Outtake 1 aus Der Verrat der Feuer-Gilde

Diese Szene war der ursprüngliche Anfang des Romans. Doch nach und nach erwies sich, dass diese Version nicht spannend genug war, um die Leser ins Buch „reinzuziehen“. Also schrieb ich den Anfang komplett neu. Hier ist die alte Fassung!

Die Wette

Rena hörte das Gebrüll schon, als sie noch einen guten halben Kilometer vom Dorf entfernt war. Sie erkannte die Stimme des Meisters und konnte sich ohne Mühe vorstellen, wie der Alte jetzt aussah: aufgebläht wie ein Ochsenfrosch, rot im Gesicht vor Anstrengung, den Mund so weit aufgerissen, daß man die fehlenden Zähne ganz hinten sah. Nur leider war es wohl wieder einmal ihretwegen, daß er in diesen Zustand geraten war.

Auf einmal hatte sie es nicht mehr sehr eilig, ins Dorf zu kommen. Aber da sie wußte, daß jede Minute Verzögerung Lautstärke und Strafe steigern würde, beschleunigte sie trotzdem ihr Tempo. Leichtfüßig rannte sie über den federnden Boden des Weißen Waldes von Alaak und spürte die Blätter kühl unter ihren Füßen. Gleich war sie da – hinter der nächsten Wegbiegung lagen schon die ersten Häuser.

Fast ohne einen Seitenblick preschte Rena an dem kleinen Lager von Iltismenschen am Ortsausgang vorbei. Viele Leute hielten die spitzgesichtigen Gesellen für gefährlich, aber in so dichtbesiedeltem Gebiet brauchte man sie nicht zu fürchten. Rena wollte gerade die Schmiede passieren, als ihr plötzlich jemand den Weg vertrat. Um ein Haar wäre sie auf den schwarzgekleideten Mann geprallt, der da auf dem Pfad aufgetaucht war, aber sie konnte gerade noch rechtzeitig bremsen. „Wohin so eilig, junge Dame?“ fragte der Schmied mit einem anzüglichen Lächeln.

„Der Meister wartet auf mich“, erklärte Rena und verlagerte ihr Gewicht unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Ich weiß. Das war ja nicht zu überhören.“

Rena versuchte, einen Haken um die massige Gestalt herum zu schlagen, aber der Schmied trat genau in diesem Moment zur Seite und war ihr wieder im Weg. Unsicher versuchte sie es zur anderen Seite, aber der Schmied war schneller. Bloß weg hier, dachte Rena, machte einen blitzschnellen Ausfall nach links und schoß dann rechts an ihrem Widersacher vorbei.

„He, bleib da!“ schrie der Schmied hinter ihr her. „Den Weg kannst du dir sparen! Dein Meister ist hier! Er wollte dich gerade suchen gehen und kam hier vorbei.“

Wie aufs Stichwort schob sich in diesem Moment eine Rena wohlbekannte feiste Gestalt über die Türschwelle des Hauses. Es war ihr Onkel, bei dem sie seit zwei Jahren in den Künsten ihrer Gilde unterrichtet wurde. „Na endlich!“ donnerte der Meister, als er sie sah. „Was hast du so lange gemacht? Hast du wenigstens einen geeigneten Nachtholz-Baum gefunden?“

„Ja“, erwiderte Rena eingeschüchtert. „Das heißt, ich glaube, daß er richtig wäre. Aber er ist ein ziemliches Stück von hier entfernt, in…“

Der Meister warf ihr einen scharfen Blick zu, und Rena verstummte erschrocken. Einen Moment lang hatte sie beinahe vergessen, daß ein Mitglied einer anderen Gilde zuhörte.

„Kommt erst einmal wieder rein“, brummte der Schmied, der so tat, als hätte er keine Silbe des Gesprächs mitbekommen. Sie betraten den niedrigen Wohnraum. Rena war wieder etwas zu Atem gekommen, aber ihr Puls hatte sich nicht beruhigt. Im Gegenteil. Verstohlen versuchte sie festzustellen, ob sich außer ihnen noch eine andere Person im Wohnraum befand – eine ganz bestimmte Person. Er ist wahrscheinlich drüben, dachte Rena und versuchte sich vorzustellen, wie es in dem spitzen, fensterlosen schwarzen Gebäude aussah, das die eigentliche Schmiede war.

