Leseprobe aus “Vermächtnis der Wandler”

Aus dem 4. Kapitel “Ein geheimnisvoller Anruf”

Mein Handy, das ausnahmsweise aufgeladen war, klingelte. Auf dem Display stand eine unbekannte Nummer. Wer konnte das denn sein? Ich schlenderte ein paar Schritte in Richtung Waldrand, damit ich die anderen nicht störte, dann ging ich ran. „Hallo?“

Erst hörte ich gar nichts, dann eine zögernde Jungenstimme. „Ja, äh, du bist Carag, oder? Ich habe von dir gehört, davon, dass du gegen Andrew Milling gekämpft hast.“

„Aha“, meinte ich ein bisschen verlegen. „Ja, das stimmt, meine Freunde und ich haben ihn besiegt und geschafft, dass er verurteilt wird. Wer bist du?“

„Nick. Ich arbeite als Pfleger in Sunny Meadows. Du weißt schon, der, äh, Tierpark?“

Eine Art Blitz schoss durch meinen Körper und auf einen Schlag waren alle Schul-Dinge ganz weit weg. Sunny Meadows. Das Ratsgefängnis, in dem Milling seine lebenslange Strafe absaß. „Ja, weiß ich. Dort alles in Ordnung?“

Das kurze Schweigen am anderen Ende machte mir Sorgen.

„Eben nicht. Deswegen rufe ich an. Niemand will mir zuhören, aber du …“

Ausgerechnet in diesem Moment ertönte der Gong – die Pause war zu Ende. Nick sprach weiter, aber es war so laut auf dem Pausenhof, dass ich nur die Hälfte mitbekam. „Ich rufe dich zurück“, sagte ich zu ihm, wünschte Mia viel Spaß bei Verwandlung und rannte zum Klassenzimmer, wo ich mich auf meinen Platz gleiten ließ.

Ärger in Sunny Meadows? Was war da los? Sorgen krochen in mir hoch wie schwarze Schlingpflanzen, die sich um mein Herz wickelten. Tikaani, die neben mir saß, warf mir einen besorgten Blick zu, aber ich konnte jetzt nicht mit ihr reden und ich wusste ja auch noch fast gar nichts.

„Willkommen zurück, ich wünsche euch viel Spaß bei unseren gemeinsamen Sei-dein-Tier-Lektionen!“ Amelia Parker, in zweiter Gestalt ein Mops, war nicht sehr groß, hatte muntere dunkle Augen und ein mieses Gedächtnis – am Anfang hatte sie mich immer mit einem Dachsschüler verwechselt. Soweit ich mitbekommen hatte, war der mit einem Jahr Verspätung nun tatsächlich in der Erstjahresklasse. Wahrscheinlich würde Mrs Parker den Armen nun ständig mit einem Puma verwechseln.

„Fangen wir gleich an. Cliff, wie lange muss ein Wolf- oder Hunde-Woodwalker mit der Verwandlung warten, wenn er als Mensch Schokolade gegessen hat? Die ist ja in zweiter Gestalt giftig für euch, wie ihr wisst.“

„Äh, ich glaube, es reicht, eine halbe Stunde zu warten“, riet Cliff, als Mensch ein großer, kräftiger blonder Junge, der etwas verpennt wirkte.

„Das reicht nicht“, rief Mrs Parker erzürnt. „Damit riskierst du dein Leben! Eineinhalb Stunden mindestens!“

Cliff wurde leicht grün um die Nase. Ich konnte mir denken, wieso: Er und die anderen Rudelmitglieder hatten den anderen Schülern öfter mal Süßigkeiten abgenommen – auch Schoko. Das wusste offenbar auch Mrs Parker. „Soso, ihr habt Schokolade gegessen und nicht lange genug gewartet, wusst ich´s doch. Was war es?“

„Vollmilch“, sagte Jeffrey schwach.

„Da habt ihr Glück gehabt! Schwarze Schokolade hätte euch erledigt.“

Verstohlen schielte ich auf mein Handy. Vielleicht konnte mir dieser Nick auch eine Nachricht schreiben? Ich machte mich daran, unter dem Tisch eine an ihn zu tippen – seine Nummer hatte ich ja nun –, doch leider stand ganz plötzlich Mrs Parker neben mir. „Carag, tu das weg, sofort!“, blaffte sie mich an und ich gab vorerst auf. Am besten, ich versuchte es in der Mittagspause, diesen Nick zurückzurufen.

In der nächsten Stunde hatten wir Menschenkunde bei Miss Calloway. Als sie den Klassenraum betrat, richteten sich achtzehn Augenpaare auf ihren Bauch. Wahrscheinlich hatte sie im Sommer noch gar nicht vorgehabt, bekanntzugeben, dass sie und Bill Brighteye ein Kind bekommen würden, aber die Wölfe hatten es gewittert und natürlich hatte es Jeffrey prompt herausposaunt. Bisher sah unsere hübsche Menschenkunde-Lehrerin nur so aus, als hätte sie ein bisschen zu viel gegessen, ohne unsere feinen Woodwalker-Sinne hätten wir niemals gemerkt, was mit ihr los war. Noch hatte sich keiner von uns getraut, sie zu fragen, wann das Baby kommen würde.

