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Woodwalkers 2 – Gefährliche Freundschaft

Arena Verlag, Januar 2017, Band 2, 280 Seiten, 12,99 Euro
Hörbuch (gekürzte Fassung): 16,90 Euro, E-Book 10,99 Euro.

Das neue Schuljahr auf der Clearwater High beginnt. Voller Begeisterung stürzt Carag sich in die ersten Lerncover-band-2-amazonexpeditionen mit seinen Freunden. Doch nicht jeder ist glücklich über die Aktivitäten des jungen Puma-Wandlers. Sein ehemaliger Mentor Andrew Milling hat Rache geschworen und plötzlich fühlt Carag sich auf Schritt und Tritt beobachtet. Ob es auf dem Internat für Gestaltwandler etwa Spione gibt? Als die Lage sich immer mehr zuspitzt, bekommt Carag unerwartet Hilfe von Schneewölfin Tikaani. Aber kann ein Puma wirklich einer Wölfin trauen?

Hier geht´s zur Leseprobe!

Band 3 „Hollys Geheimnis“ ist in Vorbereitung und erscheint im Herbst 2017

Leseprobe aus Woodwalkers 2

Bunte Sterne

 

Seit ein paar Monaten bin ich nun an der Clearwater High und lerne, als Wandler mit mir selbst und den Menschen klarzukommen. In ein paar Tagen feiern wir an der Schule Silvester. Das, was ich früher die „Nacht der bunten Sterne“ genannt habe. Als Puma hatte ich keine Ahnung, wie und warum die Menschen das mit den Leuchtsternen machten. Meine Schwester und ich waren damals entschlossen, es rauszufinden.
Leider …

Meine Pfoten versanken im Schnee. Aufgeregt sog ich die eisige, klare Bergluft ein, als ich auf einer Anhöhe stehen blieb und auf die Stadt der Menschen hinunterschaute. Sie sieht so schön aus in der Nacht, flüsterte ich direkt in Mias Kopf. All diese Lichter …

Meine Schwester Mia warf einen kurzen Blick ins Tal und kratzte sich mit der Hinterpfote am Ohr. Wenn wir rausgefunden haben, woher die bunten Sterne kommen – gehen wir danach noch in den Supermarkt?, fragte sie hoffnungsvoll.

Vergiss es! Weißt du nicht mehr, was das letzte Mal passiert ist? Mit weiten Sprüngen lief ich talabwärts. Wie konnte Mia jetzt ans Essen denken? Mein Magen war völlig verkrampft, ich hätte jetzt nicht mal einen halben Hasen herunterbekommen. In meinem ganzen Körper kribbelte es beim Gedanken, bald wieder bei den Menschen zu sein. Wenn wir Glück hatten, würden wir heute Nacht eins ihrer vielen Wunder enträtseln. Ich hatte die Stadt genau im Auge behalten und war sicher, dass ich die Vorbereitungen, die dort liefen, richtig gedeutet hatte. Heute war die Krachnacht!

Was meinst du, wozu soll das gut sein, dass sie diese bunten Sterne machen? Ich konnte kaum aufhören, daran zu denken.

Ich wette, sie scheuchen dadurch Beute auf. Mia witterte nach rechts und links, während sie lief. Im Winter hatten wir fast immer Hunger.

Zweifelnd zuckte ich mit den Tasthaaren. Also ich glaube, die Stadtleute markieren damit ihr Revier. Die bunten Sterne sieht man schon von Weitem, das ist total praktisch.

Wir waren im Tal angekommen und achteten nun darauf, uns verborgen zu halten. Lautlos glitten wir durch die Nacht, bis wir in der Ferne die ersten Häuser erkennen konnten. Aber näher ran gehen wir nicht, oder? Von hier aus sehen wir genug. Mia war jetzt genauso nervös wie ich.

Nein, eben nicht, ein bisschen näher noch. Ich knuffte sie gegen die pelzige Schulter, weil ihre Schritte immer langsamer wurden.

Es gab da etwas, was sie nicht wusste, was ich ihr lieber nicht gesagt hatte. Ich war vor einem Mond schon mal hier gewesen und hatte ein paar Dinge für heute vorbereitet.

Meine feine Nase verriet mir, wann wir an der richtigen Stelle angekommen waren, und ich begann Schnee und Erde unter einem Felsen wegzuscharren.

Was machst du da, Carag? Mias Stimme klang schrill in meinem Kopf.