Aber in diesem Moment sah sie ihn auch schon; es war wie ein kleiner elektrischer Schock. Konzentriert über eine Werkbank gebeugt bearbeitete er ein handtellergroßes Stück Metall, und die dunkelbraunen Haare fielen ihm in die Stirn. Er blickte nicht auf, als die beiden Gäste hereinkamen.

Hallo, Jon, dachte Rena. Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Schau jetzt hoch, sieh mich an!

Natürlich dachte Jon nicht daran, hochzuschauen. Was Renas Bruder konnte – Menschen mit seinen Gedanken beeinflussen – das konnte Rena noch lange nicht. Und ihn einfach anzusprechen hätte sie nie gewagt. Warum kann ich nicht wie er zu einer der Feuer-Gilden gehören? dachte sie niedergeschlagen. Unsere Pflanzen sind ja gerade gut genug, um damit sein Schmiedefeuer zu füttern. Da ist es kein Wunder, daß er mich nicht beachtet…

„Seit die neue Regentin von Alaak ernannt worden ist, haben wir kaum eine freie Minute mehr gehabt“, sagte der Schmied. „Ein halbes Jahr geht das jetzt schon so! Bei euch auch so schlimm?“

Einen Moment lang veränderte sich das Gesicht des Meisters, wurde zur haßerfüllten Maske – Rena erschrak beinahe. „Ja, mittlerweile schon, seit ich wieder Hoflieferant bin. Es wäre ja alles nicht so schlimm, wenn meine Lehrlinge wenigstens richtig mithelfen würden. Aber Dorit ist noch nicht sehr lange bei mir, und Rena hier ist fast zu nichts nütze….“

Rena senkte den Kopf und heftete ihren Blick auf den Steinboden. Der Junge an der Werkbank gab kein Zeichen, daß er dem Wortwechsel zuhörte, aber ihm konnte kein einziges demütigendes Wort entgangen sein. „Lauf nach Hause und mach mit dem Colivar-Stab weiter“, sagte der Meister zu Rena. „Gnade uns Gott, wenn wir bis zur Audienz übermorgen nicht alles fertig haben!“

Lässig warf der Meister ihr sein Schnitzmesser zu. Im Reflex streckte Rena den Arm aus, um es aufzufangen – aber als sie die Klinge im Licht aufblitzen sah, verließ sie der Mut, und sie zog die Hand schnell zurück. Mit einem metallischen Ton traf das Werkzeug auf dem Steinboden auf. Kopfschüttelnd wandte sich der Meister ab.

Tränen schossen Rena in die Augen, als sie sich nach dem Schnitzmesser bückte. Sie wagte nicht, zu der Bank in der Ecke hinüberzusehen. Sie hätte es nicht ertragen, wenn auch von dort ein verächtlicher Blick in ihre Richtung gegangen wäre. Warum ging bloß heute, gerade hier, alles schief…?

Ohne sich noch einmal umzusehen lief Rena aus der Schmiede. Ein kühler Wind strich durch die Zweige der Colivar-Bäume, die mit ihrem schneefarbenen Laub dem Weißen Wald seinen Namen gegeben hatten. Rena fröstelte. Aber der Wind trocknete auch ihre Tränen, und langsam wurde sie ruhiger. Auf dem Weg zum Haus ihres Onkels zwang sie sich, ihre düsteren Gedanken in eine entfernte Ecke ihres Gehirns zu drängen: Das hätte gerade noch gefehlt, daß Dorit mich verheult heimkommen sieht!

Auf den ersten Blick hätte man das Haus des Meisters für einen ganz gewöhnlichen, grasüberwachsenen Hügel halten können, Türen und Entlüftungsschächte waren vom Pfad aus praktisch unsichtbar. Rena hätte lieber in einem richtigen Haus aus Stein gewohnt, wie der Schmied eins besaß, aber sie wußte auch, daß sie mit dieser Vorliebe in ihrer Gilde ziemlich allein stand. Als Rena die Werkstatt betrat, zog der andere Lehrling in gespieltem Erstaunen die Augenbraue hoch. „Du warst ja ganz schön lange weg.“

Schweigend zog Rena ihren Umhang aus und warf ihn über einen Pfosten. Sie zog das Tuch von dem Holzblock, an dem sie gerade arbeitete, schloß die Augen und legte die Hände auf das rauhe, weiße Holz. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie sich endlich ganz auf das Material eingestimmt hatte und die schwache Aura spürte, die von ihm ausging. Sie tastete nach einem Werkzeug und begann zu arbeiten.

