Archiv der Kategorie: Abenteuer- und Near-Future-Romane

Leseprobe aus „Koalaträume“

Aus dem Kapitel „Genug Gift“ etwa aus der Mitte des Romans

Zwei Tage lang schaffte ich es, Colin aus dem Weg zu gehen. Ich erledigte meine Arbeit, besuchte meine Freundin Mayra, das Possum, und saß mit den Greenbergs abends auf der Veranda. Allmählich begann ich, mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. In den letzten Nächten hatte ich nichts geträumt. Sah aus, als wäre ich noch einmal davongekommen!

Doch dann stand auf dem Tagesplan unmissverständlich: Colin + Juli: Tierrettung, und ich fand niemanden, mit dem ich tauschen konnte. Mit einem mulmigen Gefühl packte ich meinen Rucksack, steckte eine Flasche Wasser ein, und stellte mich auf den Parkplatz, neben den roten Kombi mit dem Logo von The Ark darauf. Und da kam Colin, in einem schwarzen T-Shirt und khakifarbenen Shorts. Ich erkannte ihn von weitem an seinem weichen, raumgreifenden Gang.

Die Sonne brannte auf uns herab, es würde mal wieder ein heißer Tag werden. Gestern hatten sich die Kängurus sogar die Vorderläufe abgeschleckt, um sich dadurch ein bisschen Kühlung zu verschaffen. Schwitzen konnten sie ja nicht.

Colins dunkle Haut glänzte in der Sonne wie poliert. Er begrüßte mich fast beiläufig, und ich atmete auf. Anscheinend hatte er vor, mich freundlich-distanziert zu behandeln.

„Wir haben heute früh zwei Anrufe bekommen“, berichtete er. „Eine Frau in Yandina hat eine Schlange im Haus entdeckt. Und in Nambour ist ein Possum, das sich in eine Garage verirrt hatte, prompt von einem Hund angegriffen worden – es hockt jetzt auf einem Baum und scheint verletzt zu sein. Also nichts Spektakuläres, aber eine gute Übung für dich.“

„Alles klar“, erwiderte ich. „Wie sieht‘s mit der Aufgabenteilung aus? Ich übernehme die Schlange und du das Possum?“

Ein Lächeln schlich sich in seine Mundwinkel. „Da ich dir diesmal ja leider kein Krododil bieten kann …“

Kaum zu glauben, schon nach einer Minute waren wir wieder auf einer Wellenlänge. Es fühlte sich zu gut an, um es gleich wieder kaputt zu machen. Mach deinen Job und sieh zu, dass du was von ihm lernst, dachte ich grimmig und stieg auf den Beifahrersitz.

Colin überprüfte schnell die Ausrüstung im Kofferraum, setzte seine Sonnenbrille auf und ließ den Motor an. Ich betrachtete seine Hand, die locker auf dem Lenkrad lag. Schmal aber kräftig war sie, die Fingernägel sehr kurz geschnitten; an vielen Stellen waren winzige helle Narben, vielleicht von Dornen. Die dunklen Haare auf seinem Unterarm hoben sich kaum von seiner braunen Haut ab. An einer Stelle an der Schulter hatte jemand Colins T-Shirt geschickt mit schwarzem Garn geflickt, man sah es kaum.

Über den Bruce Highway waren wir in zwanzig Minuten in Yandina, einem Ort, der nicht viel größer war als Cooroy. „Weil hier lauter Nationalparks in der Nähe sind, haben wir eine Menge mit Rettungen zu tun“, meinte Colin. „Auch die Polizei ruft uns manchmal an und gibt was an uns weiter. So war´s zum Beispiel heute mit der Schlange.“

„Zu was für einer Art gehört sie denn? Giftig?“

„Vermutlich“, sagte Colin gleichmütig. „Die meisten Schlangen in Australien tragen genug Gift im Maul herum, um eine ganze Viehherde zu erledigen.“

Ich schaute ihn an, um zu sehen, ob er übertrieb oder mich aufziehen wollte, aber er grinste nicht. Also stimmte es vermutlich. O je.

