Leseprobe aus „Libellenfänger“

Aus dem 2. Kapitel Schwarze Sekunden

Antonia tanzte schon wieder, mit langsamen, fließenden Bewegungen – sie wirkte völlig versunken, eingetaucht in den Song. Doch dann geriet sie aus dem Takt – und ich spürte zum ersten Mal, dass etwas ganz und gar nicht stimmte in dieser Nacht.
Mitten in einer Drehung stockte Antonia, ihr Körper schien zu erstarren. Einen Moment lang hielt sie sich noch zitternd aufrecht, und im bunten Licht der Scheinwerfer sah ich, dass ihre Augen weit aufgerissen waren. Dann brach sie zusammen.
Erschrocken hörte ich auf zu tanzen, und auch ein paar andere Leute hatten gemerkt, was geschehen war und blieben stehen. Jemand rief irgendetwas, doch es ging in der Musik unter. Antonia lag verdreht auf dem Boden, ihre Augen waren halb geöffnet. Ich kniete mich neben sie, um uns herum ein Wald aus Beinen. Wenigstens waren die Leute ein wenig zurückgewichen, so dass keiner auf uns trat. Aber sie standen alle nur da und glotzten.

„Antonia!“, rief ich und rüttelte sie. Was hätte ich dafür gegeben, jetzt einfach einen der Schulsanitäter ausrufen lassen zu können. Verzweifelt versuchte ich mich daran zu erinnern, was ich in meinem Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein gerade gelernt hatte. Wie sollte ich überhaupt ihren Puls fühlen? Hier vibrierte doch alles! Ich versuchte es trotzdem, aber ich fand die richtige Stelle einfach nicht. Und es war so dunkel, verdammt, ich konnte kaum etwas erkennen! Grünes und violettes Licht spielte über Antonias reglosen Körper. Warum machte nicht mal jemand das Licht an und die scheiß Musik aus?
„Die ist ohnmächtig!“, schrie mir jemand überflüssigerweise ins Ohr. Marek. Er hockte neben mir und berührte Antonia vorsichtig an der Schulter. „Wahrscheinlich der Kreislauf. Ist ja ganz schön warm hier drin.“
„Besser, wir bringen sie erstmal an den Rand, bevor jemand auf sie drauftritt“, schrie ich zurück. Marek packte sie an den Schultern, ich nahm ihre Füße, und zusammen schleiften wir Antonia so schnell und vorsichtig wie möglich an den Rand der Tanzfläche. Sie fühlte sich sehr leicht an, leicht wie ein Kind. Vielleicht hätte ich sie sogar alleine tragen können. Einer ihrer schwarzen Ballerinas fiel ihr vom Fuß und blieb irgendwo liegen – egal, sie konnte ihn ja später suchen, wenn sie wieder aufgewacht war. Wenn er nicht einfach zertrampelt wurde. Schon tanzten viele Leute wieder.
Wir betteten Antonia auf eine der bunt erleuchteten Stufen am Rand der Tanzfläche. Jemand reichte mir eine Jacke, die ich ihr unter den Kopf schob. Mir fiel ein, dass ich sie jetzt in die Stabile Seitenlage bringen musste, damit sie nicht an ihrer Zunge erstickte. O Mann, wie ging das noch mal? Ach so, ihren Arm an die Seite klemmen und sie dann herumwälzen, Kopf überstrecken und so weiter. Ich war ziemlich stolz auf mich, als ich es geschafft hatte, und froh, dass Antonia dabei nicht von der Stufe heruntergefallen war.
Ihr Lover starrte betroffen auf Antonia herab, hockte sich dann neben sie und strich ihr zögernd über die Haare. Er schien keine Ahnung zu haben, was er tun sollte. Kriss und Celine standen ebenfalls hilflos herum; Celine hatten einen Becher Wasser geholt – wozu, um Antonia damit die Stirn zu kühlen? Inzwischen hatte sich auch einer der Türsteher durch die Menge gearbeitet. Als er Antonia sah, nickte er und zückte sein Handy. „Kommt ab und zu vor, so was. Ich ruf den Notarzt. Hat sie Ecstasy genommen? Oder sonst einen Mist?“
Marek schüttelte den Kopf. „Nee, auf so was steht sie nicht.“
In diesem Moment fiel mir auf, dass Antonias Brust sich nicht hob und senkte. Ihr Körper war viel zu starr.
Der Schreck durchfuhr mich eiskalt. Ich hielt meine Wange vor ihren Mund, versuchte ihren Atem zu spüren. Nichts. Schnell legte ich die Hand flach auf ihren Brustkorb. Nichts! Keine Bewegung. „Scheiße, sie atmet nicht!“, brüllte ich Marek zu.
„Bist du sicher?“ Er beugte sich über Antonia. und sagte dann ebenfalls: „Scheiße!“
Wir mussten sie reanimieren. Reanimieren. Reanimieren. Die Worte kreisten in meinem Kopf wie eine Endlosschleife. Marek half mir, Antonia wieder auf den Rücken zu wälzen. Instinktiv streckte ich die Arme, legte die Hände kreuzweise übereinander und drückte kräftig auf Antonias Brustkorb. So hatte es der Kursleiter uns gezeigt, so hatten wir es geübt. War das die richtige Stelle? War genau hier ihr Herz?