Hier habe ich ein Versteck mit Kleidung. Jetzt musste ich es verraten. Ab hier gehe ich als Mensch weiter.

Mia fauchte mich an. Beim hüpfenden Wildschwein! Das meinst du nicht ernst, oder?

Doch, wenn ich rauskriegen will, was genau die Menschen heute machen, muss ich mich verwandeln, versuchte ich ihr zu erklären. Sie dürfen uns nicht in Pumagestalt sehen, sonst gibt´s nur ´ne Panik. Du hast ja beim letzten Mal gesehen, sie haben Angst vor uns.

Wenn Mama und Papa das rauskriegen! Mia kauerte sich zusammen und verbarg den Kopf zwischen den Pranken. So verpasste sie glatt, wie ich mich verwandelte. Die Winterluft war so eisig, dass sie auf meiner nackten Haut brannte.

Wie sollen die das denn rauskriegen? Wir sind auf der Jagd und basta. Schnell streifte ich mir Hose, T-Shirt und Schuhe über. Danach war mir immer noch kalt. Wie hielten Menschen es nur ohne Fell aus?

Ungeschickt stapfte ich mit meinen Menschenschuhen durch den Schnee und hatte nach zehn Atemzügen kalte Füße. Aber ich ließ mir nichts anmerken, weil Mia mit gesträubtem Nackenfell neben mir herlief und sie das alles sowieso schon für eine schlechte Idee hielt.

Inzwischen waren wir bei den Häusern angelangt, die ordentlich nebeneinander und von ein paar Bäumen bewacht an einer Straße standen. Ihre Fenster leuchteten hell in die Dunkelheit hinaus.

Wie heißt das hier eigentlich?, fragte Mia. Sie schlich dicht über dem Boden dahin, ihre Schwanzspitze zuckte.

Endlich konnte ich mit dem prahlen, was ich schon herausgefunden hatte. Die Gegend heißt Jackson Hole, damit ist das Tal gemeint. Und die Stadt nennen sie Jackson.

Unsere Ohren fingen das Brummen eines Autos auf, und rasch versteckten wir uns hinter einer Garage, damit die Scheinwerfer uns nicht erfassten. Noch waren keine Menschen in Sicht, aber nachdem wir eine Zeit lang gewartet hatten, hörten wir eine Haustür klappern und lachende, schwatzende Leute erschienen im Freien. Vor lauter Stoff sah man sie kaum noch, sie hatten sich hineingewickelt und trugen ihn außerdem an den Händen, auf dem Kopf und am Hals. Als ich an mir hinunterschaute, wurde mir klar, warum mir kalt war und ihnen wahrscheinlich nicht.

Vorsichtig spähten wir hinter der Garage hervor – ein Junge und ein Berglöwen-Weibchen. Was für durchsichtige Dinger haben die da in den Händen?, hauchte Mia eingeschüchtert.

Die nennt man Gläser. Ich war praktisch Experte, schließlich war ich einmal öfter in der Stadt gewesen als sie. Heimlich natürlich.

Aber die Menschen trugen noch mehr bei sich, irgendwelche kleinen Pakete und länglichen Stäbe mit einer Verdickung daran. War das das Geheimnis der bunten Sterne? Noch wagte ich nicht, mich zu nähern. Was, wenn sie merkten, dass ich nicht zu ihnen gehörte?

Jetzt umarmten sich die Menschen, stießen mit den Gläsern an und lächelten. Wie Götter, die zufrieden sind mit ihren Taten. Über der Stadt blühten die ersten bunten Sterne auf, glitzernd und flimmernd in allen Farben des Regenbogens. Oh! Wie nah die sind! Mia starrte halb erschrocken, halb fasziniert zum Himmel hoch.

Ich gab mir einen Ruck und stand auf. Bis gleich, sagte ich zu Mia und ging los.

Carag, nicht!, gellte ihr Schrei in meinem Kopf.

So locker, wie ich es schaffte, schlenderte ich zu den gut gelaunten Leuten, blieb ein oder zwei Körperlängen von ihnen entfernt stehen und beobachtete, was sie taten. Jetzt sah ich endlich, wie sie die bunten Sterne hervorbrachten. Sie zündeten die Stock-Dinger an, und die sausten in den Himmel, wo sie sich knallend in bunten Lichtschauern auflösten.

„Hey, Junge, ist dir nicht kalt? Hast du deine Jacke drinnen vergessen?“

Ich zuckte zusammen, als ich merkte, dass ich gemeint war. Ein Mann blickte mich neugierig an.

