Outtake 2 aus Der Verrat der Feuer-Gilde

Auf der Flucht vor der Regentin wird Rena gefangengenommen und als Sklavin verkauft. Ersteigert wird sie von einer freien Söldnerin mit grünen Raubvogelaugen: Alix.
Ich entschied mich, diesen gesamten Handlungsverlauf aufzugeben, da von den anderen Autoren die berechtigte Kritik kam, dass Rena zu passiv sei. Sie flieht, wird verkauft… aber hat keine eigenen brennenden Ziele. Also: Zwanzig Seiten in den Papierkorb und nochmal von vorne. Hier ist die ursprüngliche Szene!

Rena wird als Sklavin verkauft

Schließlich waren sie an ihrem vorläufigen Ziel, einem großen Haus aus Grasmatten, angekommen. Der Grauhaarige kettete Rena an einen Ring in der Hauswand, stellte ihr einen Becher Wasser hin und überließ sie sich selbst. Endlich war sie allein!

Sobald der Händler außer Sicht war, trat Rena in Aktion, prüfte wie dick die Hauswand und wie stabil die Kette war. Diese Grashäuser hielten bestimmt nicht viel aus… Nervös sah sie sich um, aber der Alte war immer noch außer Sicht. Rena duckte sich, sammelte ihre Kräfte zum Sprung, und warf sich dann mit aller Kraft nach vorne. Etwas knirschte, aber es war nicht die Wand gewesen, sondern ihre Gelenke. Passanten wandten sich erstaunt um. Aber niemand schien sich Sorgen darüber zu machen, dass ihr die Flucht gelingen könnte.

Nach einer halben Stunde wußte Rena auch warum. Diese Graswände sahen zwar aus, als würden sie beim ersten Windstoß umfallen, aber sie hatten trotz Renas Bemühungen noch keinen Fingerbreit nachgegeben, und auch die Kette hielt.

Schließlich konnte Rena nicht mehr. Erschöpft und niedergeschlagen kauerte sie sich in eine Mauernische, umschlang die Beine mit den Armen und beobachtete die Leute, die auf der Straße vorbeigingen. Es waren viele Angehörige der Luft-Gilde, die hier auf ihren Handelsreisen Rast machten, Waren tauschten oder neue Güter einkauften. Ein kurzer Blick auf ihr Armband, dann wandten sich die Augen schon desinteressiert ab. Es war wie in der schlimmsten Zeit ihrer Kindheit – sie war wieder unsichtbar, sie war ein Nichts, wurde einfach nicht wahrgenommen. Wen interessierte es schon, was sie fühlte? Jetzt würde sie ein Jahr lang der Fußabstreifer irgendeiner vornehmen Händlertochter oder eine billige Arbeitskraft auf den Feldern sein – wenn sie Glück hatte. Was geschehen konnte, wenn sie mit ihrem neuen Besitzer kein Glück hatte, das stellte sie sich lieber gar nicht erst vor.

„He, du da!“ Ein hochgewachsener Mann mit einem hageren, wettergegerbten Gesicht und den Insignien der Luft-Gilde schlenderte heran und stieß sie mit der Stiefelspitze an. Er musterte sie von oben bis unten. „Bist du zu verkaufen?“

Rena blickte hoch und bekam einen Blick aus kühlen blauen Augen ab, unter dem sie sich etwa eine Handlänge groß fühlte. „Nein“, flüsterte sie.

„Ach was, lüg nicht, du hast doch ein Armband ohne Besitzergravierung.“

Rena ließ die Hand mit dem Metallband in der Tasche verschwinden. Der Händler blickte feindselig drein und ging davon. Rena atmete auf. Hoffentlich ist der bei der Auktion nicht dabei, dachte sie. Aber sie wußte, dass er wohl doch kommen würde – und seiner reichverzierten Kleidung nach zu urteilen hatte er auch genügend Geld, um alle anderen Interessenten zu überbieten, wenn er wirklich ein Auge auf Rena geworfen hatte. Bloß das nicht! dachte Rena mit einem schnellen Stoßgebet. Beim Erdgeist, nur das nicht!

