Leseprobe aus „Floaters“

Aus dem Kapitel Jagen und Fischen

Mit einem lauten Knacken und elektrischen Summen öffneten sich die Tore am Bug des Schiffs. Fasziniert beugte sich Malika weit über die Reling, um es zu beobachten. Kapitän Hensmann hatte die Ariadne so weit gebremst, dass sie nur noch mit vier Knoten vorankroch. Die sonst so gewaltige Bugwelle war verschwunden, dafür waren die offenen Tore von oben deutlich zu sehen.

„Jetzt geht´s los!“, quiekte Malika.

„Fall nicht über Bord, sonst wirst du in deine Bestandteile zerlegt und wiederverwertet“, empfahl ihr Danílo.

„Wie wär es, wenn du mich festhältst?“, ätzte Malika zurück. „Oder ist dir das gerade zu anstrengend?“

Danílo grinste. „Ich denke mal drüber nach.“ Er hob sein Fernglas und musterte die anderen Lesser-Schiffe. „Die haben auch schon die Skimmer-Tore offen.“

Malika drehte sich um, damit sie den Moon Pool im Auge behalten konnte. Wenn der Skimmer seine Aufgabe erfüllte, dann musste jetzt bald der erste Müll und in diesem viereckigen, offenen Becken mitten im Schiff auftauchen. Und tatsächlich – darin begann sich eine konzentrierte Drecksuppe zu sammeln, die Zutaten waren unter anderem ein Styroporbecher, eine löchrige Plastikplane und der Griff eines Regenschirms. Auf der anderen Seite des Schiffs gelangte das gereinigte Wasser wieder ins Meer.

Sie hatten begonnen, das Meer zu säubern! Malika und Danílo jubelten mit den anderen, und selbst die südkoreanischen Matrosen, für die das hier nur ein Job wie jeder andere war, schienen sich zu freuen.

„Wie zum Teufel kommt ein Regenschirmgriff in den Pazifik?“, rätselte Malika.

Danílo zuckte die Schultern. „Es gibt viele billige Regenschirme und die Dinger halten nicht lange. Vielleicht hat den da jemand am Strand liegen lassen, weil er kaputt war.“

Der Regenschirmgriff driftete durch den Moon Pool und wurde tiefer hineingesaugt ins Schiff, um dort verarbeitet zu werden. Malika spürte am leichten Vibrieren des Decks, dass die Maschinen in Betrieb waren. Schwups, schon war er weg.

„Nehmen wir mal eine Probe“, sagte Benjamin Lesser aufgeregt wie ein Kind. Mit einem Kescher an einer langen Metallstange fischte einer der Seeleute eine Plastikflasche heraus, in der Mineralwasser gewesen war. „Bitte sehr, Sir.“

Lesser hatte sich Handschuhe angezogen, die bis über die Ellenbogen reichten – so geschützt, nahm er die Plastikflasche und drehte sie in den Händen. Nur noch die Hälfte der ursprünglichen Flasche war übrig, Lesser strich über die gezackte Bruchfläche. „An der haben Fische herumgenagt, seht ihr die Bissspuren? Das ist verdammt schlechtes Futter, aber woher sollen die Fische das wissen?“

„Netz eins ins Wasser“, kommandierte Louanne Grégoire.

Netz eins hatte sehr feine Maschen und sah aus wie ein zwei Meter langer Windsack. Es wurde über Bord gehievt und schon nach zehn Minuten wieder eingeholt. „So, diesen Fang nehme ich genauer unter die Lupe“, kündigte Louanne Grégoire an, packte das tropfende Netz und nahm es mit. Malika blieb ihr neugierig auf den Fersen und schaute im Labor auf dem B-Deck zu, wie sie den Stoff auswusch. Es waren nicht die größeren Müllstücke, die Louanne interessierten, sondern die Reste von zerfallenem Plastik. Schon mit bloßem Auge sah Malika die bunten Körnchen, doch in starker Vergrößerung waren noch sehr viel mehr zu erkennen. „Zweihundertmal mehr Plastik als echtes Plankton“, stellte Louanne grimmig fest und schob Monsieur weg, der seinen rotpelzigen Kopf schnurrend am Mikroskop rieb. „2013 war das Verhältnis auch schon sechzig zu eins.“

