Outtake 2 aus Der Ruf des Smaragdgartens

Ich wollte zeigen, wie es den Halbmenschen nach dem Mord in den Dörfern ergeht – leider musste diese Action-Szene, die mir immer noch gut gefällt, aus Platzgründen raus. Und das, nachdem ich sie x-mal umgeschrieben hatte, um sie spannender zu machen!

Rena trotzt dem Mob

Ein Schluck, um ihre staubige Kehle anzufeuchten, dann weiter, Richtung Lixantha. Nach Norden, immer weiter nach Norden. Sie wusste, dass Spione der Regentin ihr auf den Fersen waren, ihr folgten und sich dabei nicht einmal bemühten, unauffällig zu erscheinen. Sollten sie doch. Feindselig hatten sie sich nie gezeigt. Im Moment waren es zwei Männer der Luft-Gilde, der eine muskulös und mit gepflegten welligen Haaren, der andere ein bisschen kurz geraten und mit der Angewohnheit, sich mit dem Zeigefinger über die Nase zu streichen. Beide trugen Reisekleidung aus dickem, hellbrauen Stoff. Sie folgten Rena im Abstand von zwei Baumlängen – gerade genug, dass Rena sie nicht etwa ansprechen konnte.

Als sie sich am zweiten Tag einem der Dörfer im Norden näherte, stutzte Rena. Schon von weitem hörte sie den Lärm. Den pfeifenden Schrei eines Storchenmenschen, und die Rufe von vielen Menschen. Was da wohl los war? Sie ging schneller. Das klang nach Ärger.

Doch sie kam nicht weit. Eine dichte Menschenmenge versperrte ihr den Blick. Rena drängelte sich durch, so weit es ging. Sie steckte mitten in einer warmen, atmenden Masse, bekam ab und zu versehentlich einen Ellenbogen ab oder einen Tritt auf die Zehen. Die Luft war schal und stickig vom Atem der vielen Menschen. Rena wurde an eine dicke Frau gedruckt, die nach Schweiss und Essen roch, und musste das Gesicht wegdrehen, damit ihr die Haare einer anderen Frau nicht ins Gesicht hingen. Neben ihr ging es einem jungen Mann mit kurzen blonden Haaren genauso. Er rümpfte die Nase und lächelte Rena zu. Leidensgenossen.

Als Rena endlich einen Blick auf den Dorfplatz erhaschen konnte und sah, wer dort im Mittelpunkt stand, wurde ihr ganz kalt. Ein Storchenmensch. Anscheinend hatte er es nicht rechtzeitig geschafft zu fliehen. Er sah schon übel aus. Jemand hatte ihm ein paar Federn ausgerissen, und er hinkte. Die zarten hohlen Knochen gingen schnell kaputt, einmal zu fest zuzudrücken reichte. Hoffentlich konnte er überhaupt noch fliegen. Ein hochgewachsener Mann mit einem dichten sonnengebleichten Bart war der Wortführer. Er hatte den Storchenmenschen fest am Arm gepackt, wohl damit er nicht davonfliegen konnte. Wütend schüttelte er sein Opfer. „Ihr habt euch gegen uns verschworen. Ihr wolltet das Dorf überfallen, das wolltet ihr doch? Ihr tötet Menschen, seit neustem tut ihr das! Was habt ihr vor?“

Es war offensichtlich, dass der Storchenmensch kein Daresi sprach. Er konnte sich nicht mal verteidigen. Nur Rena, die seit ihrem Erlebnis mit der Quelle die Sprache aller Halbmenschen verstand, wusste, was er gerade sagte. Es klang wie ein alter Fluch. „Verrückt seid ihr, alle! Möge der Wind euch hinwegfegen und eure Nester zerblasen!“

Vielleicht ist es ganz gut, dass niemand weiss, was er von sich gibt, dachte Rena mit einer Grimasse. Sie fühlte sich furchtbar hilflos. Es waren ein paar hundert Menschen, die sich hier versammelt hatten. Das ganze Dorf war hier. Es roch nach Wut. Gegen so viele Leute hatte sie keine Chance. Wenn sie wagte, sich einzumischen, war sie in der aufgeheizten Stimmung vielleicht als nächste dran.

Zwei, drei andere Burschen und eine gehässig aussehende Frau hatten sich in die Handgreiflichkeiten eingemischt. Ein Schlag warf den Storchenmenschen zu Boden. Gierig drängte die Menge nach vorne, um besser zu sehen, um mitzumachen. Rena kämpfte gegen die Versuchung an, sich zwischen die Körper zu ducken, die sie von allen Seiten schoben und drückten. Die Augen zu schließen, nicht mehr hinzusehen. Wegzugehen. Doch das ging nicht. Sie wurde mitgezogen, die Menschenmasse drängte sie nach vorne. Wieder wurde Rena gegen den weichen Körper der fetten Frau gedrückt, der Schweissgestank war unerträglich. Und jeden Moment würde der Mob, dessen Teil sie nun war, den Storchenmenschen in Stücke reissen.

Es gibt nur eine Möglichkeit – ich muss sie ablenken, dachte Rena verzweifelt. Ich schaffe es schon irgendwie, mich da wieder rauszuwinden – jedenfalls besser als er. Aber es wird nur funktionieren, wenn er noch fliegen kann. Sonst sind wir beide hinüber.

