Leseprobe aus Seawalkers 2 – Rettung für Shari

Leseprobe aus dem ersten Kapitel „Wieder einmal in Schwierigkeiten“

Jetzt kämpf endlich, du langweiliger grauer Fisch!

So was bekommt man nicht alle Tage an den Kopf geworfen. Besonders nicht von einem ausgewachsenen Schwertwal, der einen gerade angreift.

Ich hatte Miss White, unsere Kampflehrerin, um eine Privatstunde gebeten, um meine Wut besser in den Griff zu bekommen. Sie hatte Ja gesagt und mich schon gewarnt, dass sie alles tun würde, um mich zu provozieren. Nun hatten wir Sonntagabend, wir trainierten schon seit über einer Stunde außerhalb der Sichtweite unserer Blue Reef Highschool im offenen Meer. Gerade preschte Miss White in zweiter Gestalt auf mich zu wie ein U-Boot auf Rammkurs.

Ich erschrak, reagierte instinktiv und wich nach unten aus. Es war so tief hier, dass ich den Grund nicht sehen konnte.

Geschmeidig folgte mir das riesige schwarz-weiße Tier. Wieso schwimmst du so langsam, kannst du nicht schneller?, stichelte Miss White. Da ist ja jede hüftkranke Schildkröte schneller!

Mich hat noch nie eine Schildkröte überholt, gab ich zurück und versuchte, mit einer schnellen Drehung hinter sie zu kommen und nach ihren Flossen zu schnappen. Fast hätte ich sie gehabt, aber nur fast.

Elegant schoss Miss White an die Oberfläche und prustete. Und du willst das gefährlichste Tier an der Schule sein? Was nützen dir all diese Zähne, wenn du nicht damit umgehen kannst, du lahmer Hering?

Lahmer Hering?! Ich spürte, wie Ärger in mir hochstieg, obwohl ich versuchte, ihn zu unterdrücken. Sie will dich nur reizen, sagte ich mir. Schneid ihr den Weg ab und zeig, dass du sie beißen könntest.

Also schnitt ich ihr an der Oberfläche schwimmend den Weg ab. Das brachte aber nichts, weil sie Anlauf nahm und über mich hinwegsprang. Ein schwarz-weißer Bauch segelte über mich hinweg und schon war der Orca außerhalb meiner Reichweite. Mist! Ich strengte mich an, um Miss White einzuholen, aber sie war einfach schneller als ich. Jetzt hatte ich wirklich bald die Nase voll.

Na komm schon, streng dich an, du mickrige Sardine!

Okay, mache ich, sagte ich grimmig. Mit der ganzen Kraft meines Haikörpers und mit offenem Maul jagte ich frontal auf sie zu. Doch diesmal versuchte der große Schwertwal nicht, auszuweichen, sondern hing bewegungslos im Wasser, wandte sich mir zu und sperrte ebenfalls das Maul auf. Seine kegelförmigen Zähne waren eindeutig größer als meine. Ups. Wieder drehte ich ab.

Haha, hab ich dir Angst gemacht, du putziges Flossentierchen?

Weil sie recht hatte, kostete es mich noch größere Mühe, mich nicht zu ärgern. Lass es nicht an dich ran, ermahnte ich mich. Alles Absicht. Und wenn du ausrastest, hast du verloren.

Als Mensch hätte ich ein paarmal tief durchgeatmet, als Tigerhai schwamm ich geradeaus und ließ frisches Wasser durch meine Kiemen strömen. Plötzlich hatte ich eine Idee, wie ich Miss White vielleicht besiegen konnte. Delfine waren sehr neugierig … und Orcas waren Riesendelfine.

Also richtete ich die Schnauze Richtung Küste und schwamm weg, als würde mich dieser Orca in der Nähe überhaupt nicht interessieren. Und bingo, nach ein paar Sekunden kam Miss White näher und schwamm neben mich, um zu sehen, was los war.

Und, was …, begann sie, aber da hatte ich schon blitzschnell gewendet und meine Schwertwallehrerin mit geschlossenem Maul in die Seite geknufft. Bei einem echten Kampf hätte ich ein großes Stück aus ihr herausbeißen können. Ihre Haut fühlte sich an wie glattes, hartes Gummi.