Es war unbequem in der Mauernische, und Rena musste die Augen zusammenkneifen, um die gleißende Sonne ertragen zukönnen. Dann berührte eine Hand sie am Arm, und sie schrak auf.

„Friede den Gilden, Mädchen“, sagte eine Stimme. Rena öffnete die Augen einen Spalt weit und antwortete ganz automatisch: „…. und Wohlstand ganz Daresh.“

Sie sah eine alte Frau vor sich stehen, die ein langes, erdfarbenes Gewand trug. Obwohl sie ernst dreinblickte, sah Rena doch die Lachfalten um ihre Augen und vertraute ihr auf Anhieb. „Du bist heute noch dran, nicht wahr? Ich komme mit dem Haushalt nicht mehr zurecht, weißt du, und bräuchte ein bißchen Hilfe mit den Kindern. Ist es dir nicht zu heiß in der Sonne?“

„Doch“, sagte Rena, etwas verwirrt von dem schnellen Themawechsel.

„Da, du kannst meinen alten Hut haben, ich will mir heute auf dem Markt einen neuen kaufen.“

Dankbar nahm Rena den Hut und zog ihn tief über die Ohren.

„Wenn du nicht zu teuer wirst, würde ich dich vielleicht ins Haus nehmen“, sagte die Frau und sah sie freundlich-abschätzend an. „Kannst du mit Kindern umgehen?“

Rena nickte eifrig. Sie ahnte, dass das Jahr bei dieser Frau nicht schwer werden würde.

„Und vermitteln…?“

„Natürlich!“

Die alte Frau zog die Stirn in Falten. „Schade, dann bist du bestimmt zu teuer. Na ja, sehen wir mal… bis dann!“

„Bis bald“, sagte Rena, und das Herz war ihr schwer.

Eine Stunde später kam der Grauhaarige zurück, beäugte mißtrauisch ihren neuen Hut, nahm ihn ihr aber nicht ab. Er gab ihr eine Handvoll Nüsse, aber obwohl Rena der Magen knurrte, war sie so aufgeregt, dass sie sich nur mit Müh und Not herunterwürgen konnte. Der Grauhaarige hatte eine Gruppe von anderen Sklaven mitgebracht und bedeutete Rena mit einer Handbewegung, sich zu ihnen zu gesellen. Alle waren älter als sie. Da es verboten war, untereinander zu sprechen, tauschten sie nur Blicke.

„Wasch dich, kämm dir die Haare“, befahl ihr der Grauhaarige, und so wußte Rena, dass es bald zum Markt gehen würde. Rena tat so, als hätte sie den Befehl nicht gehört. Sie hätte sich gerne den Staub der langen Reise abgewaschen, aber sie wollte keinen zu guten Eindruck machen – es war wichtig, dass sie nicht zu teuer wurde, sonst konnte die nette Frau von vorhin sie nicht kaufen.

Der Markt bestand aus einem großen Platz aus festgestampfter Erde mit einem länglichen Hügel in der Mitte. Rena beobachtete, wie ein Sklave nach dem anderen auf die Tribüne geführt wurde. Inzwischen hatte sich eine gut fünfzigköpfige Menge versammelt, die jedes neue Angebot aufmerksam in Augenschein nahm. Zu Anfang wurde eher schleppend geboten, obwohl der Auktionator sich so anstrengte, dass sich seine Stimme fast überschlug. Aber nach einer halben Stunde kam die Auktion allmählich in Schwung, die Gebote folgten Schlag auf Schlag. Ein kräftiger Mann ging für 1000 Tarba weg, eine Frau für 1300. Mit gesenktem Kopf und leerem Blick nahmen die meisten Sklaven es hin, dass das Band um ihr Handgelenk sie ein Jahr lang zur Zwangsarbeit verdammte. Rena ahnte, dass die meisten ebenfalls Abtrünnige waren, die mit ihrer Gilde im Streit lagen.