„Ich freue mich schon auf die Audienz übermorgen“, bemerkte Dorit und schabte gleichgültig an seinem Werkstück herum. Abrupt öffnete Rena die Augen. „Du was -? Aber der Meister wollte doch mich mitnehmen!“

„Vergiß es. Ich habe gehört, wie er zum Verwalter gesagt hat, du hättest nicht genug Mut. Er könne keinen Vermittler gebrauchen, der vor der Regentin womöglich vor lauter Angst zu stottern anfängt.“

„Ich habe sehr wohl genug Mut“, sagte Rena und kämpfte verzweifelt gegen die Tränen an. „Und er weiß, daß ich eine gute Vermittlerin bin!“

„Davon hat man aber bisher nicht gerade viel gemerkt“, spottete Dorit.

In diesem Moment reagierte etwas in Rena. Die Demütigung in der Schmiede, die vielen kleinen Zurechtweisungen in den letzten Tagen – und jetzt das! Eine blinde Wut quoll in ihr hoch. Bevor sie wußte, was sie tat, war sie auf den Füßen und schrie mit aller Kraft: „Ich beweise es dir! Ich beweise es dir! Und dann laß mich endlich in Ruhe, Wurzelfäule und Blattfraß!“

Dorit schwieg erschrocken. Obwohl er sie oft und gerne ärgerte, schien er nun zu merken, daß er zu weit gegangen war.

„Sag mir, was ich tun soll!“ brüllte Rena ihn an. Ihre Augen waren weit aufgerissen und glänzten wild im Licht der Lampe. Obwohl sie zwei Jahre jünger und zehn Zentimeter kleiner war als er, wich Dorit instinktiv einen Schritt zurück.

„Berühr die Quelle“, sagte er vorwitzig.

Ganz plötzlich ernüchtert blickte Rena ihn an; die Wut wich genauso schnell aus ihren Augen, wie sie gekommen war. „Die Quelle? Nein, danke. Ich habe keine Lust, in einen Krötenmenschen oder sowas verwandelt zu werden.“

„Sag bloß, das glaubst du! Das sind doch Ammenmärchen!“

„Na ja, ich weiß nicht. Und was ist mit dem wahren Kern?“

„Sag´s doch gleich, daß du Angst hast. Du machst es doch sowieso nicht.“

„Wenn das dein Vorschlag ist – ich stehe zu meinem Wort!“

Halb verlegen, halb ärgerlich winkte Dorit ab. „Ach, lassen wir doch den Blödsinn. Alles, was für uns dabei herausspringt, ist eine Tracht Prügel, wenn der Meister es herausfindet. Außerdem würdest du es sowieso nicht schaffen. Ich habe gehört, daß die Regentin die Quelle bewachen läßt. Vermutlich hat sie schon genug Krötenmenschen in ihrem Reich.“

Doch Rena wußte, daß es kein Zurück mehr gab. Es war ihr eigentlich gar nicht einmal so wichtig, was Dorit von ihr dachte; und wenn alles klappte, würden ohnehin weder der Meister noch Jon erfahren, was Rena getan hatte. Diejenige, für die sie es tat, war sie selbst. Sie mußte herausfinden, ob sie wirklich Mut hatte. Dann würde es ihr nie mehr etwas ausmachen, wenn ihr Onkel sie anbrüllte. Trotzdem waren ihre Hände eiskalt, als sie sagte: „Wenn der Meister mich zur Audienz mitnimmt, werde ich es tun. Wenn er dich nimmt, dann tu ich´s nicht.“

„In Ordnung“, sagte Dorit. „Er wird dich sowieso nicht mitnehmen, so wie du in den letzten Wochen herumgetrödelt hast.“

Es war schon spät, als der Meister endlich heimkehrte. Seine Augen waren glasig, und er schwankte hin und her wie eine junge Viskarie im Wind. Nach einem kurzen Blick wußten Dorit und Rena, daß ihr Meister es wieder einmal geschafft hatte, einen widerstrebenden Gastgeber zu überreden, ihn mit Beljas zu bewirten. „Wie weit seid ihr gekommen?“ knurrte er.