Punkt für mich, oder?, sagte ich.

Punkt für dich, bestätigte Miss White, sie klang amüsiert. Ganz schön raffiniert. Und es gefällt mir, dass du die Beherrschung behalten hast, Tiago.

Das mit dem lahmen Hering war fies, meinte ich.

Ist besser, dass das keiner gehört hat, sagte Miss White und lachte. Es macht zwar Spaß, Schüler zu ärgern, aber meistens steht das nicht auf dem Lehrplan. Sie betrachtete mich mit ihren schwarzen Augen. Reicht für heute, oder? Dann zurück zur Schule.

Es war ein anstrengender Kampf gewesen. Ich wollte eigentlich nur in der Cafeteria etwas herunterschlingen und dann ins Bett fallen, doch daraus wurde nichts. Als ich mich verwandelt hatte, meine unter dem Bootssteg deponierte Badehose überstreifte und mich auf den Steg hochzog, sah ich, dass dort die Pythonwandlerin Ella Lennox – heute in einem teuer wirkenden weißen Kleid mit bunter Blumenstickerei – in einer Nische am Ende des Stegs saß. Na toll. Ausgerechnet Ella, sie konnte mich ebensowenig leiden wie ich sie. Immerhin hatte sie ihre Bewunderer Toco und Barry gerade nicht dabei, die waren beide übers Wochenende bei ihren Familie gewesen und noch nicht zurück.

„Na, Haijunge?“, sagte sie mit einem Lächeln, das mir überhaupt nicht gefiel. „Was hast du draußen im Meer gemacht … dich mit jemandem getroffen?“

„Wie kommst du darauf?“, fragte ich und tat so, als würde mich die Frage überhaupt nicht interessieren. Dabei war ich innerlich angespannt. Hoffentlich merkte Miss White, dass hier jemand war, und kam nicht gerade hier an die Oberfläche! Ich versuchte, ihr in den Kopf zu flüstern: Könnten Sie noch ein bisschen im Meer bleiben? Jemand beobachtet uns!, doch es war schon zu spät.

Obwohl Miss White sofort umdrehte, hatte Ella das schwarze Schwert ihrer Rückenflosse schon am Rand der Lagune gesehen. Ihr Lächeln wurde noch ein bisschen unangenehmer. „Du warst mit Miss White verabredet? Ist ja krass! Bist du etwa verknallt in die?“

„Wie schade, dass die Sonne dir den Verstand weggegrillt hat“, sagte ich. Einfach locker bleiben. Doch Ellas Blick bohrte sich in mich hinein wie eine Harpune. „Oder … hat sie dir etwa etwas beigebracht, was wir nicht lernen? Vielleicht will sie dir auch bessere Noten verschaffen …“

In meinem Gesicht sah Ella wohl, dass sie der Wahrheit nahe gekommen war, denn feixend sprang sie auf und marschierte los. „Ich glaube, das erzähle ich gleich mal Mr Clearwater, dass du dich bei Miss White eingeschleimt hast und sie dich jetzt bevorzugt, was sie ganz sicher nicht darf!“

Reflexartig packte ich sie am Handgelenk. „Nein, mach das nicht. Bitte!“

Im selben Moment wurde mir klar, dass das eine schlechte Idee gewesen war. Ella kreischte auf und versuchte, mir panisch den Arm zu entreißen, anscheinend hatte sie doch mehr Angst vor mir, als sie zugeben wollte. Erschrocken ließ ich sie los – ausgerechnet in dem Moment, in dem sie sich mit einem Ruck befreien wollte. Ella rutschte auf den glitschigen Planken des Bootsstegs aus und landete mit einer ausgestreckten Hand auf der Seite.

Oh nein. Ich sah sofort, dass ihr Kleid ziemlich zerschrammt war, aus der Stickerei hingen lose Fäden heraus. Das würde Ärger geben.

