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Woodwalkers

Woowalkers Cover smallIm Sommer 2016 ist mein Roman „Woodwalkers – Carags Verwandlung“ im  Arena Verlag erschienen und gleich sehr erfolgreich geworden. Dadurch, dass ihr meine Romane so begeistert gekauft und gelesen haben, hat die Reihe nun nicht drei Bände wie ursprünglich geplant, sondern sechs, die im Halbjahresabstand erscheinen. Danke an euch alle! Jeder Band hat ca. 280 Seiten und kostet 12,99 Euro (E-Book 10,99), dickere Bände über 300 Seiten kosten 14 Euro.

Darum geht es in Woodwalkers: Auf den ersten Blick sieht Carag aus wie ein ganz normaler Junge. Doch hinter seinen leuchtenden Augen verbirgt sich ein unglaubliches Geheimnis: Carag ist ein Gestaltwandler. Halb Mensch, halb Berglöwe ist er in der Wildnis der Rocky Mountains aufgewachsen und lebt erst seit Kurzem in der Menschenwelt. Das neue Leben ist für ihn so fremd wie faszinierend. Doch erst als Carag von der Clearwater High erfährt, einem geheimen Internat für Woodwalker wie ihn, verspürt er ein Gefühl von Heimat. In Holly, einem frechen Rothörnchen, und Brandon, einem schüchternen Bison, findet er schnell Freunde. Und die kann Carag gut gebrauchen – denn die Welt der Woodwalker steckt voller Rätsel und Gefahren …

Hier geht´s zur Leseprobe aus Band 1!

cover-band-2-amazonBand 2 „Woodwalkers – Gefährliche Freundschaft“
(auf dem Cover: Tikaani, die weiße Wölfin)

Band 3 „Woodwalkers – Hollys Geheimnis“ (auf dem Cover: Holly, die Rothörnchen-Wandlerin)

Band 4 „Fremde Wildnis“ (auf dem Cover: Brandon, der Bison-Wandler)

Band 5 „Feindliche Spuren“ (auf dem Cover: Lou, die Wapiti-Wandlerin)

Band 6 „Tag der Rache“ (auf dem Cover: Jeffrey, Wolfs-Wandler) 

Keine Sorge, nach Band 6 ist nicht alles aus, es kommen noch die „Seawalkers“ – in denen Carag und seine Freunde auch mitspielen – und danach noch weitere Staffeln!

 

Leseprobe aus „Woodwalkers – Carags Verwandlung“

Aus dem Kapitel Die Clearwater High – gerade ist Carag von Theo, dem Hausmeister und Fahrer, abgeholt worden und wird in seine neue Schule gebracht.