Die Adresse, die man uns gegeben hatte, stellte sich als hübsche hellblau gestrichene Villa heraus, die im Schatten von Bäumen stand. Wir packten unsere Ausrüstung – eine Stange mit gebogener Spitze und einen Sack – aus und klingelten. Kaum war der Ton verhallt, da wurde die Tür aufgerissen. Eine etwa sechzigjährige Frau mit grauen Löckchen und gepflegter Kleidung, die gut auf einen Golfplatz gepasst hätte, schoss auf uns zu. „Na endlich kommen Sie! Es ist eine Stunde her, dass ich angerufen habe! Ich hatte seitdem keine ruhige Minute!“

In diesem Moment bemerkte die Frau anscheinend, dass Colin kein Weißer war. Sie stutzte, und ein gezwungenes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. Zögernd öffnete sie uns die Tür. „Äh, ja, hier entlang. Ich glaube, die Schlange ist unter einem der Schränke im Wohnzimmer …“

Wir gingen über den polierten Holzboden und kamen ins Wohnzimmer, das mit dem hellen Parkett, dem großen, geschmackvoll modernen Sofa und der riesigen Glasfront zum Garten einem „Schöner Wohnen“-Magazin entsprungen zu sein schien.

„Sehen wir mal nach“, sagte Colin und legte sich flach auf den Boden, um unter die Schränke schauen zu können. Ich übernahm die andere Seite des Zimmers und checkte ab, wie die Reptilien-Situation unter dem Sofa war.

„Holla, da ist sie ja“, rief Colin. „Magst du schauen, Juli?“

Ich warf mich neben ihn aufs Parkett. Zufällig berührten sich dabei unsere Arme, und ein Schauer durchlief meinen Körper. Colin zog seinen Arm nicht weg. Einen Moment wirkte er abgelenkt, ging es ihm genauso wie mir?

Mit etwas Mühe konzentrierte ich mich auf das, was ich unter dem Schrank sah. Im Halbdunkel erkannte ich etwas Unförmiges, Dunkles – die Schlange hatte sich eng zusammengerollt.

„Eine Östliche Braunotter, etwa eineinhalb Meter lang“, flüsterte Colin mir zu.

„Sieht völlig verängstigt aus“, wisperte ich zurück.

„Kein Wunder, in diesem Haus.“ Er senkte die Stimme weiter. „Ich wette, sobald wir weg sind, putzt sie erstmal hinter uns her.“ Wir grinsten uns flüchtig an, dann richtete sich Colin wieder auf und holte den Stock mit der gebogenen Spitze. „Ist besser, wenn ich das mache – Braunottern sind tödlich und können ziemlich aggressiv sein, vor allem dann, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen.“

„Okay“, sagte ich mit gemischten Gefühlen und stand ebenfalls auf. „Was soll ich machen, wenn du gebissen wirst?“

„Schlangen beißen mich nicht.“

Er klang völlig überzeugt, aber ich nahm ihm das nicht ab, dazu hatte ich selbst zu viel Erfahrung mit Tieren. Schiefgehen kann immer etwas. Und wenn jemand sich so sicher ist, dass nichts passiert, dann ist die Wahrscheinlichkeit gleich doppelt so hoch. „Aber es kann ja sein, dass diese Schlange das nicht mitbekommen hat, also würdest du mir bitte trotzdem …?“

„No worries. Einfach den Notruf wählen. Die meisten Ärzte haben ein Gegengift da. Man muss bloß schnell hinkommen, normalerweise ist man nämlich nach einer halben Stunde tot.“

Mir lief es kalt den Rücken hinunter. „Also nicht die Haut kreuzweise einschneiden und die Bisswunde aussagen oder sowas?“

Colin musste lachen. „Erstens hilft das nichts und zweitens schmeckt es bestimmt scheußlich.“ Er blickte mich mit diesen warmen braunen Augen an, und mir wurde beinahe schwindelig.

Vorsichtig schob er den Stab unter das Möbelstück und hakte wahrscheinlich die gebogene Spitze um den Leib der Schlange. „Wenn du unbedingt was tun willst, bis der Arzt kommt, dann binde den Arm oder das Bein fest mit einem Stoffband ab. Dann kann sich das Gift nicht im Blutkreislauf ausbreiten.“ Vorsichtig zog Colin, und eine hübsche hellbraune Schlange kam zum Vorschein. Interessiert sah ich zu. Die Hausherrin flüchtete sich aufs Sofa.

