Leseprobe aus „Und keiner wird dich kennen“

Aus dem ersten Kapitel „Der Brief“

Als Maja die Wohnungstür aufschließt und in den Flur tritt, spürt sie sofort, dass etwas nicht stimmt. Es ist so still. Normalerweise hört ihre Mutter ständig nebenbei Radio, ein Gedudel, ohne das sie nicht auszukommen scheint. Und um diese Uhrzeit ist sie normalerweise von der Arbeit zurück. Außerdem riecht es auch ungewohnt, nach Zigarettenrauch. Majas Herz beginnt schmerzhaft gegen ihre Rippen zu pochen. Gefahr, Gefahr, Gefahr!, schreit diese Stimme in ihr, die einfach nicht verstummen will.

Leise stellt Maja ihren Rucksack im Flur ab, geht zum Wohnzimmer und blickt hinein.

Ihre Mutter sitzt regungslos auf dem Polstersofa. Zwischen ihren Fingern hängt eine Zigarette, von der sich ein bläulicher Rauchfaden zur Decke kräuselt. Mist. Die erste Kippe seit drei Jahren, was ist passiert?

„Hey“, sagt Maja.

Ihre Mutter Lila starrt noch immer auf die Schrankwand gegenüber, in der sich ein Pegasus aus Porzellan aufbäumt. Dann streift sie Maja mit einem kurzen Blick und reicht ihr einen Brief, den sie in der Hand gehalten hat. Ein amtliches Schreiben, inzwischen sieht Maja so etwas auf den ersten Blick – braungraues Papier, kleine eckige Schriftart. Der Absender: Polizeipräsidium Südosthessen. Schnell überfliegt sie den Text, und plötzlich hat sie das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

… teilen wir Ihnen mit, dass Herr Robert Barsch am 8.2. aus der Haft entlassen wird … sind gerne zu einem Gespräch bereit, um Ihnen Möglichkeiten zur Eigensicherung aufzuzeigen … bitte melden Sie sich zur Terminabsprache.

„Ach du Scheiße“, flüstert Maja. „In einer Woche schon?“

„Ist ´ne nette Geste“, sagt Lila und verzieht das Gesicht zu etwas, das wohl ein Lächeln sein soll. „So was machen die nicht immer, hab ich gehört. Dass die dich benachrichtigen, meine ich. Manchmal erfährt man auch gar nichts und dann steht der Kerl plötzlich wieder vor der Tür.“

Majas Beine tragen sie nicht mehr. Sie lässt sich in den Sessel gegenüber ihrer Mutter fallen und schiebt das Schreiben über die Tischplatte. Einen Moment lang schweigen sie, dann sagt Maja: „Immerhin, er weiß ja nicht, wo wir jetzt leben.“

„Ja“, sagt Lila. „Immerhin.“

Sie haben ihre Spuren verwischt, so gut es geht. Lila hat das Einwohnermeldeamt um eine Auskunftssperre gebeten. Ihre Telefonnummern sind in keinem Verzeichnis zu finden. Alle ihre Freunde und Verwandten wissen, dass sie auf keinen Fall die neue Adresse weitergeben dürfen. Bei Facebook hat Maja keinen Wohnort angegeben, natürlich auch nirgendwo sonst, die Vorsicht ist längst zu einem Teil von ihr geworden.

Reicht das? Es muss reichen. Der Albtraum ist vorbei, er muss vorbei sein!

Erschrocken sieht Maja, dass Lilas Hände zittern. Asche fällt von der Zigarette auf den Teppich. Maja setzt sich neben ihre Mutter aufs Sofa und legt den Arm um sie. „Ist vielleicht besser, du rufst Dr. Salzmann an. Oder soll ich das machen?“

„Nee, lass mal, das kriege ich schon hin.“ Ihre Mutter streicht sich die langen dunklen Locken aus dem Gesicht. Dann steht sie auf und geht im Raum umher, erst zum Fenster, dann zur Zimmertür und zurück zum Fenster. Blickt nach draußen. Zurück zur Tür. Nur kurz hält sie an, um sich eine neue Zigarette anzustecken.

„Er muss sich im Knast ziemlich schlecht benommen haben“, sagt Maja und wundert sich darüber, dass sie selbst so ruhig ist. „Sonst wäre er ja schon vorher auf Bewährung entlassen worden. Kein Wunder. Jemand, der noch im Gerichtssaal herumpöbelt …“

„Eigentlich hat er nicht gepöbelt“, sagt ihre Mutter abwesend. „Schlimmer. Er war ganz ruhig. Aber das, was er gesagt hat …“

„Was genau hat er denn gesagt?“, entfährt es Maja. Sie ist nicht dabei gewesen bei der Gerichtsverhandlung damals, vor drei Jahren – ihre Mutter wollte es nicht und sie selbst auch nicht. Elias war damals vier und Maja dreizehn.

