Entstehungsgeschichte „Und keiner wird dich kennen“

Katja Brandis

 

Selten habe ich mich über einen Artikel so aufgeregt wie über diesen im Jahr 2010. Beschrieben wurde darin, dass eine Familie in eine neue Identität fliehen musste, weil der noch immer gewalttätige Ex-Freund der Mutter bald aus dem Gefängnis kommen würde. Wie konnte es sein, dass die Opfer so hart bestraft wurden, fast noch härter als der Täter, der ja irgendwann seine Gefängnisstrafe verbüßt hatte? Wie fühlt sich das an, ganz neu anfangen zu müssen? Sich durch nichts verraten zu dürfen? Dadurch stand die Buchidee schon, ich musste den tatsächlichen Fall nur noch verfremden. Als Hauptfiguren entstanden die 16-jährige Maja und ihr Freund Lorenzo. Innerhalb weniger Tage schrieb ich ein Exposé, und meinem Agenten Gerd Rumler gefiel es sehr (er hatte, wie sich herausstellte, den Artikel auch gelesen, und sich ebenfalls über den Fall aufgeregt). Zum Glück war Beltz & Gelberg sofort begeistert von der Idee, und die Arbeit konnte beginnen.

Verborgene Vergangenheit

Ich begann die Recherche wie üblich, indem ich jede Menge Fachbücher las (in diesem Fall über Stalking und Täterpsychologie), dazu aber auch autobiografische Bücher von Gewalt- und Stalking-Opfern, um mich besser hineindenken zu können in diese Angst, von jemandem verfolgt und bedroht zu werden. Und stellte fest, dass alles noch viel schlimmer war, als ich geahnt hatte. Die Schweizerin Nicole Dill beispielsweise war mit einem Mann liiert, der schon wegen Mordes an seiner Freundin im Gefängnis gesessen hatte – und wusste es nicht, konnte es nicht wissen. Datenschutz! Niemand warnte sie, und niemand half ihr, als die Beziehung immer schwieriger und bedrohlicher wurde. Nur knapp überlebte sie den Versuch des Täters, sie nach der Trennung zu töten, und überwunden hat sie das, was sie erlebt hat, bis heute nicht.

Fasziniert organisierte ich mir ein Interview mit einer Kriminalhauptkommissarin, die für die Betreuung von Frauen und Kindern zuständig ist, und ließ mir das noch einmal bestätigen. Es gibt wirklich keinen Weg, so etwas herauszufinden und sich vor solchen Typen zu schützen? „Nein“, sagte sie. „Es gibt keinen.“ Wenn er es dir nicht selbst erzählt – und woher sollst du wissen, ob das stimmt, was er dir erzählt? Ganz naiv hatte ich angenommen, dass man wenigstens Personenschutz bekommt, wenn man bedroht wird. So wie Salman Rushdie zum Beispiel. Doch meine Interviewpartnerin schaute mich nur entgeistert an. „Personenschutz? Aber wie soll das denn gehen, das Personal hätten wir doch gar nicht. Und wer sollte das bezahlen?“ Also nicht. Oder höchstens, wenn man ein Promi ist. Vielleicht hat Rushdie das ganze auch selbst finanziert?

Um mehr zu erfahren, interviewte ich einen für neue Identitäten zuständigen Mitarbeiter des Weißen Rings (einer Opferschutzorganisation). Um die Entlassung und Betreuung des Täters wirklichkeitsnah schildern zu können, sprach ich mit dem sehr hilfsbereiten den Direktor einer Justizvollzugsanstalt. Mit zur Recherche gehörte auch, dass ich bei Facebook einstieg. Meine Freunde freuten sich. Endlich war ich bekehrt!

Im Haus nebenan

Die Story sollte zu einem großen Teil an Orten spielen, die ich kenne – zum Beispiel in Offenbach, wo ich selbst zur Schule gegangen bin, und in meiner Wahlheimat Olching, einer kleinen Stadt westlich von München. Das machte die Recherche zu einem besonderen Vergnügen; mehrmals in der Woche radelte ich an dem seltsam geformten Haus vorbei, in dem im Roman Majas Freundin Stella wohnt. Und das schlammgrüne Gebäude, in dem Maja mit ihrer Familie einquartiert wird, sehe ich sowieso jeden Tag, es ist nur eine Straßenecke von meinem Haus entfernt. Die Bewohner ahnen bisher nichts davon, dass ihr Domizil auch ein Romanschauplatz ist… vielleicht sollte ich ihnen mal ein Exemplar des Buchs vorbeibringen?

