Leseprobe aus „Zwölf Geheimnisse“

Der Wolf und die Perserkatze

Cliff, Wolf

 Die Geschichte spielt im Januar vor Carags Ankunft an der Clearwater High.

Die Eingangstür bestand aus Holz und war mit polierten Messingbeschlägen und einem riesigen Stechpalmenkranz dekoriert. Ein Namensschild gab es nicht, jeder im Ort wusste, wer in diesem schlossartigen Kasten residierte.

„Du wirst uns keine Schande machen, ist das klar?“, zischte ihm seine Mutter zu und versuchte schnell noch mal, seine glatten blonden Haare mit den Fingern zu richten. „Sei höflich, aber sag um Himmels Willen nicht mehr als nötig, Clifford.“ Ihr Burberry-Mantel mit der Silberfuchsborte hatte einen Schlammspritzer abbekommen, was sie offensichtlich noch nicht bemerkt hatte, sonst wäre sie ausgerastet.

Nervös zupfte sein Vater seine eigene Krawatte zurecht. Jedes silberweiße Haar seiner Frisur saß perfekt, sein Gesicht war leicht gebräunt und natürlich makellos rasiert. „Ich muss dir nicht extra sagen, wie wichtig dieses Treffen für unsere Firma ist, oder? Die Familie Van Dalwick hat politische Kontakte bis nach ganz oben!“

Stumm starrte Cliff sie beide an und fragte sich, warum sie ihn überhaupt mitgenommen hatten. Inzwischen war er ziemlich sicher, dass sie ihn nicht liebten. Nicht mal geliebt hatten, als er noch ein Kind gewesen war … und jetzt war er ein pubertierender Jugendlicher, also ein ständiges Ärgernis. Dabei wussten sie ja nicht mal das Schlimmste. Das, was er zufällig entdeckt hatte, als er sich auf YouTube eine Doku über ein Wolfsrudel angeschaut hatte. Wenn sie das erfuhren, würden sie ihn auf der Stelle enterben. Sollten sie doch, er hasste die Familienfirma sowieso. In fast jedem Gespräch ging es ums Rohstoffgeschäft, um Budgets, Angestellte, das Management. Er konnte es längst nicht mehr hören.

Ein Butler öffnete und gab den Blick auf einen marmornen Fußboden, eine Freitreppe und einen Kronleuchter frei. Ein Schwall warmer Luft traf Cliff, die Gerüche nach Hirschbraten, Katze und edlem Raumparfüm mit sich trug. Oh shit, es gab hier eine Katze? Zum Glück war sie bisher nirgendwo in Sicht.

Ihre Jacken wurden ihnen abgenommen, dann schritt Mrs Van Dalwick in einem schimmernden cremefarbenen Seidenkleid heran, die doppelreihige Perlenkette wogte über ihrem enormem Busen. „Herzlich willkommen! Ah, du musst Clifford sein. Anthony wird sich so über die Gesellschaft freuen.“

Aha. Deswegen hatten sie ihn mitgenommen. Als Bespaßer. Ein Nickerchen in seinem gemütlichen Zimmer daheim hätte ihm deutlich besser gefallen.

„Wie klappt es in der Schule?“, fragte Mr Van Dalwick, der einen dunkelgrauen Anzug und einen halben Liter Herrenparfüm trug.

„Gut, Sir“, sagte Cliff.

„Er könnte sich ein bisschen mehr anstrengen“, sagte sein Vater und tat so, als würde er ihn liebevoll gegen die Schulter knuffen. Zum Kotzen.

„Meine Güte, deine Eltern haben nichts davon gesagt, dass du so groß und stark bist“, zwitscherte Mrs Van Dalwick, die ganz leicht bitter roch, nach Medikamenten. „Du bist bestimmt in der Footballmannschaft?“

„Nein, Mrs Dalwick, bei den Ringern. Aber es gefällt mir nicht besonders.“

„Wunderbar, wunderbar!“

Zuhören war wohl nicht so ihre Stärke.

„Am besten, du gehst gleich mal hoch zu Anthony, ein anderer Junge ist auch schon da. Erster Stock, du kannst es gar nicht verfehlen. Pünktlich um sieben wird dann das Dinner serviert.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und stöckelte mit seinen Eltern plaudernd davon. Zum Glück verwehte mit ihr auch ihr seltsamer Geruch.