Ihre Mutter blickt sie erschrocken an, so, als wäre sie eben erst aus einer Art Trance erwacht. Sie antwortet nicht, holt stattdessen das Telefon. „Ich rufe jetzt erst mal auf dieser Dienststelle an. Vielleicht bekommen wir schon in dieser Woche einen Gesprächstermin.“ Fahrig sieht sie auf die Uhr. „Verdammt, gleich muss ich Elias aus dem Hort abholen.“

Keine Antwort bedeutet wohl, dass ihr der Typ gedroht hat. Auf einmal ist Maja froh, dass Lila eben nicht geantwortet hat. Manche Worte fressen sich in die Seele wie Säure, besser, man erspart sich das.

„Ich muss los!“ Ihre Mutter drückt die Kippe aus, schnappt sich ihre dicke wattierte Jacke und stopft Handy, eine Packung Taschentücher, Hustenbonbons, den Hausschlüssel und allen möglichen anderen Kram hinein, der auf dem Sideboard herumliegt.

In Maja schwappen die Erinnerungen hoch. Jeden Tag lungert er vor der Tür herum. Es fühlt sich an, als kleben seine Blicke auf meiner Haut. Mama hat gesagt, ich soll ihn nicht ansehen, soll einfach so tun, als wäre er nicht da, und ins Haus gehen. Dort sei ich in Sicherheit.

Meine Hände zittern, als sie den Schlüssel im Schloss drehen. „Gib mir den Schlüssel“, sagt der Typ. „Los. Her damit.“ Ich will ins Haus rennen, aber er stellt den Fuß in die Tür, kommt mir nach, entreißt mir den Schlüssel. Noch am gleichen Tag lässt Mama alle Schlösser auswechseln, aber was hilft das schon?

Maja blickt auf die Uhr, aber die Ziffern tanzen vor ihren Augen. Es dauert eine Weile, bis sie einen Sinn ergeben. Fast vier Uhr. Vier. Lorenzo. Gleich sind sie verabredet, wo noch mal? An der Sporthalle. Ja, genau. Er hat ja jetzt Basketballtraining.

Auf dem Weg dorthin nimmt sie zwei Autos die Vorfahrt und übersieht eine rote Ampel. Mit wackeligen Knien stellt sie ihr Fahrrad neben der Sporthalle ab, geht hinein und setzt sich auf die Zuschauerbank am Rand. Das Training läuft noch und Majas Augen suchen nach Lorenzo, finden ihn. Sein verstrubbelter, rotblonder Haarschopf leuchtet förmlich aus dem Pulk der Spieler hervor. Er dribbelt gerade um einen Gegner herum, jede Bewegung rasch und kraftvoll. Schon hat er sich zum Korb vorgearbeitet und wirft. Der Ball prallt mit einem harten Tock am Rand ab und dotzt davon. Anscheinend hat auch Lorenzo heute einen schlechten Tag. Sonst trifft er meistens.

Fünf Minuten später ist das Spiel beendet, und einige der jüngeren Spieler scharen sich um Lorenzo, hoffen auf ein paar Sekunden seiner Aufmerksamkeit, einen Tipp, einen anerkennenden Blick. Noch während Lorenzo sich mit ihnen unterhält, bewegt er sich in Majas Richtung, er hat sie längst gesehen. Verschwitzt und strahlend kommt er auf sie zu, und Majas Herz zerfließt.

„He, willst du das wirklich?“, ruft Lorenzo lachend, als sie sich in seine Arme wirft. „Ich bin klatschnass …“

„Ist mir egal“, sagt Maja und hört, dass ihre Stimme erstickt klingt. Auch Lorenzo hört es und wird ernst. Sie fühlt seine warme Hand an ihrer Wange, seinen Kuss auf ihren Lippen. „Was ist passiert?“

Doch Maja bleibt stumm, sie bringt die Worte nicht über ihre Lippen. Besser, sie behält es für sich. Es ist beschissen gelaufen in ihrer letzten Schule. Als die Leute dort Wind von der ganzen Sache bekommen haben, hatten sie ihre Sensation, begierig haben sie immer wieder nachgefragt. Wow, das ist ja wie im Krimi, und was genau hat der Typ dann gemacht? Was, die Bullen waren schon wieder bei euch, was ist denn  passiert? Aber nach einer Weile gab es andere Dinge, die interessanter waren, und irgendwann hatte Maja das Gefühl, dass es einfach nur nervte, wenn sie schon wieder davon erzählte. Wie sich das wirklich anfühlte, wie schlimm es war, konnten die anderen sowieso nicht verstehen.

