpartner aus den Umweltschutzorganisationen zu suchen, wir mussten mit diesem Roman absolut unabhängig bleiben.

Julia Röhlig, unsere Lektorin bei Beltz & Gelberg, war spontan angetan von dem Kurz-Exposé, das wir ihr schickten. Auch mein unser Agent meinte: „Heftig, aber gut!“ Also machten wir uns weiter Gedanken, und bei einigen Brainstormings nahm der Roman immer weiter Konturen an. Ich hatte richtig Lust auf das Buch, die Figuren lebten schon. Bei einem Treffen in Gießen entwickelten wir das Projekt weiter, und gleichzeitig hatte ich die Gelegenheit, Hans-Peters Kollegin Gundula ausführlich zu interviewen. Als Umweltschützerin der ersten Stunde hatte sie viele interessante Dinge zu erzählen darüber, wie sich eine Demo anfühlt, was ein „Carrot Mob“ ist und welche Leute sich im Umweltschutz engagieren.

Schlaumachen, Teil 1

Da Beltz & Gelberg inzwischen signalisiert hatte, dass sie den Roman sehr gerne machen wollten, begann ich im Februar mit der Recherche. Das bedeutet erst einmal, tonnenweise Bücher zu bestellen und zu lesen: Fachbücher über den Regenwald, Reiseberichte von Forschern und anderen Leuten, die aus irgendeinem Grund im Dschungel unterwegs gewesen sind, persönliche Berichte von Umweltaktivisten über ihre Arbeit, Sachbücher zum Thema Biopiraterie, Epidemiologie und so weiter. Ein sehr schöner Teil meiner Arbeit. In diesem Phasen lerne ich jedesmal einiges dazu, und weil ich das Thema Regenwald extrem spannend fand, saugte ich das Wissen mit großem Vergnügen auf.

Eigentlich hatte ich geplant, für die Recherche nach Guyana zu fliegen, doch dieser Plan zerschlug sich, er passte weder zu meinem damals vierjährigen Sohn, den ich keine zwei Wochen bei der Oma parken wollte, noch zu meinem Abgabetermin für den Roman (denn in der Regenzeit wollte ich nicht unbedingt fahren). Zum Glück vermittelte mir Hans-Peter einen hervorragenden Interviewpartner: Rainer Stawikowski, einen befreundeten Aquarianer, der schon rund zwanzigmal in Südamerika gewesen war, davon auch mehrere Male in Guyana, einem für unseren Roman ideal geeigneten Regenwaldgebiet. Ich fuhr zur einer Aquaristik-Messe am Bodensee, um mich mit ihm zu treffen, und durfte ihn über seine Erfahrungen am Mazaruni River stundenlang ausquetschen. Viele Dschungel-Anekdoten im Roman hat er selbst erlebt, zum Beispiel hat er die überfahrene Anakonda verspeist und sich mit stachellosen Bienen herumgeschlagen. Netterweise stellte uns Rainer Stawikowski auch noch sämtliche Fotos seiner Guyana-Reisen zur Verfügung und vertraute uns sein wertvolles Kartenmaterial an. Um weiter Dschungel-Atmosphäre zu tanken, schaute ich mir anschließend etliche Dokus an und tauchte im Botanischen Garten von München zumindest ein paar Stunden lang in die feuchtwarme Dickicht von Riesenseerosen, Bromelien und Orchideen ein. Ein schwacher Ersatz für die ausgefallene Guyana-Reise – ich trauerte ihr lange nach.

Wie immer ergänzte ich meine Recherchen mit Experten-Interviews, und bekam so noch viele interessante Informationen. Der Epidemiologe, mit dem ich netterweise reden durfte, gab mir noch ein paar gute Tipps zur Ausbreitung von Krankheiten, und mit Hans-Peter besprach ich, welche Symptome „unsere“ Krankheit haben könnte.

Bademäntel und Verbotsschilder

Nach der Leipziger Buchmesse 2011 begann ich mit der Feinplanung, um zum Beispiel festzulegen, welches Gewicht die einzelnen Teile der Story haben sollten, und die Handlung in einzelne Kapitel zu gliedern. Es war klar, dass die Dschungelszenen den Kern des Romans bilden würden. Der erste Teil dagegen war zu Anfang noch sehr vage, erst nach und nach füllte er sich mit Szenen. Zum Beispiel wurde ich in einem Buch mit Kurzbiografien von Greenpeacern fündig: dort erwähnte ein Mitarbeiter ganz kurz, dass er sich selbst mit Übungen daran gewöhnt hatte, Autoritäten zu trotzen. Daraus machte ich dann das „Trainingsprogramm“, mit dem Falk Cats Selbstbewusstsein stärkt. Die Bademantel-Übung schenkte mir meine Freundin Isabel Abedi – zum Spaß ging sie wirklich einmal mit ihrem damaligen Partner in einen Bademantel gehüllt in eine Kneipe. Als viele Jahre später ihre Tochter Sofia davon erfuhr, machte sie die Mutprobe prompt nach. Ich fand diese Familientradition so witzig, dass ich die Anekdote für den Roman verwendete. Dass sich Cat über die vielen Verbotsschilder im Nymphenburger Park ärgert, ist dagegen autobiografisch – mir geht es jedes Mal auch so, wenn ich dort bin. Eigentlich bin ich kein rebellischer Geist, aber diese Schilder provozieren mich dermaßen, dass ich dann meist absichtlich quer über die Wiese gehe, deren Betreten verboten ist.