Fluchend rappelte sich Ella auf und begutachtete den Schaden an ihrem Kleid, dann funkelte sie mich hasserfüllt an. „Du Mistkerl!“, fauchte sie, und weil Miss White sich uns gerade in Menschengestalt näherte, bekam auch sie einen giftigen Blick ab. „Ihr arroganten Meerestiere werdet nicht immer die Kontrolle hier in der Schule haben, wartet nur ab!“

„Ella …“, rief Miss White ihr noch nach, doch die Python-Wandlerin drehte sich nicht mehr um, sondern stapfte wutentbrannt in Richtung des schuleigenen Sees.

Miss White warf mir einen finsteren Blick zu. „Nicht toll, Tiago. Überhaupt nicht toll. Warum hast du sie festgehalten? Das war eine himmelschreiende Dummheit!“

Ich schaffte nur noch ein erschöpftes Nicken. „Ja, das war es. Tut mir leid. Ich weiß nicht, ich …“

„Nicht bei mir solltest du dich entschuldigen, sondern bei Ella! Eins ist klar, du hast unsere Lektionen mehr als nötig.“

Weil ich es verdient hatte, hörte ich mir den Rest der Standpauke schweigend an. Wieso schaffte ich es nur so perfekt, mich hier an der Blue Reef High in Schwierigkeiten zu bringen?

„Bekomme ich eine Verwarnung?“

„Diesmal nicht, aber sei bitte vorsichtiger.“

Erleichtert nickte ich. Als ich endlich gehen durfte, schlang ich in der Cafeteria schnell etwas herunter, dann ging ich los, um mich zu entschuldigen. Ella versuchte im Waschraum ihrer Hütte gerade, ihr Kleid sauber zu kriegen, und blickte mich weder an noch sprach sie mit mir, als ich sagte, dass es mir leidtat. Aber wenigstens hatte ich es versucht.

Völlig erschöpft fiel ich ins Bett. Mein Freund und Mitbewohner Jasper, ein Gürteltier-Wandler, betrachtete mich mit schief gelegtem Kopf und hob meinen Arm hoch. Sobald er ihn losließ, fiel das Ding schlaff herunter. „Ah, Miss White hat dich hart rangenommen, was?“

Er gehörte zu den wenigen, die wussten, dass unsere Kampflehrerin mich besonders förderte.

„Oh ja, und jetzt lass mich pennen“, ächzte ich.

„Biste sicher? Wir spielen nachher in der Cafeteria Muschel-Bingo.“

„Viel Spaß … versuch, keine Muschel runterzuschlucken“, meinte ich. Die Sache von eben ging mir noch im Kopf herum … nicht nur das kaputte Kleid, auch die seltsame Bemerkung, die Ella gemacht hatte. Was hatte sie damit gemeint, dass die Meerestiere nicht mehr die Kontrolle über die Schule haben würden? Hatten wir doch überhaupt nicht. Ja, okay, es waren deutlich mehr Salzwasser-Wandler hier, aber ansonsten hatten alle gleiche Rechte und Jack Clearwater war als Weißkopf-Seeadler sowieso kein Meerestier

Hoffentlich brachte der blöde Vorfall nicht schon wieder mein Stipendium in Gefahr! Eigentlich war die Vereinbarung, dass der Rat der Woodwalker mein Schulgeld bezahlte, solange meine Noten gut genug waren. Aber wenn es Ärger gab, überlegten sie es sich vielleicht anders. Zum Glück hatte ich keine Verwarnung bekommen, der Rat würde nichts von der Sache erfahren. Jetzt konnte ich nur hoffen, dass Ella nicht wieder ihrer Mutter erzählte, dass ich sie tyrannisierte. Doch das würde sie garantiert.

Ungebeten drängte sich das Bild von Lydia Lennox, die ihrer Tochter mit einem hämischen Blick auf mich und Jasper eine Haizahn-Kette und eine Gürteltier-Handtasche überreichte, vor mein inneres Auge. Wieso hast du dich nicht von Ella ferngehalten, du weißt doch, wie fies ihre Familie ist!, schimpfte ich mich selbst aus und hoffte, dass ich nicht schon bald die Quittung bekam für meine Blödheit.