Outtake 3 aus Der Verrat der Feuer-Gilde

Diese Szene – ein Duell zwischen Alix und Rowan – gefiel mir zwar ziemlich gut, aber mehrere Testleser und mein erster Lektor monierten sie und meinten, Alix und Rowan sollten sich lieber allmählich aneinander gewöhnen und schätzen lernen. Also flog das Duell aus dem Roman.

Feuer und Wind

Alix sprang auf und ließ das kalte Feuer herunterbrennen, als sie Rena und Rowan aus dem See auftauchen sah, gefolgt von noch zwei anderen Menschen und einer ganzen Schar von krötenähnlichen Wesen. Sie öffnete den Mund, aber kein Ton kam heraus. Rena umarmte sie und durchnäßte sie dabei völlig. „Ich komme gerade aus der Residenz des Gildenrates!“

Alix begriff sofort. „Der See…?“

„Genau, der See.“

Alix wandte sich Rowan zu, dessen Augen noch ein bisschen glasig wirkten, und legte ihm spontan eine Hand auf die Schulter. „Gute Arbeit“, sagte sie, und in ihrer Stimme waren weder Spott noch Nadeln. „Ohne dich hätten wir uns in die falsche Richtung schicken lassen und wären glatt an der Residenz vorbeigereist.“

„Das ist wohl wahr“, sagte Rowan, grinste schwach und zupfte an seinem blauen Halstuch. „Jetzt haben wir endlich Gelegenheit zu diesem Duell.“

Es durchfuhr Rena wie ein Blitzstrahl. Über die Aufregungen der letzten Tage hatte sie den Kampf völlig vergessen – doch offensichtlich war es den Beteiligten nicht so gegangen. Dem Ritual konnte man nicht entgehen, ohne seine Ehre zu verlieren. Sobald die Herausforderung gesprochen war, musste sie durchgeführt werden – bis zum bitteren Ende.

Alix betrachtete den jungen Händler besorgt. „Ruh dich erstmal ein paar Tage aus, dann ist noch Zeit genug dafür. Mit einem verletzten Gegner kämpfe ich nicht.“

Jetzt erst wandte sie sich den beiden anderen Menschen zu – die Wachen hatten sich lautlos wieder in den See zurückgezogen, offensichtlich froh, dass sich die gefährliche Zauberin nicht mehr für sie interessierte. Höflich begrüßte Alix die zarte blonde Cara, dann wandte sie sich dem Mann von der Wasser-Gilde zu und musterte ihn mit durchdringendem Blick.

„Friede den Gilden, schöne Frau“, sagte Dagua fröhlich und verbeugte sich vor Alix, die ihn plötzlich erkannte und sich das Lachen verbeißen musste. „Ich habe eine Nachricht für euch alle, meine Freunde. Der Gildenrat möchte auch, dass die Fehden aufhören und die Regentin einen Dämpfer bekommt. Eine Delegation kann er nicht entbehren, aber dafür habt ihr jetzt mich – ich würde gerne mit euch reisen und in der Felsenburg für den Frieden verhandeln.“

„Das ist eine sehr erfreuliche Mitteilung, O Meister des nassen Elements“, konterte Alix und verbeugte sich mit ebensoviel Schwung. Da wußte Rena, dass sie sich um diese beiden keine Sorgen zu machen brauchte: Feuer und Wasser verstanden sich blendend.

Drei Tage lang lagerten sie am Ufer des Sees. Rowan hatte seinen Pfadfinder zur Residenz der Luft-Gilde geschickt und eine Eskorte angefordert. Zurück kam erst einmal ein kleiner brauner Vogel, der sich sofort auf Caras Schulter hockte wie dort angewachsen. „Jetzt kann ich mich schon mal auf den Weg machen“, sagte sie. „Wie kann ich euch nur danken? Okam und ich stehen in eurer Schuld.“

„Richte ihm einfach einen schönen Gruß aus“, sagte Rena.