„So, das war´s fast“, sagte Colin und griff sich mit der freien Hand den Sack. Seine Bewegungen waren langsam und ruhig, und vielleicht deshalb wirkte die Schlange nicht sehr aufgeregt. Sie drohte uns nicht, sondern streckte nur den Körper, der vom Haken angehoben wurde, und ließ den Kopf von einer Seite auf die andere pendeln. Ihre Schuppen schimmerten in einem hellen Goldbraun.

„Ist sie nicht schön?“ fragte Colin andächtig, und ich nickte, obwohl eine Gänsehaut meine Arme überzog.

Er manövrierte den langen Körper der Braunotter in den Leinwandsack – und in diesem Moment hörte ich, wie die Haustür sich öffnete. Jemand kam herein, und die Pfoten eines Hundes kratzten auf dem Parkett. „Suzanne?“, rief eine Männerstimme, dann schoss ein wuscheliger Mischling aus dem Flur. Er rannte direkt auf uns los, jaulte aufgeregt und sprang an Colin hoch. Ich vergaß zu atmen.

Colin stieß einen Fluch aus. Er kam aus dem Gleichgewicht und musste den leeren Sack fallen lassen, um sich mit einer Hand am Schrank abstützten zu können. Alarmiert richtete die Braunotter, die noch immer über dem Stab hing, sich auf, zischte und stieß den Kopf in Richtung des Hundes. Völlig verdutzt wich der Mischling aus und näherte sich dann mit gesträubtem Nackenfell wieder, um dieses komische längliche Ding zu beschnuppern. Colin versuchte dem Hund den Rücken zuzuwenden und sich auf die Schlange zu konzentrieren.

All das war innerhalb weniger Sekunden geschehen. Ich erwachte aus meiner Schreckstarre. „Raus!“ schrie ich den Mann an, der ins Wohnzimmer trat. Dann packte ich den Mischling am Halsband und zerrte ihn weg von Colin. Zum Glück sah der Mann die Schlange gleich und begriff schnell. Er schnappte sich seinen Hund, drängte ihn aus dem Zimmer und schlug die Tür zu. Seine Gattin hastete zur Terrassentür hinaus.

Wir waren allein mit der gereizten Braunotter. Wenn sie freikam, würde sie alles angreifen, was sich bewegte. Winzige Schweißtropfen hatten sich auf Colins Stirn gebildet. Doch äußerlich schien er völlig ruhig, er ließ der Schlange Zeit, sich wieder abzuregen. Sie versuchte, sich vom Stock herunter zu winden, doch Colin balancierte ihren Körper so, dass sie nicht den Boden berührte.

„Juli – gib mir den Sack“, sagte Colin gepresst, ohne den Blick von der Schlange abzuwenden. Ich näherte mich vorsichtig, hob den Stoffbeutel vom Boden auf und reichte ihn ihm. Doch die Braunotter war zu nervös, um sich verpacken zu lassen. Sie wand sich von einer Seite zur anderen und wich dem Sack aus. Immer wieder versuchte Colin geduldig, ihren Kopf in die Öffnung hineinzumanövrieren. Dann endlich gelang es. Mit einem tiefen Seufzer verzurrte Colin den Stoffbeutel, sodass die Schlange nicht mehr entkommen konnte. Ich atmete aus und sackte in einem der Sessel zusammen.

„So, jetzt hast du gesehen, wie es gemacht wird“, meinte Colin. „Nächstes Mal …“

„Nächstes Mal darf ich es dann machen? Oh, danke.“

Er schaffte schon wieder ein Grinsen. „Nichts zu danken. Wenn du möchtest, kannst du aber zuerst im Wildpark üben. Mit einem etwas harmloseren Tier.“

„Das klingt schon eher nach einer guten Idee.“ Langsam hörten meine Nerven auf zu flattern. Wir blickten uns an, und auf einmal fühlte ich mich ihm sehr nah.

„Hast du Angst gehabt?“, fragte ich ihn.

