Leseprobe 2 aus DelfinTeam Band 1

Die Rotorblätter zerhackten mit pulsierendem Flappen die feuchte Meeresluft. Hinten in der Kabine des Hubschraubers war es laut, doch Sandy hatte den Lärm längst ausgeblendet, ihre ganze Aufmerksamkeit galt Caruso. Sie drückte den Schwamm über dem grauen Rücken ihrer Partnerin aus und achtete dabei sorgfältig darauf, die empfindliche, mit Vaseline eingeriebene Haut des Delfins nicht zu beschädigen.

„Ich weiß, dass du Hubschrauber furchtbar findest. Aber bald sind wir wieder im Wasser.“

Sandy legte den Schwamm hin, um für ihre Gesten beide Hände benutzen zu können. Automatisch übersetzte und vereinfachte sie ihre Worte in Dolslan, während sie sprach: Hubschrauber anstrengend ja. Bald Meer. Ihr Delfin pfiff, benutzte die neuen akustischen Wörter, und das Dolcom an Sandys Handgelenk übersetzte automatisch: Wann ankommen? Sandy grinste. Kinder und Delfine waren sich manchmal ziemlich ähnlich.

„Okay, ich erkundige mich mal“, sagte Sandy. Sie kramte in der herumliegenden Ausrüstung nach dem „Headset“, einem Kopfhörer mit eingebautem Mikro, den ihr der Pilot zu Beginn des Fluges in die Hand gedrückt hatte. Wäh, er war nass geworden, weil Carusos Transportbehälter übergeschwappt war. Aber er funktionierte noch, der Pilot hörte sie. „Wie steht’s?“ fragte ihn Sandy. „Wann kommen wir an?“

„Etwa eine Stunde wird es noch dauern, bis wir beim Schiff sind. Wir haben kräftigen Gegenwind bekommen. Alles in Ordnung da hinten bei Ihnen, Lady?“

„Wenn ich hier eine Lady treffe, werde ich sie fragen“, schoß Sandy zurück. „Aber Caruso und mir geht´s gut.“

Dolslan kannte drei Abstufungen für Zukunft, alle nicht gerade beliebt bei den ungeduldigen Delfinen: Bald, später und viel später. Sandy signalisierte ihrer Partnerin den Mittelwert später, auch wenn es noch ein bisschen dauern würde, und goß ihr frisches Wasser über den Rücken. Hoffentlich würde Caruso sich benehmen und beim Schiff bleiben. Es war noch immer ein Problem, dass sie leicht ablenkbar war und nicht viel von Disziplin hielt. Bei diesem ersten richtigen Einsatz durfte nichts schief gehen!

Irgendwann fühlte Sandy, dass der Hubschrauber in den Schwebeflug übergegangen war. Mit einem Blick durch die Fenster stellte sie fest, dass sie fast senkrecht über einem Schiff mit blaugestrichenem Deck standen – das musste die Antares sein, ihr Arbeitsplatz für die nächsten Wochen. Aus der Höhe wirkte das Schiff klein, obwohl Sandy gehört hatte, dass es dreiundvierzig Meter lang war. Schwerfällig stampfte und rollte es in den weißschopfigen Wellen. Sandy wurde fast schon vom Zusehen seekrank.

„Machen Sie sich bereit zum Absprung!“ quäkte es aus den Kopfhörern. „Ich schicke jemanden, der Ihnen mit der Winde hilft.“

„Danke“, sagte Sandy und formte mit den Händen: Wir ankommen Schiff. Caruso nahm es schweigend zur Kenntnis.

Das schmutzigblaue Deck kam immer näher. Sandy erkannte jetzt sogar Menschen dort, ihre nach oben gewandten Gesicher waren helle Flecke. Sie riß sich von dem Anblick des Schiffs los, zerrte ihr Gepäck zur Ausstiegsluke und entriegelte diese. Ein kühler, wilder Wind fuhr in die Kabine. Jetzt schwebte die Maschine kaum drei Meter über dem Deck. Mit einem Fußtritt beförderte Sandy ihren Seesack und ihre Ausrüstungstasche aus dem Hubschrauber, dann rückte sie ihr Mikrofon zurecht und rief: „Alles in Ordnung! Wir können den Delfin jetzt aussetzen!“

Sachte legte sich der Hubschrauber in die Kurve und hielt über dem Meer neben dem Schiff an. Caruso pfiff aufgeregt.

„Ganz ruhig. Du bist doch keine Anfängerin mehr, du schaffst das locker“, sagte Sandy zu ihrem Delfin und sich selbst, streifte Flossen und Maske über und zog das Armband des Dolcoms an ihrem linken Handgelenk fest. Sie sprang ab und landete mit einem großen Platsch in einem Wellental.

Vorsichshalber hatte sie ihren Taucheranzug aus Neopren angezogen, aber das Wasser der Karibik war angenehm warm. Im Vergleich zu der Sache mit Tommy wird das hier der reinste Badeurlaub werden, dachte Sandy.