Mein Abholer trat heftig aufs Gas und wir düsten über den Highway, der aus Jackson Hole herausführte.
„Danke“, sagte ich.
„Keine Ursache“, brummte der Fahrer. „Ich bin übrigens Theo.“
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich ihn und versuchte zu raten, ob Theo ein Mensch war oder nicht. Schwer zu spüren diesmal. Konnten Woodwalker überhaupt Tätowierungen haben? Oder tauchten sie dann auf ihrer Tiergestalt auf und verrieten sie?
„Wie weit ist die Schule denn von hier entfernt?“, wagte ich zu fragen.
„Ach, nur ‘ne halbe Stunde“, brummte er. „Aber wir müssen vorher noch am Tierheim vorbei.“
„Am Tierheim?“ Wahrscheinlich guckte ich ziemlich blöd.
„Ja. Wir müssen ‘ne Schülerin abholen, die sich am Wochenende nicht so toll benommen hat.“ Er grinste. „Hat ‘ne Weile gedauert, bis wir rausgefunden hatten, wo sie ist.“
„Oh“, sagte ich und versuchte mir vorzustellen, was für eine Art Wandler man im Tierheim abgeben würde, wenn er Ärger machte.
Aber das würde ich bestimmt gleich herausfinden.
Beim Tierheim begrüßte uns das Bellen und Jaulen unzähliger Hunde. Sofort begann mein Herz zu rasen. Mein Vater war mal gejagt worden – eine Hundemeute hatte ihn gehetzt, bis er sich auf einen Baum flüchten musste. Nur mit viel Glück war er entkommen.
Theo merkte, wie ich mich fühlte. „Nicht deine Freunde, was?“, meinte er.
Stumm schüttelte ich den Kopf.
Als wir klingelten, öffnete uns eine Frau im rosa Jogginganzug. Sie blickte hoffnungsvoll drein. „Ja, bitte? Katze, Hund, Kaninchen?“
„Rothörnchen“, sagte Theo.
„Ach das! Verrücktes Vieh.“ Sie lachte und schüttelte gleichzeitig den Kopf, dass ihre grauen Löckchen wippten. „Hat doch tatsächlich auf dem Rastplatz Leute beklaut. Ich dachte mir gleich, dass das kein wildes Tier sein kann!“ Ihr Blick wurde ein bisschen strenger. „Sie haben ihm das nicht beigebracht, oder? Das mit dem Klauen?“
„Ich versuche, es ihm abzugewöhnen“, erklärte Theo.
„Ach so. Na, dann viel Spaß. Ehrlich gesagt, ich bin froh, es los zu sein. Es hat am Gitter gerüttelt wie blöde und sogar versucht, den Riegel zu öffnen.“
„Tut mir leid.“ Theo versuchte, entschuldigend dreinzublicken. Dadurch sah er aus wie ein kranker Elefant, der er hoffentlich nicht war.
Die Tierheimleiterin führte uns in einen vergitterten Zwinger, in dem ein Kletterbaum aus abgewetztem braunem Plüsch aufgebaut war. Auf halber Höhe standen Schälchen mit Körnerfutter und Wasser. Auf den zweiten Blick sah ich das Rothörnchen, das ganz oben hockte, schlecht gelaunt aussah und dabei war, mit beiden Pfoten Plüschfetzen vom Kletterbaum abzureißen. Soso, das war also meine Mitschülerin.
„He!“, rief die Tierheimfrau. „Lass das, du Mistvieh!“
Sie bekam einen einwandfreien Du-kannst-mich-mal-Blick. Dann machte das Rothörnchen einfach weiter.
„Das reicht jetzt“, sagte Theo entschieden und öffnete den kleinen Transportkorb, den er trug. „Los, auf geht’s.“
In Windeseile sprang, balancierte und rannte das Hörnchen über den Kletterbaum. Dann tauchte es mit einem kühnen Sprung in den Transportkorb.
„Na, das ist ja gut trainiert“, staunte die Tierheimfrau. „Wie heißt es?“
„Holly“, erklärte Theo, hakte das Türchen des Transportkorbs zu und nickte der Tierheimfrau freundlich zu. „Vielen Dank. Kommt hoffentlich nicht wieder vor.“
Wir trugen den Käfig zum Auto und fuhren los. Aber nicht weit. Hinter der nächsten Ecke bogen wir von der Straße ab, Theo öffnete den Transportkorb und holte ein paar Mädchensachen – neongrünes Top, Shorts – aus einem Rucksack mit bunten Klimperanhängern, der bestimmt nicht ihm gehörte. Dann winkte er mir, auszusteigen, und wir lehnten uns gegen die Ladefläche. Drinnen scharrte und rumpelte es, dann sagte eine Mädchenstimme: „Boah, es war echt unerträglich da! Wieso habt ihr mich nicht früher rausgeholt? Das Futter war total ranzig … man müsste die blöde Tussi mal zwingen, das selber zu essen!“