„Jetzt beatmen! Zweimal, glaube ich!“, schrie ich Marek zu, und vorsichtig öffnete er Antonias Mund, hauchte ihr seinen Atem ein.
Dreißigmal drücken. Zweimal beatmen. Antonias Lunge füllte sich, leerte sich wieder. Füllte sich, leerte sich. Mechanisch wie ein Blasebalg. Sonst reagierte ihr Körper nicht. Bässe wummerten wie der Herzschlag eines Riesen durch den Club, aber Antonias Herz wollte einfach nicht. War sie tot? War es sinnlos, was wir taten?
„Vielleicht machen wir irgendwas falsch“, keuchte Marek.
„Ich weiß doch auch nicht! Keine Ahnung!“ War denn keiner hier in der Disco, der mehr von so was verstand als wir? Wann kam der Notarzt endlich? Irgendetwas Nasses lief über meine Wangen, tropfte auf Antonias T-Shirt. Dunkle Flecken auf dem hellen Violett. Vor meinen Augen ein verschwommenes Geflimmer. Dann hörte auch die Musik auf, und es wurde hell.
Irgendwann merkte ich, dass Marek beim Beatmen wirklich etwas falsch machte. „Du musst ihr die Nase zuhalten, glaube ich! Sonst kommt die Hälfte der Luft doch gleich wieder heraus!“
„Oh“, sagte er erschrocken. „Okay.“
Wir machten weiter, Marek und ich. Dreißigmal drücken, zweimal beatmen. Dreißigmal, zweimal. Meine Handflächen schmerzten schon. Aber wir konnten nicht aufhören. Wenn wir aufhörten, war alles vorbei. Ich merkte, wie ich selbst in dem Takt atmete, den ich Antonia aufs Herz presste. Jedes Mal dachte ich, sie hätte sich bewegt, aber Antonia reagierte immer noch nicht. Sie lag da wie eine Puppe. Warum wachte sie nicht auf? Warum atmete sie nicht? Verdammt, sie musste doch atmen!
Und dann waren auf einmal Männer in rot-gelben Jacken neben uns, schoben uns weg, übernahmen rasch und professionell die Wiederbelebung. Antonia wurde auf eine Tragbahre gehoben, bekam eine Beatmungsmaske über Mund und Nase. Zwei andere Sanitäter packten an, trugen sie fort.
Marek und ich drängten uns hinter ihnen her, hinaus in die kühle Nachtluft. Blaulicht flackerte über das Gebäude der Disco, über die Autos, über die Wiesen. Einer der Männer, auf deren Jacke „Rettungsdienst“ stand, fragte mich: „Wie heißt das Mädchen? Wissen Sie, wer sie ist?“
„Antonia Kreisler“, stammelte ich. „Aus Neustadt. Darf ich mit? Ich…“
„Leider nein.“ Er war schon dabei, in den Wagen zu klettern. Die Hecktüren knallten zu, der Wagen fuhr ab und ein paar Sekunden später war wieder alles ruhig vor der Disco. So als sei nie etwas geschehen. Nur still war es, sehr viel stiller als sonst hier. Das Motorengeräusch war schon verklungen, und von unten kam kein Laut, sie hatten die Musik nicht wieder angemacht. Über uns glänzte der Sternhimmel. Es war, als seien wir nur rausgegangen, um kurz mal frische Luft zu schnappen. Außer uns war in dieser Gegend kein Mensch unterwegs, die Umgebung bestand nur aus Feldern und Wiesen.
„Was ist überhaupt passiert? Was ist denn jetzt mit Antonia?“ Kriss wirkte völlig aufgelöst. „Wir müssen hinterherfahren, schnell! Mann, wo ist denn dieser verdammte Dorian?“
Aber ich konnte nicht antworten, nur den Kopf schütteln. Auch Antonias Lover war nirgendwo in Sicht, vielleicht hatte er sich schon verdrückt. Marek stand neben mir und blickte stumm dem Rettungswagen hinterher. Er schnorrte sich von irgendjemandem, der gerade vorbeiging, eine Zigarette, steckte sie sich an und stieß den Rauch durch die Nase aus. Ich sah, dass seine Hände zitterten. „Die hatten bestimmt einen Defibrillator im Wagen“, sagte er schließlich. „Um das Herz wieder in Gang zu bringen.“
Mechanisch nickte ich. „Ja. Ganz bestimmt.“
„Ist ja auch nicht weit bis in die Klinik. Paar Minuten. Mehr nicht.“
„Ja.“ Meine Kehle fühlte sich so eng an, dass nichts anderes mehr hindurchpasste als dieses eine Wort.
„Hätte nicht gedacht, dass ich das so bald brauchen würde.“ Marek sog an seiner Zigarette, ein glühender Punkt in der Dunkelheit. „Diesen ganzen Erste-Hilfe-Kram.“
Ich nickte stumm.
„He, seit wann rauchst du eigentlich, Marek?“, fragte Celine erstaunt und schmiegte sich enger in Simons Umarmung.
Marek antwortete nicht, stattdessen sah er zu mir hinüber. Dann warf er seine Zigarette auf den Boden und trat sie mit dem Absatz aus, strich sich noch einmal durch die blauen Haare und blickte sich um. „Wo ist eigentlich Dorian? Besser, wir fahren heim. Nach Tanzen ist mir nicht mehr so zumute.“

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