Ja, sie merkten, dass ich nicht dazugehörte. Mein ganzer Körper verkrampfte sich. „Mir ist nicht kalt“, log ich und starrte nach oben, so wie die anderen. Bloß nicht auffallen – sie durften nicht merken, dass ich kein Mensch war! Sonst holten sie ihre Gewehre.

„Na, umso besser“, sagte der Mann freundlich. „Frohes neues Jahr!“

„Papa, gib mir eine Rakete, ich bin dran!“, quengelte das dick vermummte Kind neben ihm und hüpfte auf und ab wie ein Schneeschuhkaninchen. Es bekam eine Rakete und durfte ihr Feuer unter dem Hintern machen.

Die Raketen fauchten beim Start, als würden sie mich in Pumasprache anmotzen. Trotzdem hätte ich gerne mal eine gezündet. Aber wie bekam man eine? Musste ich einfach warten, bis ich dran war?

Ich wartete und wartete. Hoffentlich hielt ich es hier lange genug aus, bis ich eine Rakete bekam. Der Krach war schrecklich und der Geruch nach Rauch und Schießpulver machte mich furchtbar nervös. Mein Körper verkrampfte immer mehr, ich spürte, wie Fell auf meinen Armen spross und meine Zähne zu wachsen begannen. Momente später waren sie so lang, dass sie in meine Lippen pikten. Verdammt, nein, nicht jetzt! Nicht hier!

Ich presste mir die Hand vor den Mund und stellte mir verzweifelt vor, wie ich als Junge aussah, sandfarbene Haare und grüngoldene Augen und – bitte, bitte! – winzige Menschenzähne. Viel half es nicht. Schritt für Schritt ging ich rückwärts zur Garage, hinter der Mia wartete. Wie viel Zeit hatte ich noch, bevor mein Körper sich zurückverwandelte, einfach so, ohne mich zu fragen?

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Jugendliche ein dickes rotes Päckchen aufrissen. Sie hielten eine Flamme daran … etwas fiel direkt neben mir Funken sprühend auf den Boden … und dann gab es einen Knall, der mir fast die Ohren platzen ließ.

Vor Schreck wäre ich beinahe aus meinen Klamotten gesprungen. Bevor ich richtig zum Nachdenken kam, war ich schon halb den nächstbesten Baum hochgeklettert. Viele der Leute schauten neugierig zu mir herüber und fragten sich wahrscheinlich, aus welchem Grund ich wohl dort oben in einer Astgabel klebte. Wie viel konnten sie im Halbdunkel sehen? Konnten sie meine Fangzähne erkennen? Meine Finger, aus denen sich Krallen in die Rinde gruben? Ich kniff die Augen zu und fühlte meinen Körper beben. Hätte ich doch nie diese bescheuerte Idee gehabt, hierherzukommen!

Carag, komm da runter! Eine vertraute Stimme. Mias Stimme, ein bisschen zittrig. Du bist hochgeflitzt wie ein Eichhörnchen, so was machen Menschen nicht, glaube ich. Wenn du runterkommst, glotzen sie dich nicht mehr an. Also Augen auf und los!

Ich sah ein vertrautes pelziges Ohr hinter der Garage hervorlugen, und meine Angst schrumpfte ein wenig. Unglaublich, Mia war nicht vor dem ganzen Krach geflohen, sie war geblieben und wartete auf mich! Mia. Meine wunderbare große Schwester Mia.

Während ich vom Baum kletterte, sang sie mir die Worte Ruhig, ganz ruhig in den Kopf, und es half. Als ich unten ankam, war ich immer noch ein Mensch, und kaum jemand achtete auf mich. Alle waren johlend damit beschäftigt, Dinge in die Luft zu jagen.

Bis zur Garage war es ungefähr eine Baumlänge weit. Am liebsten wäre ich losgesprintet, doch Mia warnte mich: Langsam jetzt, nicht rennen, Carag. Wenn du rennst, merken sie, dass irgendwas nicht stimmt.

Ja, gut, gab ich wie betäubt zurück. Steif setzte ich einen Fuß vor den anderen und sprang nur einmal zur Seite, als ein Ding auf dem Boden plötzlich neben mir Feuer sprühte.

Keinen Moment zu früh kam ich bei Mia an. Als ich neben ihr in die Knie sank, waren meine Hände schon zu Pranken geworden. Ein paar Atemzüge später war ich zurück in meiner Pumagestalt, zerknüllt fielen Hose und T-Shirt in den Schnee. Meine Schwester schleckte mir rasch über die Schulter.