„Aber doch nur hier im Müllstrudel, oder?“

Louanne seufzte. „Leider nein. Meeresströmungen bringen das Zeug überall hin. Bei einer Studie an Meeresvögeln in der Antarktis hat sich gezeigt, dass die auch schon fast alle Plastik im Magen hatten.“

Sie kehrten an Deck zurück und bekamen gerade noch mit, wie das größere, grobmaschigere Netz wieder an Bord zurückgehievt wurde. Danílo und Malika zogen ihre Arbeitshandschuhe an, und die koreanischen Seeleute zeigten ihnen, wie man den Knoten an der Unterseite des Netzes öffnete. Ein hüfthoher, bunter Haufen Müll ergoss sich auf das nasse Deck. Zum Glück stank das Zeug nicht, es roch nur nach Algen und Salzwasser. Danílo und einer der Seeleute stocherten mit einer Stange darin herum.

„Schau mal“, sagte Danílo und hielt einen Golfball hoch, der schon bessere Tage gesehen hatte. „Ist wahrscheinlich in einen Fluss gefallen und dann ins Meer gespült worden.“ Dann hob er eine schwarze Röhre auf, etwa handlang. „Von denen haben wir einige gefangen. Keine Ahnung, was das ist.“

Der Seemann neben ihm nahm ihm die Röhre aus der Hand, schaute sie sich kurz an und erzählte dann etwas. Bordingenieur Yun Shin übersetzte: „Diese Dinger werden in der Austernzucht verwendet, wahrscheinlich stammen sie von der japanischen Küste.“ Er sah sich die Röhre ebenfalls an und fügte hinzu: „Leider aus PVC, das lässt sich nicht gut recyceln, weil der Stoff Chlor enthält.“

Auch Malika begann neugierig zu wühlen, es war fast wie eine Schatzsuche. Sie zog einen Spielzeugbagger, dem die Schaufel fehlte, aus dem Haufen und zeigte ihn Danílo, außerdem fand sie noch eine orangefarbene Boje. „Was wird mit Zeug gemacht, das sich noch benutzen lässt?“, fragte sie Kapitän Hensmann.

„Dafür haben wir einen Lagerraum, leg es einfach beiseite“, meinte er.

(…)

Nach Ende ihrer Nachmittagsschicht fiel Malika erschöpft in ihre Koje und schlief sofort ein, ihre innere Uhr war völlig aus dem Takt. Sie wachte erst auf, als Danílo an ihre Tür klopfte, um sie ans Abendessen zu erinnern.

Durch ihre Brückenwache hatte Shana noch keine Gelegenheit gehabt, im Müll herumzustapfen. „O Mann! Ich will auch! Was, ihr habt fünf Sandkuchenförmchen gefunden? Na, hoffentlich nicht auch die Kinder dazu.“

„Keine Sorge“, informierte sie Mike Armstrong. „Leichen sinken meist auf den Meeresgrund, wo sie von Krebsen zerlegt werden.“

„Echt jetzt“, sagte Danílo. „Aber man hört doch von Leichen, die auf dem Wasser treiben?“

„Das hängt erst mal vom Fettgehalt des Körpers ab, im Meer schwimmt etwa die Hälfte aller Leichen, die anderen sinken“, informierte ihn Mike und lehnte sich gemütlich in seinem Stuhl zurück. „Ziemlich oft lösen sich nach einer Weile die Füße und kommen hoch. Dann nämlich, wenn sie in Sneakers mit Gummisohlen stecken – die schwimmen bestens.“

„Oh, toll“, sagte Malika schwach, mit ekligen Dingen konnte man sie gut vom Essen abhalten. Aber Shana verzog keine Miene. „Hast du schon mal einen Fuß gefunden? Du stöberst doch gerne an Stränden herum, oder?“