Langsam stieg Cliff die Treppe hoch und machte sich daran, seinen Kragen mit dem Finger zu lockern. Diese Krawatte fühlte sich wie eine Boa an, die gerade versuchte, ihn zu erwürgen. Wo war die Katze und was würde sie tun, wenn sie ihn witterte?

Natürlich freute sich Anthony überhaupt nicht über die Gesellschaft. „Ach, du bist der Goldminentyp? Deine Eltern schmeißen sich ja ganz schön an meine ran, haha.“ Er hatte rote Haare, ein unangenehmes Grinsen und einen Geruch nach saurer Milch, den Cliff schwer erträglich fand.

„Stimmt leider beides“, sagte Cliff. Dann schaute er sich den braunhaarigen, schmal gebauten, aber sehnigen Jungen an, der locker zurückgelehnt, ein Bein angezogen, auf einem Sitzwürfel saß. Er fühlte sich, als hätte ihn ein Steinbrocken getroffen, als ihm dessen Geruch in die Nase stieg.

Wolf.

Dem anderen entging nichts, weder sein leichtes Zusammenzucken noch sein neugieriger Blick. „Hi“, sagte der Junge. „Ich bin Jeffrey. Nenn mich nicht Jeff, okay?“

„Okay – ich bin Cliff“, war das Einzige, was er herausbrachte, obwohl in seinem Inneren tausend Fragen Tango tanzten.

„Wollt ihr meine VR-Ausrüstung anschauen?“, fragte Anthony. „Aber wehe, ihr fasst die an, die ist ganz neu.“

Jeffrey verdrehte die Augen, sagte aber halbwegs friedlich: „Keine Sorge, wir behalten unsere dreckigen Pfoten bei uns.“ Wahrscheinlich hatten auch seine Eltern ihm schwere Strafen angedroht, wenn er sich heute danebenbenahm.

„Man kann auf anderen Planeten herumlaufen und mit Robotern kämpfen – ich zeig euch das mal …“ Kurz darauf hatte Anthony eine VR-Brille auf dem Kopf und begann im Zimmer herumzustapfen und zu fuchteln. Wahrscheinlich war ihm nicht klar, dass er dabei aussah wie ein kompletter Idiot. Auf einem Bildschirm konnten sie sehen, dass er gerade einen orangefarbenen Fake-Mars erkundete.

Cliff wusste, das war seine Chance. Er senkte die Stimme und lehnte sich in Richtung des anderen Jungen. „Bist du etwa auch ein …“

„Darauf kannste wetten“, flüsterte Jeffrey zurück. „Schon mal verwandelt?“

„Ja, wir sind oft in Alaska, weil da unsere Minen sind“, berichtete Cliff mit klopfendem Herzen. „Bin in den Wäldern mit ein paar Mackenzie-Wölfen rumgelaufen. Ich wusste erst nicht, ob sie mich angreifen. War knapp, glaube ich.“

„Wie cool ist das denn. Ich hab noch nie wilde Wölfe getroffen. Du …“

„He, ihr schaut ja gar nicht zu!“, beschwerte sich Anthony und zog sich die VR-Brille wieder vom Kopf „Dabei hab ich gerade Weitwerfen mit einem Mars-Rover gemacht!“

„Wow.“ Jeffrey heuchelt völlig übertriebene Bewunderung. „Wir sollten dich den tollen Tony nennen. Das ist übrigens eine einwandfreie Stereoanlage da vorne.“

„Ja, nicht? Hat zehntausend Dollar gekostet“, informierte sie Anthony stolz.

„Hast du auch Hip-hop?“, fragte Jeffrey.

„Hip-hop? Mein Dad würde mich umbringen. Ich darf nur Klassik hören. Er sagt, nur das ist richtige Musik.“

Cliff und Jeffrey tauschten einen mitleidigen Blick.

„Wie wäre es mit einer Runde Karaoke?“, fragte Jeffrey. „Ich singe voll gerne, du wahrscheinlich auch, Cliff, oder?“

„Stimmt“, gab Cliff zu. Immer wenn er allein war, sang er zu den Songs, die gerade auf seiner Playlist liefen oder im Radio kamen. Vielleicht hatte das was mit seinem Wolfs-Ich zu tun?

Anthony blickte entsetzt drein. „Seid ihr wahnsinnig? Das würde man unten hören und dann kriege ich voll den Stress.“

„Na ja, dann langweilen wir uns einfach ein bisschen bis zum wahrscheinlich noch langweiligeren Dinner“, sagte Jeffrey, warf sich mit Schwung auf Anthonys Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

„Wo ist eigentlich das Klo?“, fragte Cliff.