Hauen wir ab, sagte sie und dann rannten wir.

 

Ach, Mia. Ich hatte sie so lange nicht mehr gesehen. Wo konnte sie sein? Würde ich sie jemals wieder treffen, ihr sagen können, wie lieb ich sie hatte? Manchmal war ich krank vor Sehnsucht nach meiner Familie. So wie jetzt, wenn Erinnerungen sich in meinem Kopf breitmachten.

Nachdem ich mich entschieden hatte, als Mensch zu leben, hatte ich Silvester einfach ausfallen lassen, mich in mein Zimmer verzogen und das Radio aufgedreht. Doch meine Freunde auf der Clearwater High strengten sich richtig an, mich zu überzeugen. Holly hüpfte in ihrer Rothörnchengestalt wild auf dem verschneiten Geländer unseres Baumhauses herum, Dorian hockte neben mir und betrachtete mich aus grünen Katzenaugen. Brandon, mein Bison-Freund, stand wie ein großer brauner Klotz auf der weißen Wiese unter uns.

Du verpasst was, ganz ehrlich!, versicherte er mir gerade ernsthaft.

Ich zuckte missmutig mit einem Ohr. Vergesst es, ich hab mir geschworen, nie wieder an Silvester in die Stadt zu gehen!

Also, ich breche an guten Tagen drei oder vier Schwüre, manchmal auch fünf, meinte meine beste Freundin Holly und kletterte  meine Schnauze hoch. Glaub mir, das wird total lustig!

Mit einer schnellen Bewegung schüttelte ich sie herunter und fing sie unter meiner Pfote. Es kitzelte immer so schön, wenn sie darunter zappelte.

Lass mich sofort los, du Mistmieze!, wetterte sie.

Du hast mir eben ein Tasthaar abgeknickt, ist dir das klar?, gab ich unbeeindruckt zurück. Erst entschuldigen.

Holly zappelte noch heftiger. Hoffentlich bindet dir jemand eine Rakete an den Schwanz!

Das war nicht gerade eine Entschuldigung, aber ich hob trotzdem die Pfote. Man will ja mal nett sein. Sie schoss darunter hervor wie ein rotbrauner Blitz, kletterte gleich noch mal auf meinen Kopf und zog mich an den Ohren. Zum Spaß fauchte ich ein bisschen.

Alle gehen mit, Carag, meinte Dorian. Und du willst doch nicht, dass die Wölfe sagen, du hättest Schiss gehabt?

Nein, das wollte ich in der Tat nicht. Na gut, lenkte ich widerwillig ein.

Hoffentlich würde das nicht die totale Katastrophe werden!

Woodwalkers

Woowalkers Cover smallArena Verlag 2016, Band 1 (in sich abgeschlossen): 267 Seiten, 12,99 Euro

Auf den ersten Blick sieht Carag aus wie ein ganz normaler Junge. Doch hinter seinen leuchtenden Augen verbirgt sich ein unglaubliches Geheimnis: Carag ist ein Gestaltwandler. Halb Mensch, halb Berglöwe ist er in der Wildnis der Rocky Mountains aufgewachsen und lebt erst seit Kurzem in der Menschenwelt. Das neue Leben ist für ihn so fremd wie faszinierend. Doch erst als Carag von der Clearwater High erfährt, einem geheimen Internat für Woodwalker wie ihn, verspürt er ein Gefühl von Heimat. In Holly, einem frechen Rothörnchen, und Brandon, einem schüchternen Bison, findet er schnell Freunde. Und die kann Carag gut gebrauchen – denn die Welt der Woodwalker steckt voller Rätsel und Gefahren …

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cover-band-2-amazonBand 2 „Woodwalkers – Gefährliche Freundschaft“

Band 3 „Woodwalkers – Hollys Geheimnis“ erscheint am 1. Juni 2017

… weitere Bände sind in Vorbereitung! Derzeit geplant sind fünf oder sechs Bände.

 

 

Leseprobe aus „Woodwalkers – Carags Verwandlung“

Aus dem Kapitel Die Clearwater High – gerade ist Carag von Theo, dem Hausmeister und Fahrer, abgeholt worden und wird in seine neue Schule gebracht.