Neugierig spähte ich ins Führerhaus. Dort saß jetzt ein nicht sehr großes Mädchen mit dunklen, blitzenden Augen und schulterlangem rotbraunem Haar. Sie war etwa so alt wie ich.
„Was glotzt du so?“, fragte sie und funkelte mich an, als wir wieder einstiegen.
„Einfach so“, sagte ich, ohne mich aus der Ruhe bringen zu lassen. Dafür war ich viel zu neugierig. „Wirst du oft gefangen?“
„Nee, hab mich halt blöd angestellt. Und die Touristen hatten einen verdammten Kescher dabei, wer rechnet denn mit sowas?“ Holly verdrehte die Augen und fing an, mit ihren zierlich kleinen Händen an der Lehne des Vordersitzes herumzuknibbeln. Dann schaute sie mich neugierig von der Seite an. „Was bist du? Du bist doch einer von uns, oder?“
„Ja“, sagte ich und war auf einmal stolz darauf, ein Woodwalker zu sein und kein gewöhnlicher Mensch. Das fühlte sich gut an. „Ich bin ein Puma.“
„Ein Puma? Ach du große Sch…! Wenn du mich annagst, reiße ich dir jedes dreckige Tasthaar einzeln aus, ist das klar?“
„Klar“, sagte ich und musste lachen. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie ein Rothörnchen war, hätte ich auf Kanalratte getippt. „Keine Sorge, hab grade keinen Hunger. Was ist eigentlich mit den Sachen, die du geklaut hast, musstest du die alle dalassen?“
„Klauen? Wer macht denn sowas? Das ist doch verboten.“ Sie versuchte einen unschuldigen Blick, der voll in die Hose ging, weil ihre Augen gleichzeitig verschmitzt dreinschauten.
„Bist du schon lange an der Schule? Wie ist es da so?“, versuchte ich sie auszuhorchen.
„Wild und bunt!“, sagte Holly.
Und dann schwiegen wir, bis wir ein paar Minuten später das Schulgelände erreichten.
Theo parkte den Wagen auf einem Rasen-Parkplatz vor dem Eingang der Schule, den ich schon aus dem Prospekt kannte: moderne unverputzte Ziegelmauern und viel Glas, darauf der Name Clearwater High in edlen Metallbuchstaben.
„Was genau ist daran wild?“, fragte ich Holly enttäuscht, doch sie lachte nur und lief los, ein Stück um das Gebäude herum. Ich nahm meinen Rucksack, folgte ihr … und kapierte schnell, dass der Eingang nur für Besucher da war und der Rest der Schule ganz anders aussah. Weiter hinten sah sie immer weniger aus wie ein normales Haus und mehr wie ein Teil der Landschaft. Behände kletterte Holly auf einen Hügel aus Granitblöcken, die jemand wild übereinander getürmt hatte. Gras und ein paar junge Bäume wuchsen darauf.
„In diesem Teil – dem Westflügel – sind unsere Zimmer, nicht übel, was?“ Holly klopfte an eine runde Glasscheibe, die mitten in einem der Blöcke prangte. „Mein Fenster!“
„Wow.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein.
Wenn man genauer hinschaute, fielen einem noch mehr Fenster auf und jedes hatte eine andere Form. Es gab runde, eckige, große, kleine und ganz oben sogar eine Kuppel, die ich besonders gut fand. Dort hatte man nachts den Sternhimmel über sich.
Holly kletterte in unglaublicher Geschwindigkeit zurück nach unten und ich folgte ihr zum Wagen zurück.
Auf geht’s, ich zeige dir dein Zimmer, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, drehte mich um und sprang vor Schreck ein Stück in die Höhe. Hinter mir stand ein massiger Elchbulle, eine halbe Tonne Muskeln und stahlharte Hufe. Ein Tier, an das sich nicht mal meine Eltern herangetraut hätten. An der einen Seite seines Geweihs hingen ein bunter Rucksack und meine Jacke, an der anderen Seite meine Reisetasche.
„Alles klar“, sagte ich, als ich mich wieder erholt hatte, und folgte Theo durch die Eingangstüren in meine neue Schule. Holly machte noch einen schnellen Handstand auf den Steinblöcken, dann sprang sie wieder auf die Füße und lief uns nach.