Schweigend zeigte ihm Rena den fast vollendeten Colivar-Stab. Seine frisch polierte Oberfläche hatte einen herrlichen weichen Glanz, und der Meister nickte zufrieden. Er strich ihr kurz über die glatten braunen Haare, nahm eine gekochte Rezari-Frucht aus der Tasche und schob sie ihr zu. „Na also, dann wäre wenigstens das geschafft. Gleich bei Sonnenaufgang gehen wir in den Wald und holen das Nachtholz.“

Verkrampft vor Aufregung warteten die beiden Lehrlinge, ob er noch etwas über die Audienz sagen würde. Aber der Meister gab nur noch einen leisen Schluckauf von sich und zog sich dann mit unsicherem Schritt in seine Räume zurück. Rena legte das Werkzeug beiseite. In ihrem Magen war ein hohles Gefühl. „Ich mache auch für heute Schluß. Gute Nacht.“

Sie ging zum Wohnbereich hinüber, holte sich eine Decke und rollte sich in einer Ecke zusammen. Obwohl es ein langer Tag gewesen war, fiel es ihr schwer einzuschlafen. Wenn Papa mir erlaubt hätte, der Feuer-Gilde beizutreten, dann würde ich heute Seite an Seite mit Jon arbeiten statt mit diesem gräßlichen Dorit, dachte sie. Ich dürfte sogar schon ein Schwert tragen. Aber Papa und Onkel bekommen ja schon Zustände, wenn ich die Feuer-Leute nur erwähne… jeder hält sie für arrogant, aber sie sind nur stolz! Wenn ich zu einer so angesehenen Gilde gehören würde, wäre ich auch stolz! Allmählich glitt sie in einen Dämmerzustand; ihr Atem wurde gleichmäßig. Als das leise Klopfen an der Tür der nebenan gelegenen Werkstatt ertönte, nahm sie es nur undeutlich wahr. Sie wachte kurz auf, hörte, wie der Meister selbst dem Gast öffnete, und ließ sich beruhigt zurückdriften in ihren Traum. Es kam in letzter Zeit recht oft vor, daß in der Nacht noch Besuch für den Meister kam, und die Lehrlinge hatten sich längst daran gewöhnt.

Wie das Murmeln eines Baches spülte die Melodie des gedämpften Gespräches durch ihr Bewußtsein. Sie träumte, daß sie ein Schwert hatte, das sich in ihrer Hand wand wie eine lebendige Flamme. Als sie damit gegen einen Iltismenschen kämpfte, warf der plötzlich seine Waffe zur Seite, kniete sich auf die Hinterpfoten und begann, eine magische Formel herunterzubeten: „Grau wie das Wasser, rot wie der Mond, gelb wie die Flamme, weiß wie der Stern….“ Als sie am nächsten Morgen aus verklebten Augen ins Licht blinzelte, erinnerte sie sich an den Traum und fand ihn ziemlich albern: Betende Iltismenschen, was für ein Unsinn! Die beteten doch zu nichts und niemanden.

Sie hatte bereits wieder völlig vergessen, daß in dieser Nacht ein Fremder im Haus gewesen war.

Der Tag der Audienz war regnerisch und kühl. Schwer und grau hing der Himmel über dem Dorf und dem Wald von Alaak. Schweigend saßen sich Dorit und Rena am Eßtisch gegenüber und vermieden es, sich anzusehen. Mit gesenktem Kopf zog Rena den Löffel durch ihre Portion zerstampfter Viskarienblätter und zeichnete mit der Spitze Muster auf die Oberfläche.

„Ist der Meister immer noch in der Werkstatt? Was meinst du, wie lange braucht er noch für den Schutzzauber?“

„Ich weiß nicht. Es ist eine sehr schwierige Zeremonie.“

Obwohl die Arbeit ihnen im Moment fast über den Kopf wuchs, waren Dorit und Rena froh darüber. Seit zwanzig Generationen hatte die Familie des Meisters die Felsenburg beliefert, doch die neue Regentin hatte ganz plötzlich beschlossen, daß es damit vorbei sein sollte. Drei bange und untätige Monate waren vergangen, dann war der Meister zu einer Einzelaudienz in die Felsenburg gebeten worden. Als er zurückgekommen war, hatte er ihnen gesagt, daß sie den Hof wieder beliefern durften. Doch seither nahm er immer öfter Beljas, das frische Farnkraut, das die Wirklichkeit aufhellte…