„Ja, stimmt, und nee, ich hab noch keinen gefunden“, erzählte Mike. „Aber an der Pazifikküste der USA und Kanada sind im Laufe von ein paar Jahren mal zwölf einzelne Füße angeschwemmt worden, einmal sogar sechs innerhalb eines Jahres. Erst hat die Polizei gedacht, es ist ein Psychopath mit Fuß-Fetisch unterwegs. Aber die Füße stammten alle von Selbstmördern, die sich von Brücken gestürzt hatten.“

 

Während sich Malika und Danilo fröhlich mit Plastik und Leichen beschäftigen, ahnen sie nicht, dass sie nicht allein sind im Großen Pazifischen Müllstrudel – dort fischen nicht nur die „Floaters“ hinter den Rohstoffen her, auch das von Piraten gesteuerte Tarnkappenschiff Mata Tombak jagt dort. Nicht ganz freiwillig mit an Bord: der junge Indonesier Arif.

 

Eines Tages sah Arif auf der elektronischen Seekarte, dass die Mata Tombak Kurs auf die Hawaii-Inseln genommen hatte. „Dürfen wir dort an Land gehen?“, fragte er Jivan aufgeregt. Es wusste kaum noch, wie sich fester Boden unter den Füßen anfühlte.

„Wahrscheinlich, Anak Rezeki, und das ist auch verdammt gut so – meine Vorräte sind nämlich ausgetrunken, kein Tropfen übrig!“ Jivan blinzelte wehleidig in die untergehende Sonne. Anak Rezeki, Glückskind, so hatten die Indonesier an Bord ihn getauft, seit er nicht nur den Untergang seines Schiffs, sondern auch Ishaks Wutanfälle überlebt hatte.

An LAND! Der Gedanke durchfuhr Arif wie ein Stromstoß. Zwar war es erträglich gewesen in letzter Zeit, niemand wagte mehr, ihn zu misshandeln. Doch seit er nicht mehr ständig kämpfen musste und herausgefunden hatte, wie der Bordalltag funktionierte, lenkte ihn auch kaum etwas von seinem Heimweh ab. Alle Menschen, die er liebte, waren weit weg. Manchmal träumte Arif davon, dass seine Mutter ihn umarmte, und drückte beim Erwachen das Gesicht in seine Decke, damit niemand seine Tränen sah.

Wenn er nicht mehr von unendlich vielen Meilen Wasser umgeben war, konnte er vielleicht endlich fliehen. Oder wenigstens irgendwo eine Nachricht hinterlassen, damit jemand sie fand. Ja, die Idee gefiel ihm. Er hatte zwar weder Papier noch Stift, doch Admiral Zahir erlaubte ihm, die Bücher aus seiner Kammer zu lesen. In einer stillen Stunde des Tages, als die Mittagssonne herabbrannte und die anderen schliefen, kletterte Arif mit klopfendem Herzen hoch auf den Rumpf und trennte die letzte Seite aus dem dicken, sehr gruseligen Wälzer The Passage, den er gerade las. Dieses Blatt war ohnehin leer, darauf konnte sein Hilferuf Platz finden. Unruhig blickte er sich um, doch niemand schien das reißende Geräusch gehört zu haben. Nun brauchte er einen Stift.

Das nächste Mal, als er in der Kammer des Kapitäns sauber machen sollte, blieb sein Blick am Korb mit dem Schreibzeug hängen. Ein ganzer Haufen Filzstifte lag darin. Waren sie durchgezählt? Konnte er riskieren, einen zu stehlen? Er musste es tun. Im Cockpit einen zu klauen wäre noch viel schwieriger. Seine Hand schlich zum Korb … nein, diesmal war wirklich keine Webcam angeschaltet … oder doch? Er würde es bald zu spüren bekommen.

Wenige Stunden später war seine Nachricht fertig. Er hatte sie auf Englisch geschrieben.