Um mich mit den anderen Schauplätzen vertraut zu machen, recherchierte ich im Gymnasium vor Ort und bekam dort viel Unterstützung – allerdings waren manche Lehrer erst ein bisschen skeptisch. Ich musste immer wieder versichern, dass natürlich alle Figuren im Roman fiktiv sein würden. Sehr spannend fand ich die Interviews mit Lara und Felix, zwei Geschwistern, die dort zur Schule gehen. Eine meiner Fragen war zum Beispiel: „Was ist für euch eigentlich cool?“ Denn ich wollte, dass Stella – die spätere beste Freundin von Maja – total cool war. Ich gab ihr alle Eigenschaften, die mir die Geschwister genannt hatten… und es funktionierte. Aber deswegen ist Stella keineswegs eine Figur „vom Reißbrett“. Sie war für mich sofort real, und es machte mir großen Spaß, über sie zu schreiben. Ihre unbändige Lebenskraft platzte fast aus dem Manuskript heraus. Ihre schwierige Vorgeschichte war übrigens ein spontaner Einfall während des Schreibens. Sie erzählt das über jemand anderen, und ich fragte mich spontan: „Moment mal… vielleicht redet sie eigentlich über sich selbst? Das wäre doch viel interessanter!“

Wild und böse

Ich überlegte, was Stella und Maja machen könnten, aber was mir einfiel, war viel zu zahm. Also fragte ich in meinem Freundeskreis herum „Was habt ihr in eurer Jugend so alles angestellt?“ Dabei kamen ein paar Dinge heraus, bei denen mir der Mund offen stehen blieb. Und mein Mann erzählte mir, dass ein Freund von ihm früher auf diese schräge Art Aufzug gefahren ist. Das gefiel mir sofort. Ich kontaktierte diesen Freund, und er berichtete mir freimütig, wie es geht, was für Ausrüstung man dafür braucht und was man beachten sollte. Stellas neues, wildes Freizeitvergnügen war geboren.

Viel schwieriger fand ich es, über den Täter zu schreiben, der in der ersten Fassung noch Frank hieß, bis mir einfiel, dass – ups! – auch mein Außenlektor (und jemand aus meiner Verwandtschaft) diesen Namen trägt. In meiner ersten Version war der Ex-Freund der Mutter auf zu platte Art böse und gleichzeitig nicht fies genug. Bösewichte zu erfinden ist mir noch nie leicht gefallen. Mit meinem Lektor Frank Griesheimer arbeitete ich intensiv an dieser Figur. Robert, der Täter, wurde zu einem Menschen, der manchmal selbst über seine Fantasien erschrickt, aber nicht schafft, sie zu kontrollieren. Er versteht nicht wirklich, warum Majas Mutter nicht mehr mit ihm zusammen sein will, und gibt ihr die Schuld – dadurch ist nicht zu erwarten, dass er sich jemals ändert.

Das Schreiben ging mir rasch vor der Hand, allerdings bekam ich bei manchen Szenen selbst eine Gänsehaut. In einem Bericht hatte ich gelesen, dass Promis nicht nur oft einen Stalker haben, sondern die meisten durchschnittlich über hundert. Hilfe! Hoffentlich werde ich nie so berühmt! Dadurch, dass ich diesen Thriller geschrieben habe, bin ich vorsichtiger geworden, ich erkenne übergriffiges Verhalten schneller… und weiß auch, wie ich reagieren muss. Vielleicht hat es sich allein dafür schon gelohnt, diese Romanidee anzupacken.

Letzte Schritte

Währenddessen waren meine Kolleginnen im Verlag schon eifrig an der Arbeit, feilten am Klappentext, bereiteten Presse-Aktivitäten vor und beurteilen Cover-Entwürfe. Das mit dem Cover dauerte so lange, dass ich ein wenig unruhig wurde, aber schließlich schickte mir meine Lektorin Julia Röhlig per Mail das knallrote Titelbild. Ich war leicht geschockt. Das war Retro, und ich bin absolut kein Retro-Fan! Aber meine Testleser und Freunde überzeugten mich schnell, dass dieses Cover zum Roman passt und aus der Masse der Bücher hervorstechen würde.

Ich kann nur hoffen, dass dem Roman das gelingt, und wünsche allen, die ihn noch nicht kennen, viel Spaß beim Lesen!

6 Gedanken zu „Entstehungsgeschichte „Und keiner wird dich kennen““

  1. Ich liebe dieses buch. Ich bin 14 und es ist echt interessant ich werde es nächste wochr in der schule sogar vorstellen. Ich war richtig gefesselt an dieser Geschichte.
    Liebe grüße Alina

    1. Liebe Alina,
      wie nett von dir, dass du mir das schreibst! Und danke, dass du den Roman in der Schule vorstellst, so werden vielleicht noch ein paar Leser darauf aufmerksam.
      Viel Erfolg bei deiner Buchpräsentation wünscht dir
      Katja Brandis

  2. Ich lese gerade „Und keiner wird dich kennen“ und bin total gefesselt von dem Buch. SPITZE!!! Allerdings ist mir einmal ein Druckfehler aufgefallen. Sie haben geschrieben: Stella sagte: „Kommst du , Maja?“ Aber zu diesem Zeitpunkt wusste Stella noch nicht, dass der richtige Name von „Alissa“ Maja ist.(Seite 171) Hab auch schon „Ruf der Tiefe“ gelesen; auch klasse. Werde mich langsam durch Ihre Bücher lesen. Großes Kompliment auf jeden Fall schon mal.

    1. Hi Feuerblitz,
      seufz, ja, den Druckfehler kennen wir schon, der wird in der Taschenbuchausgabe (erscheint im Herbst) zum Glück korrigiert sein. Zu blöd, dass der uns durchgerutscht ist. Danke für den Hinweis, und noch viel Spaß mit meinen anderen Romanen!
      Viele Grüße,
      Katja

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