Rena hatte die Nummer 36 bekommen. Ihr Herz hämmerte, als Nummer um Nummer aufgerufen wurde. Ganz plötzlich war es dann soweit, mit einem groben Schubs wurde sie auf den Erdhügel hinaufgestoßen. Rena fand sich im Brennpunkt von vielen Blicken wieder. „Ein vierzehnjähriges Mädchen, ganz gesund, für Arbeit im Haus und auf dem Feld geeignet, für 500 Tarba ein echtes Angebot“, hörte sie die Stimme des Auktionators.

Sie ließ die Augen über die Menge schweifen, suchte voller Hoffnung nach dem gütigen Gesicht der alten Frau – und blickte statt dessen direkt in die kühlen blauen Augen des Mannes, der ihr am Vormittag den Tritt gegeben hatte. Zu allem Überfluß hob er auch noch die Hand, um zu bieten! Auch noch zwei, drei andere Händler boten für sie, und ein paar Atemzüge lang sah es nach einem Unentschieden zwischen einem Händler aus der Darinian-Region und dem Mann mit dem hageren Gesicht aus. Aber als 700 Tarba erreicht waren, wurden die anderen Interessenten nach und nach still und überließen dem Mann mit dem hageren Gesicht das Feld. Als Rena das Schweigen nach dem letzten Gebot – 750 Tarba – hörte, war ihr übel. Instinktiv schrie sie auf: „Nein!“

Der Auktionator sah sie strafend an, aber Rena achtete gar nicht darauf. Auch als der Grauhaarige sich zu ihr durchdrängte und sie am Arm packte, hatte das nicht den gewünschten Effekt. Ihr war alles egal geworden. Nur nicht an den Mann mit dem harten Gesicht verkauft werden! Sie schüttelte die Hand ab und schlug blindlings um sich. Sie fühlte, wie ihr Ellenbogen eine weiche Masse traf, und hörte den Auktionator empört aufschreien. Eine Welle der Heiterkeit lief durch die Menge. „Du kleines Biest!“ zischte der Grauhaarige. „Halt still, beim Nordwind!“

Gemeinsam mit seinen Leuten brachte der Grauhaarige Rena wieder unter Kontrolle, aber die Gebote waren nun endgültig versiegt. Nicht einmal der Mann mit dem hageren Gesicht bot mehr, obwohl der Auktionator ihn halb fragend, halb bittend anblickte.

„Du wirst schon sehen, was du davon hast“, knurrte der Grauhaarige, als er sie vom Erdhügel zerrte. „Dann bieten wir dich eben heute nachmittag auf dem unabhängigen Markt an.“

Was das bedeutete, erfuhr Rena schon bald . In einer Ecke des Marktes zusammen mit den anderen Sklaven, die als schwer verkäuflich galten, in der brennenden Sonne strammstehen, während der eine oder andere Käufer vorbeiflanierte. Einige musterten auch Rena, aber sobald sie die Unruhestifterin von der Auktion erkannten, verloren sie das Interesse. Der Grauhaarige seufzte. „Wenn das so weitergeht, müssen wir sie für 200 Tarba in die Minen geben“, sagte er zu seinem Gehilfen. „Sie verdient´s auch nicht besser, die kleine Bestie!“

Die Frau, die in diesem Moment vorbeischlenderte, hörte den Kommentar und grinste. „Was soll die kleine Bestie denn jetzt kosten?“

„500 Tarba“, erwiderte der Grauhaarige ohne ein Wimpernzucken.