 

 

Leseprobe aus Woodwalkers 1

Am nächsten Morgen war es soweit. Ein verbeulter blauer Kombi mit offener Ladefläche und dem Logo der Clearwater High hielt vor dem Haus. Beim hüpfenden Wildschwein, was waren das für Kratzer an der Seite der Karre? Die waren nicht von Gebüsch, sondern von riesigen Krallen!

Ich klammerte mich an meine Reisetasche und beobachtete, wie ein schon etwas älterer, aber sehr muskulöser Mann mit borstigen braunen Haaren und Tätowierungen auf den Armen ausstieg. Mit seinen schwarzen Lederhosen und der Jeansjacke, die er auf der bloßen Haut trug, sah er aus wie einer dieser Hell‘s Angels-Motorradrocker aus dem Fernsehbericht neulich.

„Mr. Soderberg, von der Clearwater High“, stellte er sich den Ralstons vor und schüttelte ihnen kurz die Hand. Mit einem Blick checkte er mich von Kopf bis Fuß ab, dann verzog sich sein verwittertes Gesicht zu einem Lächeln. „Na dann los“, sagte er zu mir.

Die Ralstons blickten verstört drein. Vielleicht hatten sie sich den Abholer eines Elite-Internats irgendwie anders vorgestellt.

Donald begann: „Vielleicht ist es doch etwas …“

Breitbeinig, mit zusammengekniffenen Augen und verschränkten Armen, stellte sich Mr. Soderberg vor den Ralstons auf.

„… zu früh für ein Internat?“, beendete Donald matt seinen Satz.

Wortlos schenkte der Fahrer ihm noch einen letzten Blick, dann brummte er in meine Richtung: „Kommst du?“

Ein wenig verlegen umarmten mich Anna, Donald und sogar Melody zum Abschied. Marlon schlug mir auf den Rücken, aber so hart, als wollte er mir das Schulterblatt brechen. Der tätowierte Fahrer hatte es mitbekommen. Er ging auf Marlon zu und streckte ihm die Hand hin. Marlon nahm sie. Großer Fehler! Denn jetzt drückte der Fahrer zu. Ich sah, wie Marlons Gesicht himbeerrot anlief. Gespannt wartete ich, ob noch eine andere Farbe kommen würde. O ja. Ein paar Momente später wurde Marlon blass wie Milch. Und zwar saure Milch.

„So“, meinte der Fahrer mit einem Blick in meine Richtung. „Abmarsch.“

Nach einem letzten Blick auf Marlon, der mit verzogenem Gesicht seine gequetschte Hand hielt, packte ich meine Tasche ins Führerhaus des Wagens und kletterte hinterher. Mein Abholer trat heftig aufs Gas und wir düsten über den Highway, der aus Jackson Hole herausführte.

„Danke“, sagte ich.

„Keine Ursache“, brummte der Fahrer. „Ich bin übrigens Theo.“

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich ihn und versuchte zu raten, ob Theo ein Mensch war oder nicht. Schwer zu spüren diesmal. Konnten Woodwalker überhaupt Tätowierungen haben? Oder tauchten sie dann auf ihrer Tiergestalt auf und verrieten sie?

„Wie weit ist die Schule denn von hier entfernt?“, wagte ich zu fragen.

„Ach, nur ‘ne halbe Stunde“, brummte er. „Aber wir müssen vorher noch am Tierheim vorbei.“

„Am Tierheim?“ Wahrscheinlich guckte ich ziemlich blöd.

„Ja. Wir müssen ‘ne Schülerin abholen, die sich am Wochenende nicht so toll benommen hat.“ Er grinste. „Hat ‘ne Weile gedauert, bis wir rausgefunden hatten, wo sie ist.“

„Oh“, sagte ich und versuchte mir vorzustellen, was für eine Art Wandler man im Tierheim abgeben würde, wenn er Ärger machte.

Aber das würde ich bestimmt gleich herausfinden.

 

Die Clearwater High

 

Beim Tierheim begrüßte uns das Bellen und Jaulen unzähliger Hunde. Sofort begann mein Herz zu rasen. Mein Vater war mal gejagt worden – eine Hundemeute hatte ihn gehetzt, bis er sich auf einen Baum flüchten musste. Nur mit viel Glück war er entkommen.

Theo merkte, wie ich mich fühlte. „Nicht deine Freunde, was?“, meinte er.

Stumm schüttelte ich den Kopf.

Als wir klingelten, öffnete uns eine Frau im rosa Jogginganzug. Sie blickte hoffnungsvoll drein. „Ja, bitte? Katze, Hund, Kaninchen?“

„Rothörnchen“, sagte Theo.

„Ach das! Verrücktes Vieh.“ Sie lachte und schüttelte gleichzeitig den Kopf, dass ihre grauen Löckchen wippten. „Hat doch tatsächlich auf dem Rastplatz Leute beklaut. Ich dachte mir gleich, dass das kein wildes Tier sein kann!“ Ihr Blick wurde ein bisschen strenger. „Sie haben ihm das nicht beigebracht, oder? Das mit dem Klauen?“

„Ich versuche, es ihm abzugewöhnen“, erklärte Theo.

„Ach so. Na, dann viel Spaß. Ehrlich gesagt, ich bin froh, es los zu sein. Es hat am Gitter gerüttelt wie blöde und sogar versucht, den Riegel zu öffnen.“

„Tut mir leid.“ Theo versuchte, entschuldigend dreinzublicken. Dadurch sah er aus wie ein kranker Elefant, der er hoffentlich nicht war.