Ich schickte meine Praktikantin Ulla los, diese Schilder zu fotografieren, und verbrachte selbst einen wunderbaren Tag mit Schauplatzerkundungen in München. Zum Glück fand ich um den Kapuziner- und Goetheplatz herum, genau wie ich es in Erinnerung hatte, ein paar versteckte Hinterhof-Schleichwege, durch die Falk und Cat bei der Demo fliehen konnten. An der Isar entlangzuradeln, um einen perfekten Ort für Falks Camp zu suchen, war das pure Vergnügen. Die Isar ist (so wie auch die Amper) für mich ein magischer Fluss, ich liebe sie einfach, und ich glaube, das spürt man in der Geschichte… Schatten des Dschungels ist ebenso ein München-Roman geworden wie ein Dschungel-Roman. Falks Camp zu finden ist übrigens ziemlich einfach, denn das Schild „Lebensgefahr – Wehr 500 m“ gibt es wirklich.

Erfinden mussten Hans-Peter und ich dagegen die Zukunft im Jahr 2025. Wahrscheinlich wird alles ganz anders sein, als wir es uns ausgedacht haben, aber vielleicht auch nicht. Meine Praktikantin Ulla und ich verbrachten eine vergnügliche Zugfahrt zu einer Lesung damit, uns Details für diese Lebenswelt der Zukunft auszudenken – immerhin ein Viertel dieser Ideen fand schließlich den Weg ins Manuskript. Anderes war mir dann doch zu durchgeknallt oder passte schlicht nicht zur Story.

Hans-Peter hatte den Vorschlag, dass Cat bei ihrer Flucht durch den Dschungel ein kleines, etwas unverschämtes Gerät im Edelstein-Design dabei haben könnte, das sich mit ihr unterhielt. Eine tolle Idee, denn ohne den SAM hätten wir in vielen Regenwald-Szenen keinen Dialog gehabt. Ich überlegte mir freche Sprüche für das Ding und entschied mich beim Aussehen des Avatars für einen Troll – schließlich schreibe ich auch gelegentlich Fantasy.

Sehnsucht nach der Wildnis

Nun begann meine Schreibphase – Hans-Peter kannte es ja schon, dass ich in dieser Zeit immer komplett abtauche. Schon während der Planung war mir klar gewesen, dass ich diesen Roman in Ich-Form und Präsens schreiben würde, die Geschichte musste ganz unmittelbar und direkt klingen. Das stellte sich schnell als gute Entscheidung heraus, und die Figuren erwachten zum Leben, als hätten sie nur darauf gewartet. Mit Cat konnte ich mich gut identifizieren, ich gab ihr viele meiner Gedanken und Gefühle – auch ich kann meine seelische Batterie nirgendwo so gut aufladen wie in der Wildnis, auch ich brauche es, in der Natur zu sein. Umgekehrt beeinflusste auch Cat mich: während des Schreiben hatte ich eine so starke Sehnsucht nach der Natur, dass ich es bei einer Lesereise kaum aushielt, in der Stadt zu sein und während der Zugfahrt nur Häuser, Häuser, Häuser, Parkplätze, Industriegebäude zu sehen, während sich meine Augen doch auf Wiesen und Wäldern ausruhen wollten, sich nach Grün sehnten. Doch Grün gab es auf dieser Strecke kaum, und schließlich schloss ich die Augen, um das Grau nicht mehr sehen zu müssen.

Cats Ton zu treffen fiel mir nicht schwer, und schon bald packte mich die Story. Die Phase begann, in der mich die Gedanken an den Roman oft schon um fünf Uhr früh wecken. Mit Cat zusammen verliebte ich mich in Falk, tauchte in den Dschungel ein, stand Gewissensqualen aus.

Wie immer stellte ich mir dazu über Napster einen eigenen Soundtrack zusammen, den ich beim Schreiben hörte. Der frühste Song darauf war „Dancing in a Minefield“ von Plushgun, schon Monate vor Beginn des Schreibens verkörperte dieses Lied – in dem es um eine Demo geht – für mich diesen Roman, weil es von der Stimmung und vom Text her so gut passte.  Hinzu kamen noch ein paar ältere Songs wie „Dancing into Danger“ von Inker & Hamilton, „I Ran“ von A Flock of Seagulls, „Fade to Grey“ von Visage und viele andere. (Bitte bloß nicht die blödsinnigen Videos dazu anschauen, die stammen noch aus den Achtzigern und sind nicht so gut gealtert wie die Musik selbst.)