„Draußen links.“ Anthony wirkte eingeschnappt.

Cliff schlüpfte nach draußen … und merkte zu spät, dass auch die Katze – eine unglaublich flauschig aussehende, dunkelbraune Perserkatze – im Flur unterwegs war. Sie wollte gerade auf der Fensterseite an ihm vorbeitappen. „Miez, miez“, sagte Cliff in freundlichem Ton. Es half nichts. Als die Katze ihn witterte, bekam sie einen Panikanfall.

Ihre gelben Mondaugen öffneten sich weit vor Entsetzen, ihr Fell sträubte sich, sodass ihr Schwanz aussah wie eine Klobürste – der Farbe nach eine benutzte. Sie fauchte etwas, was ganz sicher eine Warnung war, ihr keinen Millimeter näher zu kommen.

Blöderweise musste er wirklich auf Klo. Und zwar dringend. Vorsichtig versuchte Cliff, sich an der Perserkatze vorbeizuschieben und weiterzugehen. Leider schien die Katze irgendwas in der Richtung von „Oh mein Gott, er hat mich als Vorspeise ausgesucht!“ zu denken. Mit einem Sprung floh sie zu den nachtblauen Samtvorhängen an der einen Seite des Fensters und kletterte daran hoch.

„Nein … nicht … oh Scheiße …“, murmelte Cliff, während ein Dutzend Katzenkrallen Fädchen aus einem Tausend-Dollar-pro-Quadratmeter-Stoff zogen. Garantiert würden alle ihm die Schuld darangeben. Behaupten, er hätte die Katze erschreckt und so weiter. Er musste das Vieh da runterholen.

Also griff er es vorsichtig um den Bauch. Leider hatte sich die Katze am Vorhang festgehakt. Außerdem stieß das Tier ein Jaulen aus, das klang, als wäre es in Wirklichkeit eine Todesfee. Ungefähr zwei Millisekunden später hatte er ihre Krallen in der Hand und ihre Zähne im Daumen.

Diesmal war es Cliff, der aufjaulte … und erschrocken spürte er, wie sein Wolfs-Ich sich regte. Sein ganzer Körper kribbelte, als hätte er sich auf einen Ameisenhaufen gelegt. Schon spürte er, wie sich sein Gesicht zu einer Schnauze verlängerte, Fell auf seinem Rücken spross, er zum Vierbeiner wurde.

Vor Schreck riss er an dem Vorhang, während er fiel … und das ganze Ding rauschte auf sein Wolfs-Ich herunter. Er war begraben unter einer Schicht aus schwerem, staubig riechendem Stoff, bekam keine Luft mehr und hatte keine Ahnung, wie er sich schnell mal zurückverwandeln sollte. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis der Krach irgendwelche Leute auf den Plan rief. Was würden seine Eltern sagen? Sie würden ihm niemals verzeihen, dass er hier Mist gebaut hatte.

Cliff hörte sich selbst winseln, was unter dem Samt ziemlich dumpf klang. Blindlings kroch er in irgendeine Richtung … und fand sich Schnauze an Schnauze mit der Kampfkatze wieder. Aaah! Er jaulte, das Fellknäuel fauchte. Dann robbten sie so schnell sie konnten voneinander weg.

„Was ist denn hier los?“, hörte Cliff jemanden rufen.

Das kann ich euch sagen, dachte Cliff. Ich bin ein Wolf in einem Haus, in dem Raubtiere höchstens in der Kuschelausgabe oder als Felle auf dem Parkett erlaubt sind. Wie stehen meine Chancen, lebend hier herauszukommen – fünfzig-fünfzig?

Im gleichen Moment, in dem er sich unter dem Vorhang herausgearbeitet hatte, sprintete er los. Richtung Ausgang, die Treppe hinunter, während ihm „Was macht denn dieser Köter hier?“- und „Fangt den Streuner!“-Rufe in den Ohren gellten.

Bedienstete kesselten ihn auf der Treppe ein und warfen sich von mehreren Seiten gleichzeitig auf ihn. Verzweifelt stieß sich Cliff vom Boden ab, sprang übers Geländer und landete auf allen vier Pfoten in der Eingangshalle. Wow. Als Mensch hätte er sich dabei garantiert was gebrochen, aber so schmerzten nur seine Pfoten ein wenig. Da, er konnte schon die Vordertür erkennen!