Mein Abholer trat heftig aufs Gas und wir düsten über den Highway, der aus Jackson Hole herausführte.
„Danke“, sagte ich.
„Keine Ursache“, brummte der Fahrer. „Ich bin übrigens Theo.“
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich ihn und versuchte zu raten, ob Theo ein Mensch war oder nicht. Schwer zu spüren diesmal. Konnten Woodwalker überhaupt Tätowierungen haben? Oder tauchten sie dann auf ihrer Tiergestalt auf und verrieten sie?
„Wie weit ist die Schule denn von hier entfernt?“, wagte ich zu fragen.
„Ach, nur ‘ne halbe Stunde“, brummte er. „Aber wir müssen vorher noch am Tierheim vorbei.“
„Am Tierheim?“ Wahrscheinlich guckte ich ziemlich blöd.
„Ja. Wir müssen ‘ne Schülerin abholen, die sich am Wochenende nicht so toll benommen hat.“ Er grinste. „Hat ‘ne Weile gedauert, bis wir rausgefunden hatten, wo sie ist.“
„Oh“, sagte ich und versuchte mir vorzustellen, was für eine Art Wandler man im Tierheim abgeben würde, wenn er Ärger machte.
Aber das würde ich bestimmt gleich herausfinden.
Beim Tierheim begrüßte uns das Bellen und Jaulen unzähliger Hunde. Sofort begann mein Herz zu rasen. Mein Vater war mal gejagt worden – eine Hundemeute hatte ihn gehetzt, bis er sich auf einen Baum flüchten musste. Nur mit viel Glück war er entkommen.
Theo merkte, wie ich mich fühlte. „Nicht deine Freunde, was?“, meinte er.
Stumm schüttelte ich den Kopf.
Als wir klingelten, öffnete uns eine Frau im rosa Jogginganzug. Sie blickte hoffnungsvoll drein. „Ja, bitte? Katze, Hund, Kaninchen?“
„Rothörnchen“, sagte Theo.
„Ach das! Verrücktes Vieh.“ Sie lachte und schüttelte gleichzeitig den Kopf, dass ihre grauen Löckchen wippten. „Hat doch tatsächlich auf dem Rastplatz Leute beklaut. Ich dachte mir gleich, dass das kein wildes Tier sein kann!“ Ihr Blick wurde ein bisschen strenger. „Sie haben ihm das nicht beigebracht, oder? Das mit dem Klauen?“
„Ich versuche, es ihm abzugewöhnen“, erklärte Theo.
„Ach so. Na, dann viel Spaß. Ehrlich gesagt, ich bin froh, es los zu sein. Es hat am Gitter gerüttelt wie blöde und sogar versucht, den Riegel zu öffnen.“
„Tut mir leid.“ Theo versuchte, entschuldigend dreinzublicken. Dadurch sah er aus wie ein kranker Elefant, der er hoffentlich nicht war.
Die Tierheimleiterin führte uns in einen vergitterten Zwinger, in dem ein Kletterbaum aus abgewetztem braunem Plüsch aufgebaut war. Auf halber Höhe standen Schälchen mit Körnerfutter und Wasser. Auf den zweiten Blick sah ich das Rothörnchen, das ganz oben hockte, schlecht gelaunt aussah und dabei war, mit beiden Pfoten Plüschfetzen vom Kletterbaum abzureißen. Soso, das war also meine Mitschülerin.
„He!“, rief die Tierheimfrau. „Lass das, du Mistvieh!“
Sie bekam einen einwandfreien Du-kannst-mich-mal-Blick. Dann machte das Rothörnchen einfach weiter.
„Das reicht jetzt“, sagte Theo entschieden und öffnete den kleinen Transportkorb, den er trug. „Los, auf geht’s.“
In Windeseile sprang, balancierte und rannte das Hörnchen über den Kletterbaum. Dann tauchte es mit einem kühnen Sprung in den Transportkorb.
„Na, das ist ja gut trainiert“, staunte die Tierheimfrau. „Wie heißt es?“
„Holly“, erklärte Theo, hakte das Türchen des Transportkorbs zu und nickte der Tierheimfrau freundlich zu. „Vielen Dank. Kommt hoffentlich nicht wieder vor.“
Wir trugen den Käfig zum Auto und fuhren los. Aber nicht weit. Hinter der nächsten Ecke bogen wir von der Straße ab, Theo öffnete den Transportkorb und holte ein paar Mädchensachen – neongrünes Top, Shorts – aus einem Rucksack mit bunten Klimperanhängern, der bestimmt nicht ihm gehörte. Dann winkte er mir, auszusteigen, und wir lehnten uns gegen die Ladefläche. Drinnen scharrte und rumpelte es, dann sagte eine Mädchenstimme: „Boah, es war echt unerträglich da! Wieso habt ihr mich nicht früher rausgeholt? Das Futter war total ranzig … man müsste die blöde Tussi mal zwingen, das selber zu essen!“