Die Tierheimleiterin führte uns in einen vergitterten Zwinger, in dem ein Kletterbaum aus abgewetztem braunem Plüsch aufgebaut war. Auf halber Höhe standen Schälchen mit Körnerfutter und Wasser. Auf den zweiten Blick sah ich das Rothörnchen, das ganz oben hockte, schlecht gelaunt aussah und dabei war, mit beiden Pfoten Plüschfetzen vom Kletterbaum abzureißen. Soso, das war also meine Mitschülerin.

„He!“, rief die Tierheimfrau. „Lass das, du Mistvieh!“

Sie bekam einen einwandfreien Du-kannst-mich-mal-Blick. Dann machte das Rothörnchen einfach weiter.

„Das reicht jetzt“, sagte Theo entschieden und öffnete den kleinen Transportkorb, den er trug. „Los, auf geht’s.“

In Windeseile sprang, balancierte und rannte das Hörnchen über den Kletterbaum. Dann tauchte es mit einem kühnen Sprung in den Transportkorb.

„Na, das ist ja gut trainiert“, staunte die Tierheimfrau. „Wie heißt es?“

„Holly“, erklärte Theo, hakte das Türchen des Transportkorbs zu und nickte der Tierheimfrau freundlich zu. „Vielen Dank. Kommt hoffentlich nicht wieder vor.“

Wir trugen den Käfig zum Auto und fuhren los. Aber nicht weit. Hinter der nächsten Ecke bogen wir von der Straße ab, Theo öffnete den Transportkorb und holte ein paar Mädchensachen – neongrünes Top, Shorts – aus einem Rucksack mit bunten Klimperanhängern, der bestimmt nicht ihm gehörte. Dann winkte er mir, auszusteigen, und wir lehnten uns gegen die Ladefläche. Drinnen scharrte und rumpelte es, dann sagte eine Mädchenstimme: „Boah, es war echt unerträglich da! Wieso habt ihr mich nicht früher rausgeholt? Das Futter war total ranzig … man müsste die blöde Tussi mal zwingen, das selber zu essen!“

Neugierig spähte ich ins Führerhaus. Dort saß jetzt ein nicht sehr großes Mädchen mit dunklen, blitzenden Augen und schulterlangem rotbraunem Haar. Sie war etwa so alt wie ich.

„Was glotzt du so?“, fragte sie und funkelte mich an, als wir wieder einstiegen.

„Einfach so“, sagte ich, ohne mich aus der Ruhe bringen zu lassen. Dafür war ich viel zu neugierig. „Wirst du oft gefangen?“

„Nee, hab mich halt blöd angestellt. Und die Touristen hatten einen verdammten Kescher dabei, wer rechnet denn mit sowas?“ Holly verdrehte die Augen und fing an, mit ihren zierlich kleinen Händen an der Lehne des Vordersitzes herumzuknibbeln. Dann schaute sie mich neugierig von der Seite an. „Was bist du? Du bist doch einer von uns, oder?“

„Ja“, sagte ich und war auf einmal stolz darauf, ein Woodwalker zu sein und kein gewöhnlicher Mensch. Das fühlte sich gut an. „Ich bin ein Puma.“

„Ein Puma? Ach du große Sch…! Wenn du mich annagst, reiße ich dir jedes dreckige Tasthaar einzeln aus, ist das klar?“

„Klar“, sagte ich und musste lachen. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie ein Rothörnchen war, hätte ich auf Kanalratte getippt. „Keine Sorge, hab grade keinen Hunger. Was ist eigentlich mit den Sachen, die du geklaut hast, musstest du die alle dalassen?“

„Klauen? Wer macht denn sowas? Das ist doch verboten.“ Sie versuchte einen unschuldigen Blick, der voll in die Hose ging, weil ihre Augen gleichzeitig verschmitzt dreinschauten.

„Bist du schon lange an der Schule? Wie ist es da so?“, versuchte ich sie auszuhorchen.

„Wild und bunt!“, sagte Holly.

Und dann schwiegen wir, bis wir ein paar Minuten später das Schulgelände erreichten.