Mein Name ist Arif Nalapraya. Wenn Sie diese Nachricht finden, dann benachrichtigen Sie bitte die Polizei und meine Eltern. Nach der Versenkung der „Kerapu“ werde ich auf einem Piratenschiff (M-80 Stiletto) festgehalten, das im Pazifik unterwegs ist, letzte bekannte Position 500 Seemeilen nordöstlich von Hawaii. Bitte helfen Sie mir!

In sorgfältiger Druckschrift setzte er die Adresse seiner Familie an den Schluss und schrieb oben auf den Rand das Datum.

Eins war klar – wenn jemand von der Besatzung diese Nachricht fand und las, war sein Leben nichts mehr wert. Erst versuchte Arif, sie sich an die Innenseite des Oberschenkels zu kleben, doch das hielt nicht; schließlich steckte er den Zettel zusammengefaltet in die Tasche seiner Shorts.

Kaum hatte er die Hand wieder aus der Tasche gezogen, gingen die Bordsirenen los. Eisig schoss ihm der Schreck durch den Körper. Hatte ihn irgendjemand beobachtet? Doch schnell wurde Arif klar, dass es nur das Übliche war, die Leute im Cockpit hatten auf dem Radar ein mögliches Ziel gesichtet. Während alle anderen losrannten, um ihre Waffen zu holen, hielt sich seine Aufregung in Grenzen. Die letzten Angriffe hatte er zusammen mit Daud im Cockpit damit verbracht, den Funkverkehr des angegriffenen Schiffs zu blockieren und die Mata Tombak auf Position zu halten.

Doch nun kam plötzlich Admiral Zahir auf ihn zu. „Hier, für dich“, sagte er und reichte ihm eine der alten russischen Kalaschnikows, die die Besatzung bei Überfällen benutzte. „AK-47, es gibt nichts Besseres.“

Völlig verblüfft ergriff Arif das Gewehr, schwer und nach Waffenöl stinkend lag es in seinen Händen. Der Admiral deutete seinen Blick richtig und nickte. „Diesmal bist du dabei. Hast dich gut gemacht in letzter Zeit, aus dir kann noch was werden auf der Mata Tombak. Heute hilfst du, die Kerle in Schach zu halten. Geschossen wird nur, wenn´s unbedingt sein muss, klar?“ Er zeigte Arif, wie man das Gewehr richtig hielt – eine Hand am Abzug, die andere am Lauf.

Ohne dass Arif es bemerkt hatte, war Tomás herangekommen. Er schlug Arif grinsend auf die Schulter. „Kommst du mit nach oben, das Ding ausprobieren?“

Anscheinend war die Beute noch weit genug entfernt. Arif kletterte mit den anderen auf den Rumpf – doch dann zögerte er. Wollte er das wirklich, hier in der Gegend herumballern? Irgendwie reizte es ihn schon, dieses Ding mal auszuprobieren. Außerdem hatte er es satt, dass andere mit ihm machten, was sie wollten … solange er das Gewehr in der Hand hielt, gehörte sein Leben ihm.

Arif zögerte nicht mehr, er betätigte den Abzug und schoss eine Salve in die Luft. Der Rückstoß knallte ihm die Waffe gegen die Schulter und ein Strom von Patronenhülsen verteilte sich auf der Oberseite des Schiffs.

„Na, macht´s Spaß?“, fragte Tomás, und fast widerwillig nickte Arif. Er sandte einen Feuerstoß ins Meer, das hier ziemlich dreckig war, und versenkte mit ohrenbetäubendem Krach einen herumdriftenden Plastikkübel. Wow! Jetzt verstand er, warum sich Tomás nie von seiner Waffe trennte, man fühlte sich unglaublich stark damit.

Erstaunlich, dass ihm der Admiral so sehr vertraute. Seine Waffe war noch immer auf Dauerfeuer geschaltet. Wenn Arif sich jetzt herumdrehte und schoss, konnte er innerhalb von Sekunden die Hälfte der Besatzung töten. Mit etwas Glück konnte er sogar die Mata Tombak in seine Gewalt bringen und vom Autopiloten in den nächsten Hafen steuern lassen.

