Praktikumsbericht Johanna Leikam

Oktober 2020

Johanna Leikam

Der Anfang ist immer der schwerste Teil einer Geschichte. Der Anfang darf nicht gut sein. Er muss perfekt sein. Denn nur dann besteht eine Chance, vielleicht nur eine klitzekleine, dass auch das Ende gelesen wird.

Ich habe mich immer um Anfänge gedrückt – wohlgesagt, das tue ich immer noch. Um den heißen Brei herum zu reden macht nämlich einfach viel mehr Spaß.

Vor drei Jahren schwirrte mir zum ersten Mal die Idee von einer Kanadierin namens Lilly durch den Kopf – damals war sie noch ein stinknormales Mädchen, ein schüchternes vielleicht, aber mit Abenteuern oder gar der Rettung der Welt hatte sie nichts am Hut.

Als ich Lilly besser kennenlernte, reichte es mir nicht mehr, einfach nur über sie nachzudenken. Ich wollte ihre Geschichte festhalten. Ich wollte sie lebendig machen. Und so begann ich zu schreiben.

Nach und nach füllten sich die leeren Seiten. Und dann, sozusagen über Nacht, war Lilly plötzlich ein halber Engel und lebte in einer zweigeteilten Welt, die weit über ihre Realität hinauswuchs.

Gut, dachte ich und nahm diese Veränderung schulterzuckend zur Kenntnis, wenn du unbedingt willst.

Ich schrieb also weiter. Mein Buchprojekt wuchs und wuchs, die Welt wurde immer komplizierter und unübersichtlicher, und irgendwann musste ich feststellen, dass ich so nicht länger weiterkam. Der Anfang wollte irgendwie überhaupt nicht mehr zu meiner Geschichte passen. Das war doch nicht Lilly, die da im wehleidigen und jammernden Tonfall über ihr Leben klagte. Das war ein völlig anderer Mensch.

Mehrere Monate lang steckte ich fest, bis ich auf der Suche nach einem Praktikumsplatz mehr oder weniger durch Zufall auf Katja stieß. Das ist doch die Autorin von Woodwalkers, ging es mir sofort durch den Kopf – zwar hatte ich diese Bücher selbst nie gelesen, kannte aber viele Fans.

Dass ich diese Gelegenheit am Schopf packen musste, war für mich sofort klar, und so machte ich mich eifrig an das Schreiben einer Bewerbung. Ich hätte damals ehrlich gesagt nicht erwartet, überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Da war die Freude über die Zusage natürlich umso größer!

Keine vier Monate später ging es dann nach Olching. Nachdem ich mich dort erst einmal so gründlich verfahren hatte, dass ich eine ganze halbe Stunde zu spät kam, wurde ich dennoch sehr herzlich empfangen und in meine Aufgaben eingewiesen.

So vielfältig hätte ich mir das Leben einer Autorin nicht vorgestellt – aber das Schreiben ist schließlich nicht alles! Gründliche Recherche, das Einscannen und Beantworten von Leserbriefen sowie der ein oder andere Ausflug zur Post gehören ebenso dazu und bringen Abwechslung in den Alltag.

Ich bekam mein eigenes Büro mit meinem Arbeitsplatz an dem – vielen ehemaligen Praktikanten noch altbekannten – Holztisch direkt vor dem Fenster, durch das man regelmäßig die Kinder beobachten konnte, die sich durch ihren Übermut auf der Schaukel beinahe überschlugen.

An diesem Holztisch arbeitete ich sechs Stunden am Tag – zwei Wochen lang, in denen ich wahrscheinlich so produktiv war wie nie zuvor.

Ich traute mich endlich wieder an meinen Anfang heran, welchen ich Katja dann nach einer ersten Überarbeitung am Mittagstisch präsentieren durfte. Vielen Dank an dieser Stelle für dein konstruktives Feedback, an dem nicht nur das erste Kapitel gewachsen ist!

Auch meinem Exposé habe ich mich hier zum ersten Mal gewidmet. Am Anfang war das gar nicht so leicht – vor allen Dingen, weil ich die Handlungen noch nicht einmal in meinem eigenen Kopf richtig sortiert hatte. Wenn mich zuvor jemand gefragt hatte, um was es denn in meinem Buch ginge, dann hatte ich immer herumgestottert und mich mit einem knappen „Zu kompliziert, um es kurz zu erklären“ herausgeredet.

Erstaunlich, was so eine Zusammenfassung einem bringen kann – jetzt ist meine Geschichte kein wirres Bündel an unsortierten Fäden mehr, sondern ein halb zu Ende gestrickter Pullover. Und wie dieser am Ende mal aussehen soll, das habe ich ganz genau vor Augen.

Also Katja, sollte sich tatsächlich mal ein Verlagschef in einer 10-sekündigen Fahrstuhl-Tour nach meiner neusten Roman-Idee erkundigen, bin ich vorbereitet.

 

Wegen der aktuellen Corona-Situation konnten zwar einige ursprünglich fürs Praktikum geplante Aktionen (wie etwa der Tag bei der Agentur oder der Besuch einer Lesung) nicht stattfinden, aber das wäre mir durch den breiten Aufgabenfächer gar nicht aufgefallen, wenn Katja es gestern beim gemeinsamen Kochen fürs Abschlussessen nicht explizit erwähnt hätte.

Langweilig war mir jedenfalls nie – und ich könnte mich problemlos noch eine weitere Woche lang mit meinen Aufgaben auseinandersetzen.

Dafür aber bleibt jetzt leider keine Zeit. Es ist Freitag Morgen, 10:39 Uhr, und heute Abend werde ich wieder in meinem eigenen Bett einschlafen. Die Erinnerung an die schöne und vor allen Dingen lehrreiche Zeit hier wird aber immer eine gute bleiben.

Vielen Dank an euch, Katja, Christian und Robin, dass ihr mich so herzlich bei euch aufgenommen habt. Die Chance auf ein solches Praktikum bekommt sicherlich nicht jeder!