Mittlerweile strömten sensationslüsterne Dinnergäste in die Eingangshalle, um zu sehen, was es hier für einen Aufruhr gab. Gott sei Dank, da waren auch seine Eltern!

Helft mir, bitte!, wollte Cliff rufen. Heraus kam etwas, das klang, als würde man ein Quietscheentchen zu fest drücken.

Moment mal, wie schauten seine Eltern denn drein? Sein Vater hatte sich von irgendwoher einen Spazierstock aus Massivholz geangelt und ließ ihn nun mit blitzenden Augen und einem „Keine Angst, den krieg ich!“ in seiner Richtung niedersausen. Und seine Mutter? Feuerte ihn auch noch an.

Geht´s noch?, dachte Cliff. Ich sag dem verdammten Jugendamt Bescheid! Nur um eine Fellhaaresbreite konnte er ausweichen.

Nun musste er nur noch zwischen diesen beiden jungen Frauen hindurch, dann konnte er auf die Klinke der Vordertür springen und war hier raus!

Sekunden später hatte er sich in einem schwarz-pinken Stoffchaos verheddert und glitt gleichzeitig auf dem Marmorboden aus, der so glatt war wie ein zugefrorener See. Von irgendwoher gellten ihm Schreie in den Ohren und mehrere Hände packten ihn gleichzeitig am Nackenfell und an den Hinterbeinen. Ganz kurz dachte Cliff darüber nach, ob er um sich schnappen sollte, aber dann ließ er es doch besser sein. Wenn ihm dieser Spazierstock auf den Kopf donnerte, war sein Schädel Kleinholz!

Sie stopften ihn in einen nach altem Holz und Schimmel stinkenden Abstellraum im Keller. Verzweifelt hörte Cliff, wie sie mit irgendjemandem telefonierten. Wahrscheinlich der Polizei oder dem nächstbesten Jäger. Der würde sicher merken, dass er kein Hund war, und was dann?

Jetzt sitze ich einwandfrei in der Klemme, ging es ihm durch den Kopf, während er erschöpft hechelnd auf dem Boden lag.

Er zuckte zusammen, als von irgendwoher eine Antwort kam.

Keine Panik, Alter, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Sobald die sich ein bisschen beruhigt haben, versuche ich dich irgendwie rauszuholen, in Ordnung?

Die Stimme klang nach dem Jungen, den er vorhin kennengelernt hatte. Jeffrey. Dem anderen Werwolf, Gestaltwandler oder wie auch immer man Wesen wie sie beide nennen konnte.

Kannst du mich hören?, fragte Cliff hoffnungsvoll.

Klar, du bist ja ein Woodwalker und nicht weit weg. War übrigens toll, wie du dieses Katzenvieh fertiggemacht hast. Lästige Biester, diese Katzen!

Ich hab sie gar nicht …, begann Cliff, doch auch Jeffrey schien nicht allzu gut im Zuhören zu sein. Und diesen protzigen Vorhang. Ich hab mir schon öfter vorgestellt, wie ich den runterfetze, aber du hast dich getraut und es GETAN! Coole Aktion.

Ähm, ja, danke, erwiderte Cliff verlegen. Vielleicht hatte er irgendwie unbewusst vorgehabt, es zu tun?

Leider steht jemand vor deiner Tür Wache. Wie sieht´s aus – schaffst du es, dich zurückverwandeln? Dann könntest du das Fenster aufmachen und rauskriechen. Ich fürchte, das ist deine einzige Chance. Übrigens, der Kammerjäger kommt in fünf Minuten.

Ich … ja. Cliff konzentrierte sich auf das Gesicht, das er schon so oft im Spiegel gesehen hatte – ein großer, muskulöser Junge mit verwuschelten blonden Haaren, etwas verpennter Miene und Augen, die in verschiedene Richtungen gleichzeitig zu schauen schienen. Cliff-der-Wolf richtete sich auf die Hinterbeine auf, um seinem Körper einen klaren Hinweis darauf zu geben, dass jetzt wieder Cliff-der-Zweibeiner gefragt war. Prompt fiel er nach hinten um und landete auf dem Rücken. Aber er hatte wieder Hände, auch wenn sie aussahen, als würde er Pelzhandschuhe tragen!