„Ja, macht ihn fertig!“ brüllte Rena in unechter Begeisterung. „Beim Erdgeist, das wird sie lehren, die Vollmenschen in Ruhe zu lassen.“

Beim Erdgeist?! Ein Ruck ging durch die Menge. Wie konnte diese Fremde es wagen, so etwas in einem Dorf der Luft-Gilde in den Mund zu nehmen?

Die fette Frau drehte sich um, jetzt sah Rena sie zum ersten Mal von vorne. Ihr feuchtglänzendes Gesicht war hasserfüllt. Aber auch der junge blonde Mann, der ihr vorhin zugelächelt hatte, blickte sie auf einmal fast angeekelt an. Sein Blick tat Rena weh. Sie musste sich zwingen, es noch einmal zu tun. „Für Alaak!“ jubelte sie heiser. „Tun wir´s für Alaak!“

Oh, das gefiel ihnen. In Nerada hatte man nicht die Absicht, irgend etwas für eine andere Provinz zu tun. Und wer war diese Fremde eigentlich?

„Gebt´s ihm!“ rief Rena.

Ein unwilliges Murren stieg aus der Menge auf. Jetzt hatten sie den Storchenmenschen schon fast alle vergessen. Die meisten Gesichter waren ihr zugewandt. Rena entschied, dass es jetzt reichte. Mehr konnte sie nicht riskieren. Sie lauschte, ob sie schon das Brausen grosser Schwingen hörte. Nein. Nichts. Flieg schon weg, du verdammter Kerl!

„Was willst du hier, Blattfresserin?“ schrie jemand sie an. „Scher dich fort aus unserem Dorf!“

Aus dem Augenwinkel sah Rena, wie der Storchenmensch sich ein Stück weiter weg schleppte, wahrscheinlich um Platz zum Abheben zu haben.

„Blattfresserin!“

Hände griffen nach ihr, Rena fühlte, wie sie sich in ihre Tunika krallten. Die fette Frau spitzte den Mund und spuckte sie an. Schnell drehte Rena das Gesicht weg. Der Blob traf den Kragen ihrer Tunika und tropfte von dort zu Boden. Eine Faust zischte auf ihr Gesicht zu, streifte ihre Wange und ließ einen dumpfen Schmerz zurück. Schockiert sah Rena, dass es der junge blonde Mann gewesen war, der sie angegriffen hatte. Und jetzt holte er schon wieder aus! Selbst wenn sie jetzt ihr Schwert zog, würde das nichts mehr ändern.

Aber was war mit den beiden Kerlen der Regentin? Sie wussten, wer Rena war, konnten helfen! Rena sah sich nach ihnen um, so gut es ging, und entdeckte sie am Rande der Menge. Sie beobachteten interessiert, was vorging. Der kleinere rieb sich mal wieder aufgeregt die Nase. Aber sie dachten gar nicht daran, sich einzumischen, und wichen Renas Blick aus. Ihre Aufgabe war, zu beobachten. Mehr nicht.

Überall Hände, rauhe Hände schubsten Rena von rechts nach links. Nicht hinfallen, hämmerte es in ihr, bloß nicht hinfallen. Dann ist es vorbei, dann treten sie nach, dann hält nichts sie mehr auf…

Ein Rauschen über ihrem Kopf. Jemand packte sie am Kragen. Von oben! Der Stoff spannte sich zum Zerreissen. Ihre Füsse verließen den Boden, baumelten plötzlich über der Menge. Aufgewirbelte Staubwolken über dem Boden. Kaum zwei Armlängen über den Köpfen der Menschen entschwebte Rena.

Der Storchenmensch brachte sie nicht weit. Tief strich er über das Grasmeer hinweg, änderte ein paarmal die Richtung, damit die Dörfler sie aus den Augen verloren, und setzte sie dann auf einem Weg ab. Er atmete schwer. Sein schmales Gesicht war schweissüberströmt. Anscheinend hatte er für die Rettung seine letzten Kräfte eingesetzt.

„Das war ziemlich dumm von dir, dumm war es“, sagte er in seiner Sprache.

Rena hob die Augenbrauen. Woher wusste er, dass sie ihn verstand?

„Ich weiss, wer du bist, natürlich weiss ich es“, nahm der Halbmensch ihre Frage vorweg. „Du bist Rena. Die Frau der tausend Zungen.“

„Na ja, wenigstens hat einer mich erkannt“, sagte Rena. Sie sprach Daresi. Sie konnte nicht anders. Obwohl sie die Halbmenschen verstand, konnte sie mit ihrem menschlichen Mund keine Fauch- oder Pfeiflaute von sich geben.

Der Storchenmensch begriff trotzdem, wovon sie redete. Also konnte er doch Daresi. „Los muss ich jetzt, los.“

Er dankte ihr nicht. Warum auch? Sie waren quitt.

„Ich auch, glaube ich“, sagte Rena. Sie hörte an den rauen, wütenden Stimmen, den Schreien und Flüchen, dass die Dörfler ihnen auf den Fersen waren. „Mach´s gut und halt dich von den Dörfern fern. Fliegst du jetzt auch nach Lixantha, wie die anderen?“

„Einen Versuch ist es wert, einen Versuch. Ich weiss nicht, ob ich es schaffen kann.“ Traurig strich der Storchenmensch über sein beschädigtes Gefieder und zeigte ihr eine alte Narbe am Arm. Er war verkrüppelt, deswegen hatten ihn seine Sippe wohl zurücklassen müssen.

Bevor sie ihm erzählen konnte, dass sie das gleiche Ziel hatte, streckte er die Arme aus, nahm Anlauf und stieg in den Himmel über dem Grasmeer auf.