Sie will nicht, dass es ihr mit Lorenzo auch so geht. Ihre Zeit mit ihm soll absolut Robert-Barsch-frei sein. Nicht verseucht von all diesem Mist.

Vorsichtig lässt Lorenzo sie los und sieht sie mit einem forschenden Blick an. „Ich dusche ganz schnell, dann bin ich wieder bei dir, ja?“, verspricht er und Maja nickt mechanisch.

Lorenzo hält Wort, schon nach wenigen Minuten ist er wieder da und sieht in seinem schwarzen Kapuzen-Sweatshirt und den Jeans verwegen und unglaublich gut aus.

Minutenlang stehen sie einfach nur auf dem Hof und Lorenzo hält sie ganz fest, während die anderen Leute an ihnen vorbeilaufen. Maja drückt ihr Gesicht in seine Halsbeuge und atmet seinen Geruch nach frisch gebackenem Pizzateig ein, der wie so oft in seinen Klamotten hängt.

„Irgendwas mit deiner Familie? Zoff gehabt?“, versucht Lorenzo es noch einmal, doch als Maja schweigend den Kopf schüttelt, gibt er vorerst auf.

Sie fahren zu ihm nach Hause, und Maja schleppt sich mit Mühe die Treppenstufen des Altbaus hoch, sämtliche Energie scheint sie verlassen zu haben. Seine Eltern sind gerade nicht da und das ist vielleicht besser so. Bei Lorenzos Vater, der aus einem kleinen Ort in Norditalien stammt, hat Maja manchmal das Gefühl, er wünsche sich ein anderes Mädchen für Lorenzo. Eins, das nicht besser in Physik ist als sein Sohn, ein Mädchen, das irgendetwas anderes werden will als Lebensmittelchemikerin – jedes Mal fragt er sie ungläubig, ob sie das ernst meine. Und jedes Mal kommen daraufhin in Maja die Zweifel hoch, ob sie sich dieses lange und schwierige Studium wirklich zutraut. Da hilft es wenig, wenn Lorenzos selbstbewusste, rothaarige Mutter Nelly ihr verschwörerisch zuzwinkert, als wolle sie sagen: So sind sie halt, die Männer. Und wenn die Großeltern da sind, dann ist alles noch schlimmer, irgendwann regt sich Lorenzos Nonna garantiert wieder über Lorenzos holpriges Italienisch auf.

Doch heute ist außer ihnen niemand da.

Lorenzo geht voraus in sein Zimmer, ein gemütliches Chaos aus Klamotten – zum großen Teil ungewaschen –, Bibliotheksbüchern, die bestimmt längst überfällig sind, und selbst gebrannten Foto-CDs. Instinktiv geht Maja zum Fenster, schaut hinaus, kontrolliert wie schon zahllose Male zuvor, ob sie jemand Verdächtiges auf der Straße sieht. Nein, da ist niemand. Erschöpft presst sie die Stirn gegen die Fensterscheibe und fühlt, wie die Kälte in ihre Haut sickert.

„Bleib so“, flüstert Lorenzo und dann hört sie das satte Klack-Klack seiner digitalen Spiegelreflex. Schweigend zeigt er ihr die Bilder, und Maja staunt wieder einmal, wie hübsch sie auf Lorenzos Fotos aussieht. Vielleicht haben er und seine Kamera sich gemeinsam in sie verliebt, und die Bilder zeigen, wie Lorenzo sie sieht. Jedenfalls wirkt das Mädchen auf dem Bild wie eine verbannte Prinzessin, und das sonst so hässliche graue Winterlicht legt einen Perlenschimmer auf ihr langes, eichenholzfarbenes Haar.

2 Gedanken zu „Leseprobe aus „Und keiner wird dich kennen““

    1. Liebe SierraTikaani,
      ich freue mich total, dass du dich für meine anderen Jugendbücher interessierst! Die sind alle ab 12 – wenn du merkst, dass es dir zu gruselig ist, dann leg es einfach nochmal ein Jahr weg.
      Viele Grüße,
      Katja

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