Ja, warum eigentlich nicht? Vielleicht deswegen, weil ihn Daud gerade lächelnd beobachtete, weil Jivan ihm den erhobenen Daumen zeigte und selbst Salty, der in den letzten Wochen ziemlich schroff zu ihm gewesen war, neugierig beobachtete, wie Arif mit der Waffe zurechtkam.

Aus dir kann noch was werden auf der Mata Tombak.

Was eigentlich zog ihn zurück an Land, zu der stinkenden Garnelenfarm? Auch die Schufterei auf der Kerapu war nicht wirklich eine Arbeit gewesen, die er sich erträumt hatte. Die Mata Tombak dagegen war das beste Schiff weit und breit, hässlich und eng, aber unglaublich schnell. Selten zuvor hatte Arif einen Dollar in der Tasche gehabt, der ganz allein ihm gehörte, und ab jetzt stand ihm als vollwertigem Mitglied dieser Besatzung ein Teil jeder Beute zu.

Arif dachte an den Zettel mit dem Hilferuf in seiner Hosentasche. Noch immer sehnte er sich nach seinen Eltern und Geschwistern, sie mussten wissen, was mit ihm passiert war. Aber sollte er wirklich all das, was er hier an Bord erreicht hatte, riskieren, um sie jetzt zu kontaktieren? Vielleicht durfte er das später ganz offiziell tun.

„Unter Deck!“, kommandierte Admiral Zahir. „Wir kommen gleich in Sichtweite der Beute. Waffen bereithalten.“

Sein eigener Herzschlag dröhnte Arif in den Ohren.

Es ging los!

Mit hämmerndem Herzen, die AK-47 in beiden Händen, wartete Arif auf dem Rumpf der Mata Tombak und duckte sich, damit der Fahrtwind ihm nicht so heftig ins Gesicht peitschte. Geschmeidig glitt das Schiff über die Wellen, es war nicht schwer, auf seinem Dach das Gleichgewicht zu halten. Neben ihm kauerten der Admiral, Viper und Tomás mit ihren Gewehren und Pistolen, hinter ihm Jivan und Salty, beide mit Macheten. Das Ziel, ein zwanzig Meter langes Fischerboot, lohnte nicht, den Raketenwerfer einzusetzen.

Normalerweise griff der Admiral gerne über das Heck der fremden Schiffe an, damit die Mata Tombak – ohnehin fast unsichtbar für die Elektronik – möglichst lange im toten Winkel des Radars blieb. Diesmal, am frühen Morgen, steuerte Daud das Schiff so, dass sie direkt aus Richtung der Sonne kamen. Von der Helligkeit geblendet, würde die fremde Besatzung erst im letzten Moment merken, was ihnen drohte. Nur für den Fall, dass sie Waffen dabeihatten und auf die dämliche Idee kamen, sich zu wehren.

„Glaubt ihr, da ist überhaupt was zu holen?“, fragte Arif zweifelnd, als er sich das Fischerboot anschaute.

Sí, claro.“ Tomás deutete auf die Solarflügel, die sich über Bug und Heck ausbreiteten. „Gleich gehören die uns.“

Im letzten Moment hörte die Besatzung des fremden Schiffs den Dieselmotor der Mata Tombak, zwei Männer stürzten mit weit aufgerissenen Augen an die Reling. Sie waren schon so nah, dass Arif ihre Flüche übers Meer schallen hörte. Es war ein Schiff namens Ikaika, darunter stand als Heimathafen Honolulu.

Sie gingen längsseits. Mit blitzenden Augen schleuderten Jivan und Viper ihre Enterhaken mit den Seilen daran über die Reling und zogen sich hoch. Die anderen folgten. Mit Fußtritten und einer Holzlatte versuchten die beiden Männer an Bord sie abzuwehren, aber vergeblich. Arif hängte sich das Gewehr um, packte eins der Seile, hangelte sich hoch und stand an Deck des fremden Schiffs. Viper hielt einem der Männer, einem grauhaarigen Weißen mit Basecap, die Pistole an den Kopf, beide hörten sofort auf zu kämpfen.