Es wurde später Vormittag, bis der Meister schweißüberströmt wieder aus der Werkstatt auftauchte. Er war etwas besserer Laune und ließ sich von Dorit eine extra große Portion Viskarienbrei auftischen. „Wir haben wirklich ordentliche Arbeit geleistet. Wenn die Regentin damit nicht zufrieden ist, soll der Erdgeist sie holen. Das Nachtholz ist sehr gut geworden, es hat eine unglaublich starke Aura.“

Es fiel Renas Onkel nicht auf, daß keiner seiner beiden Schüler seine Begeisterung teilte. Einige Minuten lang sahen die beiden Lehrlinge zu, wie ihr Meister munter sein Frühstück hinunterschaufelte. Schließlich ertrug es Dorit nicht mehr und platzte heraus: „Wer von uns geht eigentlich heute mit?“

„Rena. Ich brauche sie als Vermittlerin. Außerdem hat sie wirklich gute Arbeit an diesem Stab geleistet. Du kommst zur nächsten Audienz mit, Dorit.“ Erstaunt bemerkte der Meister, daß seine Nichte blaß wurde. „Was ist? Bist du krank?“

Rena schüttelte den Kopf. „Nach dem Essen ziehst du deine besten Sachen an“, befahl der Meister, ärgerlich, daß seine großzügige Geste so schlecht angekommen war. „Dorit, du gehst einen Hirschmenschen anheuern, der unseren Wagen zieht. Aber nicht den, den wir das letzte Mal hatten. Ich habe keine Lust, mir die ganze Fahrt über Beschwerden über die jungen Hirschmenschen von heute und drückendes Geschirr anzuhören.“

Renas beste Kleider, die den größten Teil des letzten Jahres im Schrank vor sich hingemodert hatten, paßten nicht mehr so besonders gut. Obwohl Rena an ihnen herumzog und zerrte, sah man zwischen dem Saum der Hosen und ihren Knöcheln mindestens fünf Zentimeter Bein, und die Ärmel endeten in der Mitte der Unterarme. Nur ihre Sandalen waren neu. Rena hatte sie nach mehr als zehn Jahren des Barfußlaufens zu ihrer Aufnahme in die Gilde erhalten und war sehr stolz auf sie. Sie anzufertigen hatte viele Tage Arbeit für ihre Eltern bedeutet, da die wertvollen roten Gräser dieser ersten Sandalen in Form von glücksbringenden Mustern und vor allem ihres persönlichen Namenszeichens geflochten werden mußten. Jetzt, wo du ein Vollmitglied der Erd-Gilde bist, bist du über direkten Kontakt erhaben, hatte ihr Vater gesagt. Vermittler gibt es nicht nur bei Gesprächen. Deine Schuhe sind deine Vermittler – zwischen dir und dem Erdboden.

Dorit amüsierte sich blendend, als Rena in diesem Aufzug den Wohnraum betrat. Allerdings verging ihm das Lachen, als der Meister ihm befahl, Rena ein paar Sachen von sich zu leihen. Kurz nach Mittag traf der Hirschmensch ein, den der Meister herbestellt hatte, ohne ein Wort der Entschuldigung für seine zehnminütige Verspätung. In betont lässiger Pose stand er da, während ihm der Lehrling das Geschirr anlegte. Das Gesicht des Meisters glich einer Gewitterwolke. Dorit bekam Rena an einem Ärmel zu fassen, als sie auf den Wagen springen wollte. „Du wirst es nicht wirklich tun, oder?“

„Doch.“

„Na, wart mal ab, bis du erst in der Burg bist und die Wachen siehst – dann überlegst du es dir bestimmt noch einmal.“

Rena antwortete nicht. Sie war sich dessen selbst nicht so sicher.

Es war später Nachmittag, als die Hufe des Hirschmenschen schließlich über den Steinboden nahe der Residenz klapperten. Nicht nur der Untergrund, sondern die ganze Burg der Regentin bestand aus solidem, unverfugtem Fels. Wie ein Hochrelief ragte das gedrungene Gebäude aus der Flanke des Alestair-Berges, aus dem es herausgemeißelt worden war. Es war schwer bewacht, aber mit den Soldaten gab es keine Probleme. Sobald sie den Meister erkannten, winkten sie seinen Karren durch alle Sperren hindurch.