Praktikumsbericht Jasmin Hütt

Mai 2017

Jasmin Hütt

„Ich musste ihn umbringen. Sorry.“

Du kannst machen, was du willst. Auf Drachen durch Sturmwolken reiten, am Grund des Meeres aufwachsen, dunkle Magie praktizieren. Einer Spur aus Libellenflügeln folgen, mit intelligenten Krakenweibchen kommunizieren, statt Buchhaltung Delfine trainieren. Du kannst Jugendliche in eine heruntergekommene Containerburg am Südpol einsperren, den allerbesten Schwertkämpfer erblinden lassen, Tiere in Menschen verwandeln. Zwei Liebende in unterschiedliche Welten verbannen oder einfach den besten Freund skrupellos ermorden.

Eigentlich bist du Gott. Und das ist schon ein ziemlich cool. Trotzdem … Das mit den Liebenden oder mit dem Mord kann auch ganz schön nach hinten losgehen. Und es gibt schlimmere Strafen als den elektrischen Stuhl, falls man sich gerade in den USA befinden sollte. Menschen lieben Dramatik. Sie lieben gute Unterhaltung. Aber sie müssen immer bei Laune gehalten werden. Sonst bemerken sie dich nicht mal. Oder du bist ganz schnell unten durch.

Ja, du kannst lügen, dass sich die Balken biegen! Du kannst die fantastischsten Welten erfinden und du kannst sogar einen der star crossed lovers umbringen, wenn dir gerade danach ist. Aber das funktioniert nur, wenn du ein großartiger Illusionist bist. Wenn du es schaffst, dass die Menschen dir glauben, obwohl du völligen Schwachsinn verzapfst. Manchmal dagegen kannst du Schicksale einfach nicht verändern – so sehnlichst du dir es selbst wünschen magst. Doch genau das ist der Punkt, an dem die Menschen zu glauben anfangen. Der Punkt, an dem du deine Geschichte zum Leben erweckt hast. An dem du ihren Ausgang nicht mehr selbst in der Hand hältst.

Wo könnte man besser lernen, diese Gradwanderin hinzubekommen, als bei der Frau, die ihn umbringen musste? Katja Brandis, Sylvia Englert, Siri Lindberg – manchmal ist das ganz schön verwirrend. Besonders am Anfang, aber ich glaube, sie ist alle drei ziemlich gerne. So vielseitig wie ihre Namen sind auch ihre Bücher, über fünfzig, Jugendbuch, Fantasy für Erwachsene, Ratgeber. Schreibratgeber. Perfekt.

Jeder kann schreiben. Es gibt nicht einmal eine Ausbildung, an deren Ende man sich dann AutorIn nennen darf. Schade eigentlich, denn spätestens nach diesen zwei Wochen würde ich sagen, dass Schriftsteller Handwerker sind. Natürlich kann man nicht unbedingt lernen, kreativ zu sein – aber handwerkliche Fähigkeiten sind auch in diesem Beruf nicht zu unterschätzen. Ich schreibe gerne einfach drauf los, die Geschichte fließt dann nur so aus meinen Fingern. Hinterher verbringe ich im schlechtesten Fall Tage damit, nach Logikfehlern zu suchen. Gute Planung hat dann doch ihre Vorteile. Praktisch, dass Katja gerade ein paar Eisdrachen auf ihrer Liste stehen hat, an deren Kultur ich mich austoben darf. Und einen armen Kaiman-Wandler, von dem sie bisher nur weiß, dass er Blanca heißt und böse ist. Das kann einfach nicht nur an der schweren Kindheit liegen …

Mein eigener Roman – Hinten im Universum, Science Fiction – ist zwar irgendwie fertig, aber Verlage geben ziemlich viel Geld für Papier aus, auf das sie dann Absagen drucken. Kann ich auch verstehen, denn deren Posteingänge werden von Manuskripten geradezu überschwemmt. Wenn man also nicht untergehen und immerhin fair behandelt werden will, sucht man sich einen guten Agenten. Der macht nicht nur Laufarbeit und Papierkram, er hat ganz einfach Kontakte. Wertvolle Kontakte, denn die Verlage vertrauen auf die Vorauswahl der Agenturen. Zwar fühlt es sich für einen selbst erstmal nicht anders an, die Posteingänge der Agenturen zu überschwemmen, aber die Annahmequoten sind höher und die Antwortzeiten kürzer. Das ist ja schon mal was.

Katja hat natürlich einen Agenten, dem ich einen Tag über die Schulter schauen darf. Irgendwie war mir klar, dass die Welt des Buchverkaufs kompliziert ist. Aber die Agentur Rumler hat mir erst richtig einen Eindruck gegeben, wie viele Hintergrundprozesse innerhalb des Verlages, aber auch zwischen diesem, Agentur und Autor wirklich ablaufen. Die drei dort sind Vollprofis, wirken mit allen Wassern gewaschen und sind außerdem sehr nett. Ich darf ein Gutachten zu einem eingesandten Manuskript schreiben. Ein Bauchgefühl zu begründen ist gar nicht so einfach, wie man sich das vorstellt …

Kreatives Schreiben ist für mich bisher nur ein Hobby. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die davon leben können. Katja natürlich, und ein paar andere. Besonders der Anfang ist hart und man ist durchgängig unter Druck, Qualität zu liefern. Aber wenn man sich einmal einen Namen gemacht hat, Bücher auf Bestsellerlisten aufzutauchen beginnen und Kinder sich beeindruckt Autogramme abholen, muss das schon ein ziemlich cooles Gefühl sein. Und man kann theoretisch arbeiten, wo man gerade will. Im Café, im Zug, am Strand.

Außerdem bedeutet Autor sein dann mehr als nur am Laptop sitzen und tippen. Messen und Lesungen zum Beispiel sind wichtig. Das würde mir auch Spaß machen, glaube ich. Einer Schulklasse vorlesen und danach mit Fragen gelöchert werden. Zumindest, wenn die Zuhörer interessiert sind. Auf der anderen Seite von München sind sie es, allerdings sind sie auch die ersten, die einen Ausschnitt aus dem noch unveröffentlichten Woodwalkers 3 hören dürfen. Was für eine Ehre, danach muss die Gesprächsrunde schon fast gewaltsam aufgelöst werden.

Ich schreibe, weil es mir unglaublich viel Spaß macht, mit Wörtern zu jonglieren. So tief in die Geschichte einzutauchen, dass der Film vor meinem inneren Auge abläuft. Mit meinen Charakteren mitzufiebern, als wäre es mein eigenes Schicksal. Da vergesse ich schon mal die Realität und alles, was um mich herum geschieht. Eigentlich ist es sogar cooler, als Gott zu sein …

Inspirationen bekommt man am allerbesten auf Reisen – sei es die Expedition in die Antarktis oder Schule während eines Segeltörns nach Mittelamerika (siehe hshs.eu) – ich glaube, da sind Katja und ich uns einig. Man lernt einfach nie aus.

Die letzten beiden Wochen habe ich ebenfalls eine Menge gelernt. Endlich konnte ich mich mal vollkommen unabgelenkt mit dem Schreiben zu beschäftigen. Hatte Zeit, mich mit der Maschinerie auseinandersetzten. Und in Ruhe über alles nachzudenken. Mit offenen Armen wurde ich in München empfangen, dafür bin ich total dankbar. Ich glaube, wir hatten beide viel Spaß an diesem Praktikum, es ist eine tolle Chance für junge Menschen, deren Leidenschaft das Schreiben ist. Nutzt sie!

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