„Ja“, gab er zu, und ich versuchte ein Lächeln. „Aber warum? Schlangen beißen dich doch nicht.“

„Um mich hatte ich keine Angst“, sagte Colin leise. Er sah mich nicht an, als er es sagte, aber ich wusste, was er meinte. Ich fühlte mein Herz klopfen. Einen Moment schwiegen wir. Dann sagte er: „Okay, lass uns gehen.“

Wir bewegten uns mitsamt unserem Fang in Richtung Haustür; die Braunotter wand sich in ihrem Sack und verstand wahrscheinlich nicht recht, was gerade geschehen war.  „Gott sei Dank, dass wir das Vieh los sind! Sie hat wirklich der Himmel geschickt!“, seufzte die Hausherrin.

„Nicht wirklich der Himmel“, sagte Colin trocken. „Sondern The Ark.“

„Oh! Ja! Natürlich.“ Die Frau trippelte los, um etwas zu holen, und kam mit einem Hundertdollarschein zurück. Seltsamerweise gab sie ihn nicht Colin, sondern mir. Verblüfft bedankte ich mich und stopfte ihn mir in die Tasche. Im Wildpark würde ich die Kohle Noah oder Caroline geben, The Ark konnte sie bestimmt gut gebrauchen.

Colin fiel natürlich auf, dass die Frau nicht ihm das Geld gab. Doch er sagte nichts dazu.

„Sorgt dafür, dass das Vieh bei euch in einen sicheren Käfig kommt!“ schob die Frau hinterher. Wir hatten natürlich nichts dergleichen im Sinn. Ein paar Kilometer weiter ließen wir die Braunotter in einem Waldgebiet frei. Gut gelaunt sah Colin zu, wie die Schlange in einem Gebüsch verschwand. „Die hat bestimmt eine Menge zu erzählen.“

Ich lachte und musterte ihn von der Seite. „Erklär mir mal, wie es sein kann, dass Schlangen dich nicht beißen. Für Goannas jedenfalls gilt das anscheinend nicht!“ Ich deutete auf die rote Bissspur an seiner rechten Hand, die von dem Buntwaran. Er hatte nicht mal ein Pflaster drauf geklebt.

Colin schüttelte den Kopf. „Es ist ein bisschen kompliziert“, versuchte er auszuweichen, während wir zum Wagen zurückgingen.

Jetzt war ich richtig neugierig. „Macht nichts. Wir haben Zeit, oder?“

Er sah amüsiert aus. „Sind Leute aus Deutschland alle so hartnäckig?“

„Nur die Mädchen“, sagte ich mit unschuldigem Blick.

Wir stiegen ein, Colin ließ den Motor an und fuhr den Schotterweg durch den Wald zurück auf die Hauptstraße. Dann schaute er mich von der Seite an; es war ein kritischer Blick, er schätzte mich ein. Schließlich begann er zu reden.

Entstehungsgeschichte von „Ruf der Tiefe“

Von Katja Brandis (gerader Text) und Hans-Peter Ziemek (kursiver Text)

Am Anfang des Projekts stand für mich eine Mail des Beltz & Gelberg-Verlages… die Lektorin hatte meinen Roman „Der Verrat der Feuer-Gilde“ gelesen und da er ihr sehr gut gefallen hatte, wollte sie mal anfragen, ob ich nicht mal etwas für sie hätte. Wir sprachen über ein paar Projekte, und schließlich fragte sie mich, ob ich mir etwas zum Thema Ozeane ausdenken könnte, gerne mit fantastischen Elementen und in der nahen Zukunft spielend. Na klar doch. Das Thema Meer reizte mich, da ich seit vielen Jahren tauche und mir die Ozeane sehr am Herzen liegen.
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Zusätzliche Szenen (Achtung, Spoiler!)

Nach dem Unfall bei der HotPower-Bohrung kann Leon sich retten. Doch seine Welt ist aus den Fugen geraten, und auch die von Billie und Julian. Billie weiß nicht, dass ihr der schlimmste Schock erst noch bevorsteht… und dass zwischen ihr und Julian noch einiges geschehen wird, als sie sich später wiedersehen…
Diese Szenen habe ich im Italien-Urlaub geschrieben. Ich las gerade die Druckfahnen von „Ruf der Tiefe“ und hatte auf einmal Lust, in die Welt des Romans zurückzukehren. Und mir vorzustellen, wie es Leon, Lucy und den anderen dem Ende des Romans ergeht. Dies hier ist die ungekürzte Langfassung.