Als das Manuskript etwa halb fertig war, brach die EHEC-Epidemie in Norddeutschland aus. Es war gruselig mitzuerleben, wie sich diese gefährliche Krankheit ausbreitete, und gleichzeitig im Roman einen ähnlichen Fall zu beschreiben. Ich sog jede neue Nachricht über das Thema auf und hatte beim Lesen der Zeitungen oft ein eigenartiges Déja vu-Gefühl. War diese Krankheit womöglich von Terroristen verbreitet worden? Hatte die Wirklichkeit unsere Geschichte eingeholt? Zum Glück gab es dafür keine Hinweise.

Heftige Reaktionen

Nach zweieinhalb Monaten war das Manuskript, das damals noch „Last Hope“ hieß, in der ersten Fassung fertig. Zum Glück gefiel Hans-Peter meine Umsetzung, und so konnte es an die Testleser rausgehen, die uns viele wertvolle Hinweise lieferten, was sich noch verbessern ließe. Zum Beispiel wurde der dritte Teil, in dem Cat und Andy durch das von der Seuche geplagte München irren, immer kürzer, immer mehr Szenen fielen heraus, weil sie die Testleser als nicht so wichtig empfunden hatten. Auch der Anfang wandelte sich stark – manchen fiel es schwer, ins Buch reinzukommen, sie fanden, dass es zu langsam losging. Nachdem unsere Lektorin Julia ihr OK gegeben hatte, schrieb ich kurzerhand die ersten zwei Kapitel drastisch um und verlegte die Demo-Szene, die ursprünglich eine Rückblende war, an den Anfang.

Manche Testleser reagierten auch ziemlich heftig auf das Manuskript, eine von ihnen schrieb mir empört, ob ich denn alle Naturschützer für gefährliche Schurken halten würde. Deshalb betonen wir im Nachwort extra noch mal, dass wir das keineswegs so vermitteln wollen. Das wäre auch ziemlich blödsinnig, weil Hans-Peter und ich beide selbst im Naturschutz aktiv sind. Es ging einfach darum, den Sündenfall einer Gruppe von Umweltaktivisten zu erzählen, das tragische Scheitern einer Gruppe von Idealisten. Hans-Peter und mir war ganz wichtig, dass Falk weder als Verrückter noch als Bösewicht rüberkam. Er ist sicher ein schwieriger Mensch, aber zumindest ich selbst kann ihn respektieren und finde ihn eine sehr spannende Persönlichkeit.

Die Überarbeitung war ein Rennen gegen die Zeit, weil unsere Lektorin in Urlaub fuhr und ich unbedingt noch ihre Meinung über den neuen Anfang hören wollte, bevor das ganze in den Satz ging. Ausgerechnet wurde in dieser Zeit mein kleiner Sohn krank, ich konnte nur noch abends und frühmorgens arbeiten und verbrachte den Rest der Zeit mit Spuckeimer-halten, Pfefferminztee kochen und Vorlesen. Und das mit einem Riesenstapel lektorierter Manuskriptseiten auf dem Tisch und Hunderte kleiner Korrekturen, die eingearbeitet werden mussten. Aber irgendwie klappte es, den Termin zu halten.

Aus „Last Hope“ wird „Schatten des Dschungels“

Eigentlich gefiel Hans-Peter und mir der Name „Last Hope“ gut, und mit diesem Titel entstand auch ein Cover, aber der Verlag wandte ein, dass man sich darunter nichts vorstellen könne. Wir überlegten, ob „Im Namen der Wildnis“ eine Lösung wäre, aber schließlich wurde es dann „Schatten des Dschungels“, und das lichtdurchflutete grüne Cover knüpfte sehr schön an das blaue von „Ruf der Tiefe“ an. Wir hoffen, dass dieser Roman seinen Weg geht und so manchen Leser daran erinnert wird, dass wir etwas für die Regenwälder tun müssen, bevor es zu spät ist.

7 Gedanken zu „Entstehungsgeschichte von „Schatten des Dschungels““

    1. Ich habe heute zum Geburtstag Büchergutscheine bekommen, die ich auf jeden Fall in ihre Romane investieren werde. (Da ist dann auch genug Geld, zum Vor bestellen gehe)

  1. Das Buch ist einfach genial! Habe es mir vor ein paar Jahren gekauft, kam aber irgendwie nie zum lesen. Bin froh das ich dies jetzt doch getan habe. Gibt es eigentlich diese Organisation Living Earth wirklich?

    1. Hi Nils,
      oh wow, da musste der Roman ja wirklich lange warten, aber ich bin froh, dass du doch noch reingelesen hast und es dir gefallen hat! Nein, Living Earth gibt es nicht wirklich, aber dafür (zum Glück) jede Menge andere Umweltschutzorganisationen. Ich engagiere mich speziell bei Rettet den Regenwald e.V.
      Viele Grüße,
      Katja

    1. Hi Falko,

      hm… ist die Frage, ob das auch wirklich funktioniert. Mal schauen. Sorgen machen mir übrigens die gentechnisch veränderten Moskitos, die von einer Firma schon in verschiedenen Ländern freigesetzt wurden und das Gelbfieber ausrotten sollen. Das ganze wurde nie irgendwo längerfristig erprobt, nein, man lässt die Tierchen einfach überall frei. Ob das gut geht?

      Katja

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