Theo parkte den Wagen auf einem Rasen-Parkplatz vor dem Eingang der Schule, den ich schon aus dem Prospekt kannte: moderne unverputzte Ziegelmauern und viel Glas, darauf der Name Clearwater High in edlen Metallbuchstaben.

„Was genau ist daran wild?“, fragte ich Holly enttäuscht, doch sie lachte nur und lief los, ein Stück um das Gebäude herum. Ich nahm meinen Rucksack, folgte ihr … und kapierte schnell, dass der Eingang nur für Besucher da war und der Rest der Schule ganz anders aussah. Weiter hinten sah sie immer weniger aus wie ein normales Haus und mehr wie ein Teil der Landschaft. Behände kletterte Holly auf einen Hügel aus Granitblöcken, die jemand wild übereinander getürmt hatte. Gras und ein paar junge Bäume wuchsen darauf.

„In diesem Teil – dem Westflügel – sind unsere Zimmer, nicht übel, was?“ Holly klopfte an eine runde Glasscheibe, die mitten in einem der Blöcke prangte. „Mein Fenster!“

„Wow.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein.

Wenn man genauer hinschaute, fielen einem noch mehr Fenster auf und jedes hatte eine andere Form. Es gab runde, eckige, große, kleine und ganz oben sogar eine Kuppel, die ich besonders gut fand. Dort hatte man nachts den Sternhimmel über sich.

Holly kletterte in unglaublicher Geschwindigkeit zurück nach unten und ich folgte ihr zum Wagen zurück.

Auf geht’s, ich zeige dir dein Zimmer, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, drehte mich um und sprang vor Schreck ein Stück in die Höhe. Hinter mir stand ein massiger Elchbulle, eine halbe Tonne Muskeln und stahlharte Hufe. Ein Tier, an das sich nicht mal meine Eltern herangetraut hätten. An der einen Seite seines Geweihs hingen ein bunter Rucksack und meine Jacke, an der anderen Seite meine Reisetasche.

„Alles klar“, sagte ich, als ich mich wieder erholt hatte, und folgte Theo durch die Eingangstüren in meine neue Schule. Holly machte noch einen schnellen Handstand auf den Steinblöcken, dann sprang sie wieder auf die Füße und lief uns nach.

Neugierig schaute ich mich um, während wir durch die breiten, hohen Gänge wanderten. Ein paar echt scheußliche Ölbilder hingen dort: Gerade kamen wir an einem Sonnenuntergang mit Wolfssilhouette vorbei, danach an einem röhrenden Hirsch vor dem Hintergrund der Berge und an einem Mops in Filmstarpose vor einer vollen Futterschüssel.

Noch hatte ich außer Holly keinen anderen Schüler gesichtet – klar, es war ein ganz normaler Montagvormittag, die hatten bestimmt alle Unterricht und hockten in den Klassenzimmern. Oder vielleicht doch nicht. Gerade waren zwei Mädchen und ein Junge aus der Richtung des Eingangs aufgetaucht und drängten sich an uns vorbei.

„Na, das war knapp“, keuchte der Junge. „Glaubst du, der Typ hat uns bemerkt?“

„Never ever“, meinte das eine Mädchen, das ebenso lange schwarze Haare hatte wie der Junge.

„Das gibt drei Sterne mindestens!“, freute sich das andere Mädchen.

Während die drei an uns vorbeidrängten, lächelte das schwarzhaarige Mädchen mir zu und ich wusste plötzlich, dass sie der Rabe gewesen war, der mir den Prospekt gebracht hatte. Ich lächelte zurück.

„Die sind gerade zurück von ‘ner Lernexpedition“, brummte Theo.

„Einer was?“, fragte ich verwirrt.

„Vergiss es einfach wieder“, sagte Holly und zog eine Grimasse. „Sowas dürfen wir eh noch nicht. Erst nach der Zwischenprüfung. Die beiden Raben dürfen nur mit, weil sie die schon mal fast geschafft hätten. Sie sind nur in Menschenkunde durchgefallen.“

„Ach so“, meinte ich, als hätte ich irgendwas kapiert.

Noch zwei andere Gruppen kamen an uns vorbei, dann bogen wir ab und stiegen eine Treppe hoch, bis wir im zweiten Stock angekommen waren. Hier reihte sich eine Zimmertür an die nächste, alle riesig, mindestens doppelt so groß wie normale Türen. Auf jede waren zwei Namen gepinselt.