„Keine Bewegung!“, brüllte Arif trotzdem zur Sicherheit, machte man das so? Er blieb breitbeinig stehen, das Gewehr im Anschlag, während der Admiral und Salty unter Deck verschwanden, um nach Wertgegenständen zu suchen. Jivan und Daud, die beiden Ingenieure, machten sich daran, ihre Sonnenstrom-Module abzumontieren und vorsichtig rüber zur Mata Tombak zu schaffen. Wohl fühlte sich Arif nicht mehr, es fühlte sich furchtbar falsch an, hier zu stehen und auf Menschen zu zielen. Bei Allah, warum hatte er nur zugestimmt, bei diesem Angriff mitzumachen? Am liebsten hätte er die Waffe fallen lassen und wäre wieder über die Reling geklettert, aber das ging nicht. Wenn er jetzt kniff, dann wurde er vermutlich selbst erschossen.

„He, das könnt ihr nicht machen!“, rief der jüngere der beiden Hawaiianer, der unter dem ausgebleichten T-Shirt eine kleine Wampe vor sich her trug. „Wenn ihr die mitnehmt, haben wir keinen Strom mehr, und der Watermaker funktioniert ohne Strom nicht – was sollen wir ohne Trinkwasser machen?“

Das stimmte. Unsicher blickte Arif Viper an, doch dessen Gesicht war ausdruckslos wie so oft, er antwortete nicht. Wahrscheinlich durfte man sich mit Gefangenen nicht auf Diskussionen einlassen. Arif vermied es, den beiden Männern ins Gesicht zu sehen, das Entsetzen in ihren Augen ertrug er kaum. Mit jeder Minute, die verging, fühlte er sich elender. Vielleicht konnte er Daud irgendwie überzeugen, ihnen ein paar Sonnenstrom-Module zu lassen …

Salty und der Admiral kamen mit prallvollen Plastiktüten wieder zum Vorschein, doch richtig zufrieden wirkten sie nicht. „Es ist nur einer dieser Kähne, die hier in der Gegend Müll fischen“, berichtete Salty. „Sein Laderaum ist bis oben hin voll mit dem Zeug.“

„Müll?“, fragte Arif entgeistert.

„Weißt du was, ich löse dich ab, dann kannst du dich selber unter Deck umschauen“, bot Salty an. Er nahm dem älteren Gefangenen die Basecap ab, setzte sie sich selbst auf und tippte sich ironisch an den Schirm der Mütze. „Thank you, Mister.“

Die großspurige Unverschämtheit passte nicht zu dem Salty, den Arif zu Anfang kennengelernt hatte. Seit er selbst mitmischen darf, ist er anders drauf, ging es ihm durch den Kopf.

Trotz allem war er neugierig und ließ sich nicht zweimal bitten, selbst auf Erkundungstour zu gehen. Zuerst warf er einen Blick in den Laderaum. Tatsächlich, jede Menge Müll, hauptsächlich Plastik. Hatten diese Leute den Verstand verloren?

Als Nächstes schaute er sich im Ruderhaus um, in dem Jivan gerade damit beschäftigt war, wertvolle Elektronik auszubauen. „Sag mal, Jivan, ihr wollt denen doch nicht wirklich die ganzen Solardinger abbauen, oder? Könnt ihr ihnen nicht ein bisschen was lassen?“

„Mal sehen“, grunzte Jivan – Arif war nicht sicher, ob er richtig zugehört hatte.

In einer Schublade fand Arif einen alten Messingkompass, den er nach kurzem Zögern einsteckte. Durfte er wirklich mitnehmen, was er wollte, einfach so?

Er tappte die Treppe hinunter zu den Kammern und der winzigen Kombüse. Hier war schon alles durchwühlt, auf dem Boden lagen Kleidung, Blu-ray Discs, HyperCheck-Kaugummis, mit denen sich in Arifs Schule manche Schüler vor Prüfungen gedopt hatten, und alte Seekarten wild durcheinander. Tomás war gerade dabei, Essensvorräte hochzutragen an Deck. Auf dem Stapel mit Konservendosen thronten ein paar Pornomagazine. Arif reckte neugierig den Hals. Solche Zeitschriften kannte er nur vom Hörensagen, sie waren in seiner Heimat verboten.