„Das werde ich tun!“ sagte Cara, verabschiedete sich und machte sich auf den Weg.

Rowan erholte sich schnell, und als sie am dritten Tag zu Abend aßen – ein großer gebratener Fisch, ein Geschenk des Gildenrates – schnitt er das Thema Duell wieder an. „Wie wär´s mit morgen?“

„Ist mir recht“, sagte Alix. „Gehen wir auf eine der großen Inseln, an denen wir auf dem Weg hierher vorbeigekommen sind. Da haben wir genug Platz und richten keinen allzu großen Schaden an.“

„Blattfäule und Wurzelfraß! Könnt ihr die Herausforderung nicht zurücknehmen?“, schrie Rena verzweifelt, obwohl sie selbst wußte, dass das nicht ging. „Wir brauchen euch beide! Sollen Dagua und ich etwa alleine weiterziehen?“

Sie bekam keine Antwort.

Die Sonne war gerade aufgegangen, als Rowan und Alix sich im Abstand von einer halben Baumlänge gegenüberstellten. Ihre Schritte knirschten auf dem feuchten Ufersand, und es war noch so kühl, dass sich ihr Atem zu kleinen Wolken verdichtete. Rena umarmte beide Gegner, aber Erfolg mochte sie keinem wünschen. „Sei vorsichtig“, flüsterte sie Alix und danach Rowan zu und spürte, wie ihre Kehle eng würde bei dem Gedanken, einer von ihnen könnte das Duell nicht überleben.

Rowans Gesicht war blass, als er sich den Pfadfinder von der Schulter nahm und ihm befahl, zu Rena hinüberzuhüpfen. „Paß auf ihn auf, ja?“

„Mach ich“, sagte Rena und wandte sich ab, weil ihre Mundwinkel verräterisch zuckten. Sie, Cara und der Mann der Wasser-Gilde zogen sich auf eine kleine Nachbarinsel zurück, dann gab Dagua das Signal. „Los!“

Einen Moment lang standen die beiden Menschen sich gegenüber. Jeder wartete, dass der andere den Anfang machte und sich eine Blöße gab. Dann bewegte Alix die Lippen, und es flackerte vor Rowans Füßen auf. Hastig sprang Rowan zurück, und im gleichen Moment begann ein starker Wind auf die kleine Insel einzupeitschen. Die Flammen wurden ausgeweht und hinterließen nur einen kleinen verbrannten Fleck an Rowans Hosenbeinen. Statt dessen steigerte sich der Wind, wurde zum Sturm. Kieselsteine und Holzstücke wurden in Alix´ Richtung geschleudert, und die Schmiedin musste fluchend das Gesicht mit den Armen schützen. Ihre kupferfarbenen Haare flatterten beinahe waagrecht. Ein großes Holzstück traf sie am Bein, und Rena zuckte zusammen bei dem Gedanken, wie weh das getan haben musste. Doch schon fraß sich ein neues Feuer auf Rowan zu – ein Feuer, das vom Wind nur angefacht wurde, die Flammen leckten schon an dem Gestrüpp hinter Rowan hoch.

Rowan ließ den Wind drehen, so dass die Flammen von ihm weggetrieben wurden – aber jetzt hatte auch Alix Ruhe vor dem Wind. Diesen Moment nutzte Alix, um mit einer knappen Formel ein neues Feuer zu legen. Rena schrie auf, als sie sah, dass die Flammen Rowan einen Moment lang einhüllten. Wie durch ein Wunder erschien er nach ein paar Atemzügen wieder, er war durch den lodernden Vorhang gesprungen und rollte sich auf dem Sand hin und her, um seine brennende Kleidung zu löschen. Dann stand er wieder auf den Füßen, und der Wind wurde zum Orkan. Alix stemmte sich gegen den Wind, aber sie hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Rena sah, wie sie zu Boden geschleudert wurde.