„Bis später!“, sagte Holly, pflückte Theo den Rucksack vom Geweih und bog in einen anderen Trakt ab, wahrscheinlich den der Mädchen.

Mich geleitete der Elch in einen anderen Flur. Dort warteten schon Lissa Clearwater und ein Junge, der mit seinem Seitenscheitel und seinem gestreiften Pullover ziemlich brav wirkte. Als wir näher kamen, merkte ich, dass sie vor einer Tür standen, auf der noch niemand seinen Namen verewigt hatte. War das mein Zimmer? Freundlich nickte Lissa Clearwater mir zu, dann wandte sie sich wieder an den anderen Jungen, der vielleicht mein zukünftiger Mitbewohner war.

Gespannt blickte ich den Jungen an, doch er streifte mich nur kurz mit einem Blick. Eins seiner Augenlider zuckte nervös, während er auf Lissa Clearwater einredete.

„Hier muss eine Verwechslung vorliegen, warum muss ich als Kaninchen zu einem Puma ins Zimmer? Bitte, Sie müssen doch noch irgendwas anderes frei haben!“

Meine gute Laune versickerte. Er wollte nicht mit mir zusammenwohnen! Ich musste gestehen, dass er sehr appetitlich roch, doch natürlich hätte ich ihm nie etwas getan. Ganz bestimmt war es verboten, Mitschüler zu fressen.

Lissa Clearwater seufzte. „Na gut, Nimble. Ich will ja nicht, dass du Alpträume hast. Du bekommst das Einzelzimmer 22 B.“

„Oh, danke, danke!“, sprudelte Nimble hervor, nahm seinen Koffer und zog ihn hinter sich her. Er hatte es so eilig, wegzukommen, dass er sogar vergaß, sich zu verabschieden.

Theo ließ meine Reisetasche auf den Boden plumpsen und kickte sie mit einem Huf in Richtung Tür.

„Danke“, sagte nun auch ich. „Auch fürs Abholen und so.“

„Carag wird wohl mit Brandon zusammenwohnen müssen“, sagte Lissa Clearwater zu Theo und warf mir einen Blick zu. „Ich sage ihm gleich, er soll umziehen.“

„Mit Brandon?“ Aus dem Nichts war Holly wieder aufgetaucht und steckte den Kopf zwischen uns, um möglichst alles mitzukriegen. „Aber …“

„Die beiden werden sich sehr gut verstehen“, betonte die Schulleiterin und Holly kassierte einen Blick aus scharfen gelbbraunen Adleraugen. „Und jetzt ab in deine Klasse, Holly, du hast sowieso schon genug Zeit versäumt! Wir sprechen uns am Nachmittag in meinem Büro.“

Holly warf mir einen Blick zu, machte irgendwelche Gesten, die ich nicht kapierte, und düste ab.

Nun wandte sich Lissa Clearwater an mich. „Erstmal herzlich Willkommen, Carag. Es freut mich sehr, dass du jetzt bei uns bist. Tut mir leid, diese Sache mit Nimble und dem Zimmer.“

„Macht nichts“, sagte ich schweren Herzens.

Sie lächelte mir beruhigend zu und reichte mir ein paar Blätter Papier und eine Stofftasche voller Bücher. „Ich würde sagen, pack erst mal aus, richte dich ein und lies dir die Schulregeln durch. Hier sind auch deine Schulbücher. Bald ist Mittagspause, dann schicke ich dir Brandon vorbei, damit er dich zum Essen mitnimmt und dir ein bisschen was von der Schule zeigt. So, und nun darfst du dein Revier kennzeichnen.“

Sie nahm mir die Stofftüte mit den Büchern nochmal ab und reichte mir feierlich eine Dose mit gelber Farbe sowie einen Pinsel. Ich musste grinsen. Wenige Atemzüge später prangte in großen, sonnigen Buchstaben ein CARAG auf der Tür. Sehr katzig! Auszupacken dauerte nur so lange, wie einen Baumstamm mit den Krallen zu markieren. Viel Zeug hatte ich ja nicht.

Dann setzte ich mich aufs Bett, blätterte durch meine neuen Schulbücher – Verwandlung für Anfänger, Kulturgeschichte der Wandler, Dein Leben als Woodwalker sowie andere dicke Bände – und wartete darauf, dass mein eigenartiger Mitbewohner auftauchte.