Auf zwei Menschenfüßen kletterte er auf eine leere Weinkiste, um ans Fenster heranzukommen. Leider brach die dämliche Kiste splitternd unter ihm zusammen. Außerdem wirkte das Fenster furchtbar klein, wie um alles in der Welt sollte er da durchkommen?

Warum machst du so einen Krach? Willst du unbedingt, dass die dir das Fell abziehen?, zischte Jeffrey in seinen Kopf.

Schwer atmend vor Aufregung schleppte Cliff einen etwas solider wirkenden Schemel heran, stieg darauf und brachte es fertig, das klemmende, von Spinnweben verklebte Fenster aufzumachen. Die Freiheit roch nach feuchter Erde.

Hier, nimm das! Zieh dich dran hoch!, sagte Jeffreys Stimme und etwas Rosafarbenes schlängelte sich durch die Öffnung, was entweder ein Riesenregenwurm oder der Gürtel eines Bademantels war.

Cliff packte zu. Der Frotteestoff ächzte besorgniserregend, als er seinen Achtzig-Kilo-Körper daran hochzog.

Schneller, feuerte ihn Jeffrey an.

Ich höre ein Auto, ist es das von diesem Tierfänger?, fragte Cliff halb gelähmt vor Furcht. Währenddessen versuchte er, seine Schultern – die ihm auf einmal furchtbar breit vorkamen – durch die Öffnung zu bugsieren. Warum hatte er in letzter Zeit nur so viel trainiert?

Jedenfalls nicht das vom Hundesalon, also mach, dass du da durchkommst. Jeffreys Gedankenstimme klang gepresst.

In diesem Moment bekam Cliff seine Schultern durch, und ungefragt folgte auch der Rest seines Körpers. Kopfüber landete Cliff in einem Blumenbeet, knickte einen Rosenstrauch und versank mit den bloßen Füßen in der kühlen, lockeren Erde, als er aufstand.

Jeffrey klopfte ihm grinsend auf die nackte Schulter und warf ihm den rosafarbenen Bademantel zu, der ihm leider nur bis zur Mitte der Oberschenkel ging.

Der Lieferwagen mit der durchgestrichenen Kakerlake darauf und der Aufschrift XXTra Pest Control parkte keine fünf Meter von ihnen entfernt ein und zwei Männer in Arbeitsoveralls stiegen aus. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterten sie Cliff und unwillkürlich verkrampfte er sich. Hatte er noch Wolfsohren? Fell im Gesicht? Fangzähne?

„Tolles Outfit“, sagte einer der beiden Männer.

„Trägt man das jetzt so?“, fragte der andere.

„Eigentlich nur in Los Angeles“, behauptete Jeffrey und zog Cliff mit sich. Die Männer grinsten und gingen weiter, kurz darauf hörten sie das melodische Ding-Dong der Türglocke.

„Wieso haben Sie so lange gebraucht? Wir haben Todesangst! Diese wilde Bestie ist plötzlich im Haus aufgetaucht!“, hörte Cliff die leicht hysterische Stimme von Mrs Van Dalwick, dann zog ihn Jeffrey um eine Hausecke und außer Sicht. Uff. Fast geschafft.

Kaum waren die beiden Männer im Haus, raste sein neuer Bekannter noch mal zurück und rief knapp über die Schulter: „Muss Spuren verwischen!“ Als er zurückkam, baute er sich vor Cliff auf und verschränkte die Arme.

„Ich würde gerne ein Rudel gründen und jemanden wie dich könnte ich richtig gut als Betawolf gebrauchen“, sagte Jeffrey. „Wir könnten von unseren Schulen auf dieses geheime Internat für Gestaltwandler wechseln, von dem ich neulich gehört habe. Und, wie wär´s?“

Cliff hatte kalte Füße, eine blutige Hand und zitternde Beine von der ganzen Aufregung. Aber er spürte, wie sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete.

„Bin dabei“, sagte er.

Auch Jeffrey lächelte jetzt. „Na, dann komm. Ich hole dir deine Klamotten, dann können wir wieder rein. Und weißt du, was wir danach machen?“

„Nein“, sagte Cliff, völlig fasziniert davon, wie selbstsicher dieser fremde Junge war und wie schnell er es geschafft hatte, ihn aus dieser Klemme herauszuholen. Der hatte was in der Birne. Eindeutig ein Alphawolf.

„Dann fressen wir denen hier das verdammte Buffet leer. Vielleicht ist nachher noch ein bisschen Gelegenheit, die Katze zu jagen.“

Und das war genau das, was sie taten.