Ein paar Flossenschläge brachten sie unter den Hubschrauber. Besorgt legte sie den Kopf in den Nacken, um zu der Maschine aufzublicken. Es kostete Kraft, gegen den Seegang anzukämpfen und weder abzutreiben noch sich vom Luftstrom des Rotors unter Wasser drücken zu lassen. Aber auch der Hubschrauber hatte Probleme. Gischt und hohe Wellen zwangen ihn, bis auf zehn Meter zu steigen – das war fast schon mehr, als Sandy Caruso zumuten mochte.

Von der Antares aus wurde der ganze Vorgang interessiert beobachtet. Als Sandy auf einem Wellenkamm getragen wurde, sah sie, dass die Besatzung ein Schlauchboot mit Aussenbordmotor ausgesetzt hatte. Es steuerte auf sie zu. Sandy winkte und sah Carusos Tragbahre auf sich zuschweben. In diesem Moment begann der Delfin, wild mit der Schwanzflosse zu schlagen. Sandy war entsetzt. Caruso versuchte, sich aus der Bahre herauszuwinden! Wenn sie so weitermachte, verhedderte sie sich in den Seilen!

„Ganz ruhig!“ schrie Sandy. Aber ihre Worte wurden vom Lärm des Hubschraubers übertönt, und Caruso konnte ihre Hände nicht sehen. Sandy blieb nichts anderes übrig, als hilflos die Bewegungen des Delfins zu beobachten. Zum Glück verstand wenigstens der Pilot sein Handwerk. Die Tragbahre sank sanft ins Wasser, obwohl sich Caruso krümmte und wand. Eilig hakte Sandy die Gurte los, und die klatschnasse Bahre schwebte wieder hoch zu dem Bauch des Hubschraubers.

Caruso machte schwache Schwimmbewegungen. Die Reise hatte sie mitgenommen, ihre Muskeln waren steif. Wenn Sandy sie nicht gestützt hätte, hätte sie untergehen und ertrinken können. Doch schon nach ein paar Minuten war der Delfin wieder munter, kurvte herum und tauchte, um sich mit der neuen Umgebung bekannt zu machen. OK? fragte Sandy in der Zeichensprache, und Caruso ruckte einmal kurz mit dem Kopf. Ja, alles bestens.

Beruhigt schwamm Sandy in Richtung des Schlauchboots, das sie an Bord nahm und sich dann über die Wellen zurück zum Mutterschiff kämpfte. Von hier unten aus wirkte das Schiff nicht mehr so klein, die dunkle Bordwand ragte bedrohlich vor ihnen auf. Roststreifen zogen sich über die abblätternde Farbe des Schiffsrumpfes. Der Kahn hat schon bessere Zeiten gesehen, dachte Sandy skeptisch und fragte sich, was sie bei dieser Mission erwartete.

Als das Schlauchboot an der Antares angelegt hatte, tanzte es so launisch hinter dem Heck des Mutterschiffs, dass das Übersteigen zum Kunststück geriet. Sandy hatte ihre Flossen ausgezogen und wartete auf den geeigneten Moment, um die Taucherleiter zu fassen zu bekommen. Schließlich waren die beiden Schiffe für einige Sekunden auf gleicher Höhe, und Sandy sprang. Sie verlor den Halt, klammerte sich an die Reling und ergriff gerade noch rechtzeitig die Hand, die sich ihr helfend entgegenstreckte. Kräftige Arme hievten sie an Deck der Antares.

„Hallo!“ sagte eine heitere Stimme. „Sie sind also Sandy Weidner! Alles in Ordnung mit Ihnen und Ihrer Partnerin?“

„Ja, alles klar“, sagte Sandy und warf einen neugierigen Blick auf den Mann, der sie über die Bordwand gezogen hatte. Sie schätzte ihn auf Mitte Dreißig. Er hatte blondes Haar im Armeeschnitt und ein längliches Gesicht mit einen dünnen hellen Schnurrbart. Seine Augen waren von einem verwaschenen Blaugrau. Im Moment strahlten die Augen, ihr Besitzer grinste von einem Ohr zum andern.

„Mein Name ist Joel Weiss“, sagte der Mann. „Nennen Sie mich Joel. Bootsmann auf diesem schrottreifen Eimer, den ich in halbwegs schwimmfähigem Zustand halte. Was halten Sie von der Antares? Ist sie nicht potthäßlich? Aber keine Sorge, die Ausrüstung ist tiptop in Ordnung…“

Sandy wollte irgend etwas erwidern, bekam dazu aber keine Gelegenheit – schon rollte wieder eine Welle von Worten über sie hinweg. Anscheinend war es zuviel von Joel verlangt, dass er seinen Redestrom lange genug bremste, um jemandem Zeit für eine Antwort zu geben. Also seufzte sie ergeben, hörte zu und sah sich die Schar Männer an, die sich neugierig hinter dem Bootsmann drängte. Ich glaube, ans Angestarrtwerden muss ich mich gewöhnen, dachte Sandy. Das gehört wahrscheinlich dazu, wenn man die einzige Frau an Bord ist!