Zögernd öffnete Arif die verschiedenen Schapps, in die Wand eingebaute Schränke aus Sperrholz. Er fand ein Rasierzeug mit Monogramm, ein Tagebuch und ein abgenutztes Schachspiel aus Holz. Es war ein eigenartiges Gefühl, in diesen persönlichen Sachen herumzukramen. Hatte man nur beim ersten Überfall ein schlechtes Gefühl. Würde er sich schnell daran gewöhnen, ein Dieb zu sein?

Außer dem Kompass nahm er ein neues T-Shirt, einen Fleece-Pullover für die kalten Nächte und ein paar Bücher aus der Bordbibliothek mit: Fatherland und Pompeji von Robert Harris, dazu zwei Bände Harry Potter und etwas von Stephen King. Die anderen warfen ihm seltsame Blicke zu, als er mit diesen Sachen an Deck kam. Nach einem kurzen Blick urteilte der Admiral: „Ist alles in Ordnung, kannst du behalten.“ Wertvollere Gegenstände musste man sicher abgeben.

Bevor sie auf die Mata Tombak zurückkehrten, zapften Jivan und die anderen noch einen Großteil des Diesels aus den Tanks des Fischerboots ab. Arif half überall aus, wo kräftige Hände gebraucht wurden, doch die AK-47 störte ihn, sie schlug ihm schwer gegen die Schulter, wenn er sich zu schnell bewegte. Morgen würde er neue blaue Flecken haben.

Er war froh, als sie endlich ablegten und Gas gaben. Kurze Zeit später war die treibende Ikaika außer Sicht. Sie haben ja noch einen Rest Diesel übrig, beruhigte sich Arif. Während ihre Maschine läuft, können sie Trinkwasser erzeugen und ihren Tank füllen …

„Gut gemacht“, sagte Admiral Zahir zu Arif, und seine harten dunklen Augen wirkten fast freundlich. „Spaß gehabt?“

Arif entschied sich, ehrlich zu sein. Auch zu sich selbst. „Eigentlich schon. Es war ein bisschen wie eine Schatzsuche. Nur aufregender.“

„Stimmt“, sagte Salty. Er biss in einen Apfel – das erste frische Obst seit einiger Zeit – und warf Arif ebenfalls einen zu.

Später, als er in der Bordküche einen Moment lang allein war, griff Arif in seine Hosentasche, um den Zettel mit dem Hilferuf herauszuholen und zu zerreißen. Doch seine Finger suchten vergeblich. Arif drehte die Tasche nach außen – das verdammte Ding hatte ein Loch! Der Zettel war herausgefallen!

Sein Magen stürzte in die Tiefe.

 

4 Gedanken zu „Leseprobe aus „Floaters““

    1. Hi SierraTikaani,
      ich bin total gerne deine Lieblingsautorin und bin begeistert, dass du so gerne liest – das ist sehr, sehr cool!
      Viele Grüße,
      Katja

  1. Hi , ich habe Floaters zu Weihnachten bekommen und es sofort verschlungen. Ich finde die Geschichte ist sehr gut geschrieben und mindestens genau so spanend. Deshalb eine großes Dankeschön an sie , das sie dieses Meisterwerk geschrieben haben. An alle anderen die diesen Kommentar lesen und Floaters noch nicht gelesen haben , ich kann es nur weiterempfehlen.
    Ich wünsche allen noch schöne letzte Tage in diesen Jahr.

    1. Hi Emil,
      wow, da warst du ja echt schnell, Weihnachten ist ja noch nicht lange her! Freut mich total, dass dir Floaters gefallen hast und sehr nett, dass du es weiterempfiehlst.
      Einen guten Rutsch wünscht dir
      Katja

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