Eingeschüchtert betrachtete Rena die Frau, die sie nun musterte wie ein Stück Vieh. Sie war hochgewachsen und schlank, hatte lange schwarze Haare, die ihr über den Rücken fielen, und eine gebräunte Haut. Als Rena sich traute, ihr ins Gesicht zu sehen, blickte sie in zwei schräge, grüne Augen, die scharf und schlau dreinblickten. Die Fremde trug ein feines Schuppenhemd aus Metall, das sehr teuer gewesen sein musste, aber dringend hätte poliert werden müssen und an einer Stelle beschädigt war. An ihrem Gürtel hing ein Schwert und ein Dolch in polierten Lederhüllen, deren abgewetzte Ränder verrieten, dass diese Waffen nicht dem Schmuck dienten, sondern oft gebrauchte Alltagswerkzeuge waren. Rena begriff, dass die Frau zu den Waffenschmieden gehörte, dem höchstrangigen Beruf in der Feuer-Gilde.

Mit lässiger Eleganz warf die Frau eine Münze in die Luft und fing sie wieder auf. Der Grauhaarige erkannte ein 200-Tarba-Stück und krümmte diensteifrig den Rücken. Aber in diesem Moment machte die Frau einen Bekannten in der Menge aus und drehte Rena und dem Händler den Rücken zu. „He, Jolie!“

„He, Alix. Was machst du denn hier?“ erwiderte ein Mann in der Kleidung eines Erzsuchers und schlenderte heran.

„Ich kaufe mir eine Dienerin“, sagte die Frau. „Jetzt, wo ich in Geld schwimme, kann ich unmöglich ohne einen Vermittler auskommen. Das würde meinem Stand ja wirklich nicht entsprechen.“

„In Geld schwimmen? Welchen armen Tölpel hast du denn diesmal ausgenommen?“

„Einen besoffenen Kerl von der Wasser-Gilde. Er hatte absolut keine Ahnung vom Kelo. Ich glaube, er hat seinen ganzen Jahresverdienst verspielt und es ist alles in meiner Tasche gelandet.“

Der Mann lachte. „Um dich in Kelo zu schlagen, muss man wirklich früh aufstehen. So, ich muss noch ein Dhatla kaufen. Friede den Gilden!“

„Und Wohlstand ganz Daresh“, erwiderte die Frau und drehte sich wieder dem Grauhaarigen zu. „Du weißt genau, dass du sie für diesen Preis nicht mehr loskriegst, Alter. Nicht, nachdem sie sich auf der Auktion so aufgeführt hat. Wie wär´s mit 300 Tarba?“

Der Grauhaarige blickte betrübt drein. Währenddessen fragte sich Rena mit gemischten Gefühlen, wie es wohl sein würde, Dienerin dieser Frau zu sein. Sie war Rena ein bisschen unheimlich. Dieses Kettenhemd, und dann noch diese Waffen! War sie etwa eine freie Söldnerin, eine Elray? Andererseits war das vielleicht die Chance, auf die sie gewartet hatte – der Feuer-Gilde nahezukommen… und langweilig würde es in ihrem Dienst bestimmt nicht werden. Bitte kauf mich, dachte Rena so intensiv sie konnte. Aber so sehr sie sich auch dazu zu zwingen versuchte, sie konnte der Elray nicht länger als zwei Sekunden lang in die Augen schauen. Diesen Blick aus grünen Falkenaugen hielt sie einfach nicht länger aus.

„Na gut“, sagte der Grauhaarige resigniert. Die Frau nickte und schnippte ihm ein paar München zu. Der Alte versuchte sie aufzufangen, griff daneben, und musste sich mit vor Ärger rotem Gesicht im Staub danach bücken. Inzwischen hatte sein Gehilfe schon eilfertig damit begonnen, das Namenszeichen der Käuferin in Renas Armband einzugravieren. Als er fertig war, winkte die Elray Rena mit einer lässigen Geste zu, sie solle ihr folgen. Etwas eingeschüchtert folgte Rena dem Befehl. Ihre Begeisterung darüber, von einer Elray gekauft worden zu sein, was genau schnell wieder verflogen, wie sie gekommen war. Die Frau hatte nicht einmal nach ihrem Namen gefragt.