Da stand sie nun in ihrem schwarz-neongrünen Anzug und tropfte vor sich hin – in der einen Hand die Flossen, die andere Hand an der Reling festgehakt, um auf dem schlingernden Schiff das Gleichgewicht zu halten. Sie fragte sich, wann ihr endlich jemand ein Handtuch geben würde. Doch bis jetzt schien niemand die Absicht zu haben. Sandys Augen glitten von Joels Gesicht zum Meer hin, suchten zwischen den hohen Wellen unwillkürlich den Delfin. Ja, dort schwamm Caruso, sie wollte beachtet werden und machte einen Heidenlärm. Zufrieden lauschte Sandy. Wenn Caruso nur beim Schiff blieb!

„Der Chef ist im Moment an Land, in Cartagena“, erzählte Joel munter weiter. „Er streitet sich noch mit den Behörden wegen einer Bergungslizenz herum. Dabei ist doch alles nur für einen gute Zweck, wir bewahren archäologische Schätze…“

„Wo ist eigentlich mein Gepäck?“ fiel ihm Sandy ins Wort, denn das nasse Neopren an ihrem Körper fühlte sich jeden Moment ungemütlicher an. Erstaunt unterbrach Joel für einen Moment seinen Monolog. „Ach so, natürlich. Ihr Seesack ist schon in der Kabine. Wollen Sie sich ein bisschen abtrocknen und ausruhen? Sie haben ja einen langen Flug hinter sich…“

Sandys Kabine lag, wie sich herausstellte, im mittleren Deck.

“Ihr Glücklichen habt gleich nach dem Käpt´n die beste Kabine an Bord“, sagte Joel und öffnete eine der metallnen Türen. Sandy holte überrascht Luft. In dem Raum stand ein Doppelstockbett, und eine der Kojen war schon belegt – von einer Lateinamerikanerin. Also hatte ihre Ankunft die Frauenquote an Bord doch nicht um hundert Prozent erhöht!

„Du bekommst Gesellschaft, Luisa!“ sagte Joel.

„Die Delfinfrau?“ fragte die Frau gleichmütig und reckte sich wie eine Katze. Ihr Körper war mager und sehnig.

„Ja. Ich heiße Sandy, meine Partnerin Caruso.“

„Luisa. Wie lange wirst du auf der Antares bleiben?“

Besonders begeistert klang das nicht. Es schien Luisa leid zu tun, dass sie ihre Kabine nun teilen musste. Nur zögernd räumte sie ihre Sachen von der oberen Koje.

„So lange, wie Mr. Morgan mich braucht und The Deep mich ihm zur Verfügung stellen kann“, sagte Sandy steif.

Joel war die Spannung zwischen ihnen nicht entgangen. Mit einem gemurmelten: „In einer Stunde ist Abendessen in der Messe“, zog er sich hastig zurück.

Schweigend machte sich Sandy daran, ihr Zeug in den Spind aus ramponiertem grüngestrichenen Metall einzuräumen, der sich auf der anderen Seite der Wand befand. Sie spürte Luisas Blick im Rücken. Der Seegang machte sich auch unter Deck bemerkbar, und Sandy hatte Schwierigkeiten, ihre Sachen so zu verstauen, dass sie ihr nicht sofort wieder entgegenfielen.

„Als was bist du hier an Bord? Als Taucherin?“ erkundigte sich Sandy.

Luisa nickte. „Ich war auch einmal bei The Deep“, sagte sie gleichgültig. „Aber der Laden gefiel mir irgendwie nicht mehr. Zu studentisch irgendwie, alles so barfüßig.“

„Klar, und hier lauft ihr ständig in High Heels herum“, entfuhr es Sandy. Es tat ihr sofort leid. Sie wollte keinen Streit. Besser, sie begab sich wieder auf neutrales Terrain.

„Was für ein Projekt hat eigentlich die Antares? Ich fürchte, man hat mir nicht gerade viel gesagt. Es ging alles ziemlich schnell.“

„Wir suchen nach Galeonenwracks – warum wären wir sonst hier in der Karibik, auf dem alten spanischen Handelsweg? Aber es ist eine gemeinnützige Sache, Rettung eines alten Kulturguts, von hier aus direkt ins Museum und so weiter.“ Luisa gähnte.

Sandy schaute auf die Uhr. Noch eine Dreiviertelstunde bis zum Abendessen. Sie hatte keine Lust, auch nur eine Minute länger als nötig in dieser Kabine mit Luisa zu verbringen. Außerdem hatte sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, um nicht luftkrank zu werden, und ihr Magen fühlte sich hohl und leer an. Zum Glück wirkten die Tabletten noch, einstweilen machte ihr der Seegang nichts aus.

„Ich schaue mich mal ein bisschen um“, kündigte Sandy an. Luisa hatte sich längst abgewandt und gab als Antwort ein undefinierbares Geräusch von sich.