Neugierig spähte ich ins Führerhaus. Dort saß jetzt ein nicht sehr großes Mädchen mit dunklen, blitzenden Augen und schulterlangem rotbraunem Haar. Sie war etwa so alt wie ich.
„Was glotzt du so?“, fragte sie und funkelte mich an, als wir wieder einstiegen.
„Einfach so“, sagte ich, ohne mich aus der Ruhe bringen zu lassen. Dafür war ich viel zu neugierig. „Wirst du oft gefangen?“
„Nee, hab mich halt blöd angestellt. Und die Touristen hatten einen verdammten Kescher dabei, wer rechnet denn mit sowas?“ Holly verdrehte die Augen und fing an, mit ihren zierlich kleinen Händen an der Lehne des Vordersitzes herumzuknibbeln. Dann schaute sie mich neugierig von der Seite an. „Was bist du? Du bist doch einer von uns, oder?“
„Ja“, sagte ich und war auf einmal stolz darauf, ein Woodwalker zu sein und kein gewöhnlicher Mensch. Das fühlte sich gut an. „Ich bin ein Puma.“
„Ein Puma? Ach du große Sch…! Wenn du mich annagst, reiße ich dir jedes dreckige Tasthaar einzeln aus, ist das klar?“
„Klar“, sagte ich und musste lachen. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie ein Rothörnchen war, hätte ich auf Kanalratte getippt. „Keine Sorge, hab grade keinen Hunger. Was ist eigentlich mit den Sachen, die du geklaut hast, musstest du die alle dalassen?“
„Klauen? Wer macht denn sowas? Das ist doch verboten.“ Sie versuchte einen unschuldigen Blick, der voll in die Hose ging, weil ihre Augen gleichzeitig verschmitzt dreinschauten.
„Bist du schon lange an der Schule? Wie ist es da so?“, versuchte ich sie auszuhorchen.
„Wild und bunt!“, sagte Holly.
Und dann schwiegen wir, bis wir ein paar Minuten später das Schulgelände erreichten.
Theo parkte den Wagen auf einem Rasen-Parkplatz vor dem Eingang der Schule, den ich schon aus dem Prospekt kannte: moderne unverputzte Ziegelmauern und viel Glas, darauf der Name Clearwater High in edlen Metallbuchstaben.
„Was genau ist daran wild?“, fragte ich Holly enttäuscht, doch sie lachte nur und lief los, ein Stück um das Gebäude herum. Ich nahm meinen Rucksack, folgte ihr … und kapierte schnell, dass der Eingang nur für Besucher da war und der Rest der Schule ganz anders aussah. Weiter hinten sah sie immer weniger aus wie ein normales Haus und mehr wie ein Teil der Landschaft. Behände kletterte Holly auf einen Hügel aus Granitblöcken, die jemand wild übereinander getürmt hatte. Gras und ein paar junge Bäume wuchsen darauf.
„In diesem Teil – dem Westflügel – sind unsere Zimmer, nicht übel, was?“ Holly klopfte an eine runde Glasscheibe, die mitten in einem der Blöcke prangte. „Mein Fenster!“
„Wow.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein.
Wenn man genauer hinschaute, fielen einem noch mehr Fenster auf und jedes hatte eine andere Form. Es gab runde, eckige, große, kleine und ganz oben sogar eine Kuppel, die ich besonders gut fand. Dort hatte man nachts den Sternhimmel über sich.
Holly kletterte in unglaublicher Geschwindigkeit zurück nach unten und ich folgte ihr zum Wagen zurück.
Auf geht’s, ich zeige dir dein Zimmer, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, drehte mich um und sprang vor Schreck ein Stück in die Höhe. Hinter mir stand ein massiger Elchbulle, eine halbe Tonne Muskeln und stahlharte Hufe. Ein Tier, an das sich nicht mal meine Eltern herangetraut hätten. An der einen Seite seines Geweihs hingen ein bunter Rucksack und meine Jacke, an der anderen Seite meine Reisetasche.
„Alles klar“, sagte ich, als ich mich wieder erholt hatte, und folgte Theo durch die Eingangstüren in meine neue Schule. Holly machte noch einen schnellen Handstand auf den Steinblöcken, dann sprang sie wieder auf die Füße und lief uns nach.