Im gleichen Moment, als Alix´ Konzentration nachließ, verebbte das Feuer, aber der Orkan fächelte ihm neuen Sauerstoff zu, und mit frischer Kraft leckte es wieder gen Himmel. Die Flammen hatten jetzt fast die halbe Insel erfaßt, sie hatten ein Eigenleben begonnen. Funken wurden über den Sand gepeitscht, Kieselsteine flogen umher wie Geschosse, und der Rauch nahm ihnen die Sicht.

Dagua hatte das Gefecht mit zusammengepreßten Lippen beobachtet. Jetzt kam Leben in ihm. „Kannst du sie noch sehen? Ich nicht mehr.“

„Ich auch“, stöhnte Rena. „Ich glaube, Alix hat die Kontrolle über das Feuer verloren. Vielleicht sind sie schon tot!“

„Ich glaube nicht“, sagte Dagua. „Sonst wären die Flammen und der Wind mit ihnen gestorben. Aber ich finde, das reicht erstmal.“

Jenseits der Insel baute sich plötzlich eine silberne Wand auf. Rena sah, dass es eine baumhohe Welle war.

„Willst du vielleicht noch ein Erdbeben dazugeben?“ schlug Dagua höflich vor. „Wirkt auch recht rasch, wenn auch nicht ohne Nebenwirkungen.“

„Ich habe noch nicht gelernt, wie das geht…“

„Festhalten!“ sagte Dagua, und dann schwappte die Welle über die Insel.

Von einem Moment auf den anderen verwandelte sich der Großbrand in ein nasses Häuflein Asche, und der Wind fiel im gleichen Moment in sich zusammen. Zum Vorschein kamen zwei verdutzt wirkende, tropfende Gestalten mit geschwärzten Gesichtern, die auf den ersten Blick nicht leicht zu unterscheiden waren. Ganz langsam rappelten sie sich auf.

„Rostfraß und Asche, was war das?“ rief eine von ihnen und begann, auf Dagua und Rena zuzuhinken.

„Ich hatte beinahe gewonnen“, schrie die andere.

Dagua verschränkte die Arme. In seinen Augenwinkeln saß ein verschmitztes Lächeln, aber seine Stimme klang streng. „Kleine Unterbrechung. Ihr könnt gleich weitermachen, wenn ihr wollt. Aber dürfte ich zunächst mal fragen, warum bei allen Geistern ihr euch überhaupt duelliert? Es sieht doch ein Blinder, dass ihr euch eigentlich mögt.“

„Ich will verdammt sein, wenn ich´s noch weiß“, sagte die eine Gestalt, die mit dem langen Haar, das aber um eine halbe Fingerlänge abgesengt worden war. „Wir haben uns herausgefordert. Aber warum eigentlich? Ich glaube, es gab da mal einen Streit ums Essen…“

„Sowas in der Art“, sagte die andere Gestalt, die ein Halstuch trug, das einmal blau gewesen sein konnte. „Ziemlich dämlich.“ „Warum beim Feuergeist hast du dann darauf bestanden, dass wir diese ganze Schau hier abziehen, Rowan? Ich hatte schon längst beschlossen, die ganze Sache auf sich beruhen zu lassen! Ich hätte sie nicht wieder erwähnt.“

„Aber das Ritual!“

„Ach Scheiße, diese verdammte Ehre und diese Rituale, die können einen wirklich was kosten“, sagte die eine Gestalt, hielt sich ihr Bein und ließ sich auf den Ufersand fallen. „Du hast mir ganz schön zugesetzt mit deinem Wind. Ich habe überall blaue Flecken.“

„Du mir aber auch mit dem ganzen Gezündel, meine Sachen sind völlig ruiniert“, sagte die andere Gestalt, und dann blitzten in zwei Gesichtern weiße Zähne auf, als sich Alix und Rowan angrinsten.