„Heute nehmen wir menschliche Sportarten und ihre Regeln durch“, meinte Miss Calloway und lächelte uns an. „Gebt mir mal ein paar Beispiele.“

Tikaani meldete sich. „Kunstturnen und Eishockey.“

„Sehr gut, endlich nennt mal jemand ungewöhnliche Sportarten“, wurde sie gelobt und ich musste grinsen. Im Moment war es noch so, dass die Erstis uns etwas beibrachten und nicht umgekehrt.

„Sport …“, meinte unsere Opossum-Wandlerin Cookie. „Das ist das, was sich Berta so gerne im Fernsehen anschaut, oder? Diese wie irre herumlaufenden Leute, die sich ständig über den Haufen rennen?“

„Das nennt sich Football, du Beutelratte“, sagte Berta, unsere Grizzly-Wandlerin, und verdrehte die Augen.

„Es ist eine tolle Übung fürs echte Leben, dabei muss man ein braunes Ei beschützen“, erklärte Wing. Miss Calloway zeichnete einen Football an die Tafel und erklärte uns, wo man ihn auf dem Spielfeld hinbringen musste, um zu gewinnen.

Ich hörte nur mit halbem Ohr zu – durch meinen Stiefbruder Marlon kannte ich mich recht gut mit Football aus – und wartete nur noch auf die Mittagspause, um endlich diesen Tierpfleger anrufen zu können. Als sich die andern lachend und schwatzend auf den Weg zur Cafeteria im zweiten Stock machten, versuchte ich Nick zu erreichen. Er nahm sofort ab.

„Was meinst du damit, dass nicht alles in Ordnung ist?“, fragte ich ihn.

Nick legte los. „Also ich finde, die Sicherheitsvorschriften hier sind viel weniger streng als noch letztes Jahr“, meinte er. „Ich habe mitbekommen, dass die Wachen manchmal Karten spielen, statt aufzupassen, und der eine Alarm war wochenlang kaputt, bis er gestern endlich repariert worden ist. Neulich ist eine ganze Stunde lang der Strom der Sicherheitsdrähte ausgefallen. Pures Glück, dass niemand geflohen ist.“

Mich überlief es kalt. „Das alles betrifft wahrscheinlich auch Andrew Milling? Ist den Wachen klar, wie viele Leute er und seine Kumpane umgebracht haben?“

„Manche der anderen Gefangenen bewundern ihn.“ Inzwischen flüsterte Nick. Nur weil ich so gute Ohren hatte, verstand ich ihn noch. „Und sogar einige der Wächter, da bin ich mir sicher.“

„Oh nein.“ Meine Hand krampfte sich um das Gerät. „Hast du schon jemandem davon erzählt? Dem Direktor von Sunny Meadows?“

„Ich fürchte, der ist selbst das Problem. Seine Frau hat ihn verlassen, seither interessiert er sich für nichts mehr. Und ich weiß nicht, wen ich sonst warnen soll. Aber du kennst ein paar Leute aus dem Rat, oder? Du kannst denen Bescheid geben, was hier läuft?“

„Kann ich zumindest versuchen“, versprach ich ihm und legte auf.

Meine Hand zitterte. Nicht gut. Ich musste mich sofort um diese Sache kümmern. Eine ganze Stunde lang war kein Strom auf den Sicherheitsdrähten gewesen? So was konnte noch mal passieren und dann hatte Milling womöglich die Chance zu fliehen!

Doch ausgerechnet jetzt gongte es zum Mittagsessen. Und mein Handy zeigte eine neue Nachricht an. Während ich losmarschierte, rief ich die Nachricht auf.

 

du mieses stück dreck, wie konntest du uns woodwalker nur so an die menschen verraten. DU solltest im knast sein und nicht andrew!

 

Na toll, anscheinend hatte nicht nur Nick meine Handynummer, auch irgendein Milling-Anhänger hatte sie rausbekommen. Ich versuchte, die fiesen Worte nicht an mich ranzulassen. Es war nun mal so – nach dem Kampf gegen Andrew Milling war ich für die meisten Wandler ein Held … aber für manche der Schurke. Ohne sie noch mal zu lesen, löschte ich die Nachricht, schob sie so gut es ging aus meinem Kopf und ging zum Mittagessen.

Schon von Weitem sah ich, dass meine Schwester Mia mit meinen Freunden am Tisch saß … und dass sie bedrückt wirkte. Oje!

47 Kommentare

  1. Wo gibt es Infos zu Windwalker?

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    • Hallo Richard,
      Allzu viele Infos gibt es zu Windwalkers noch nicht, aber ich kann dir schon mal sagen, dass die Reihe nach der zweiten Woodwalkers-Staffel erscheinen soll (also ca. ab 2025). Die Hauptfigur wird Sierra sein und es geht um sie und all die anderen Schüler der Redcliff High, die du vielleicht schon aus Seawalkers 6 kennst!

      Viele Grüße,
      Sabine

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