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Der Elefanten-Tempel

Ab 12/All Age, 228 Seiten, E-Book 2,99 Euro, TB-Ausgabe erhältlich bei Amazon für 8,99 Euro.

Ricardas größter Wunsch geht in Erfüllung: Gemeinsam mit ihrer Freundin Sofia reist sie nach Thailand, um in einer Elefanten-Zuflucht mitzuarbeiten. Doch als die schüchterne Ricarda sich in den jungen Mahout Nuan verliebt, geraten sie und Sofia heftig aneinander. Und so verrät Ricarda ihrer Freundin nicht, was sie herausgefunden hat: Die misshandelte Elefantin Laona verlässt jede Nacht heimlich das Gelände und wandert zu einem Tempel. Gemeinsam mit Nuan versucht Ricarda das Rätsel zu lösen…

elefantentempel

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Leseprobe aus „Der Elefanten-Tempel“

Aus dem 4. Kapitel „Stolz“

Ricarda glotzte in eine Porzellanschüssel, die vor ihr stand. Ein dicker weißer Brei war darin, und irgendwelche dunklen Stückchen schwammen dicht unter der Oberfläche.
„Probier du zuerst“, flüsterte sie Sofia zu.
„Nein, du“, zischte Sofia zurück und schenkte Gulap, Ruangs Ehefrau, die sie erwartungsvoll beobachtete, ein breites Lächeln. Gulap lächelte zurück und nickte ermutigend. „Mach schon. Sonst werden wir nie wieder zum Frühstück ins Haupthaus gebeten.
„Na gut.“ Ricarda schob sich die Löffelspitze vorsichtig zwischen die Lippen und wartete ab, bis der Geschmack auf ihrer Zunge angekommen war. „Salzig. Reisbrei, glaube ich. Und das Braune ist irgendein Fleisch.“ Leseprobe aus „Der Elefanten-Tempel“ weiterlesen

Leseprobe aus „Gepardensommer“

Aus dem 2. Kapitel
Die Katzen von Otjiwarongo

Nein, die Geparden verstanden kein Deutsch. Aber dafür Englisch. Und das war gut so, sonst hätte ich sie an meinem ersten Tag auf Ounene eúlu vielleicht gar nicht zu Gesicht bekommen.
„Come heeeeere, come heeeere“, sang die junge schwarze Helferin, sie hieß Dessie Amathila, wenn ich es richtig verstanden hatte. Ich ließ den Blick gespannt über das gelbbraune Gras schweifen, über die niedrigen, knorrigen Bäume, die hier und da aufragten, über die Pfotenspuren im rötlichbraunen Sand auf der anderen Seite des Maschendrahts. Das Gepardengehege vor dem wir standen, war so groß, dass man den Zaun auf der anderen Seite nicht sehen konnte. Herrlich viel Platz für Katzen, die in Freiheit den ganzen Tag herumstreifen, rastlose Wanderer auf der Suche nach Beute. Aber was war, wenn sie sich den ganzen Tag irgendwo auf der anderen Seite des Geheges herumtrieben und wir nicht mal ein Schnurrhaar von ihnen zu Gesicht bekamen? Das kannte ich aus dem Wildpark. Da durfte man ein Waldstück bewundern, in dem sich angeblich Wölfe oder Elche herumtrieben, aber zu sehen bekam man sie doch nie. Dann witzelte man, dass sie wahrscheinlich in Urlaub waren, und ging enttäuscht weiter zu den Kamerunschafen.
Das war normalerweise völlig okay. Aber nicht jetzt. Ich war übermüdet, die afrikanische Sonne schälte mir gerade die Haut von der Nasenspitze, die vollen Futterschüsseln in meinen Händen wurden immer schwerer, und ich wollte jetzt sofort einen Geparden sehen. Oder noch besser, gleich mehrere.

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