Leseprobe aus Seawalkers 6

Kalifornien! Ein aufgeregtes Raunen lief durch den Raum. Wir alle kannten die Westküste aus zahllosen Filmen, in Sachen Coolness gab es außer New York keinen Ort in den USA, der es damit aufnehmen konnte. Eine andere Schule und viele neue Wandler kennenzulernen würde bestimmt spannend werden.

Darf jeder mit?, fragte Papageifisch Nox aus dem Aquarium heraus. Aufgeregt schoss er hin und her, sodass er unsere drei Kleinsten – den Nachwuchs von Seepferdchen Linus – locker abhängte. Kichernd ließen sich Tox, Lox und Mox von seinen Wasserwirbeln herumstrudeln.

„Alle Erstjahresschüler, die ihre Verwandlungen im Griff haben“, informierte ihn Mr Clearwater, und Nox – den ich noch nicht oft als Mensch gesehen hatte – begann frustriert an einer Koralle zu nagen. Im Griff, was heißt schon im Griff? Ich hab mein Leben im Griff, ich könnte Videokurse über Gelassenheit und positives Denken geben! Oder über die Erziehung von jungen Seepferdchen!

„Wir werden übermorgen einen strengen Verwandlungstest machen … wer besteht, darf ins Flugzeug“, ergänzte Mr Clearwater mit einem Blick in die Runde.

Ich mache auf jeden Fall mit, verkündete Nox. Ich kann menschlicher sein als jeder Mensch, ihr werdet sehen!

Darunter konnte ich mir nicht rasend viel vorstellen, aber ich wünschte ihm trotzdem viel Glück. Nervös schaute Shari mich an und ich warf ihr einen Du-schaffst-das-Blick zu. Auch Noemi, Zelda und ein paar andere konnten kaum noch stillhalten – die rannten wahrscheinlich gleich in ihre Hütten, um mit dem Üben loszulegen.

Wir übten alle wie verrückt für die Prüfung, auch ich. Angeblich war ich zwar laut Mr García ein Naturtalent in Verwandlung, aber in letzter Zeit waren mir ein paar Pannen passiert (Menschenzähne sahen an einem Tigerhai unglaublich lächerlich aus). Ich wollte nicht erleben, dass alle anderen strahlend ins Flugzeug kletterten und ich hinter den Glasscheiben stand und ihnen traurig hinterherwinkte. Das war meine Chance, wenigstens einmal aus Florida rauszukommen, und die würde ich nicht verpatzen!

(…)

Shari wechselte das Thema. „Was meint ihr zu diesem Telefongespräch von Ella? Wir müssen Mr Clearwater und Miss White unbedingt sagen, dass die Lennox etwas vorhat! Vielleicht sollten wir irgendwelche Verteidigungsmaßnahmen organisieren?“

„Gute Idee“, sagte ich. Also gingen wir gleich los, um unseren Lehrern Bescheid zu sagen.

Wie sich herausstellte, waren sie nicht so ahnungslos, wie wir befürchtet hatten.

„Es war Absicht, dass das mit dem Austausch nun so schnell gegangen ist“, erklärte Jack Clearwater, den wir in seinem Büro antrafen, wo er gerade etwas mit unserer Kampflehrerin besprach.

„Ja, in der Tat“, sagte Miss White, ihr Blick war prüfend. Fragte sie sich, wie viel sie mir anvertrauen konnte? „In letzter Zeit haben wir uns mit gefährlichen Leuten angelegt … wir wollten dich und deine Klasse wenigstens ein paar Tage lang aus der Schusslinie nehmen. Außerdem können Farryn, Jack und ich uns in Kalifornien mit ein paar wichtigen Ratsmitgliedern besprechen. Wegen Mrs Lennox und der Art, wie sie Wandler in ihre kriminellen Machenschaften verwickelt.“

Rasch berichteten wir den beiden, was Ella am Telefon erfahren hatte. „Aber was ist, wenn die Lennox und ihre Mafia-Freunde unsere Schule angreifen, während so viele Lehrer nicht da sind?“

Meine Kampflehrerin lächelte grimmig. „Mach dir deswegen keine Sorgen – Farryn hat beim Rat Schutz für die Schule angefordert … und bekommen.“

„Was für Schutz denn?“, fragte ich verblüfft. „Ich habe niemanden gesehen, keine Kämpfer oder so.“

„Es ist ein sehr unauffälliger Schutz … unsichtbar, bis wir ihn brauchen. Mehr werde ich dir darüber nicht sagen.“

„Aber Tiago hat recht, wir müssen auf der Hut sein“, meinte Jack Clearwater mit gerunzelter Stirn. „Die Lennox ist unberechenbar. Vielleicht kommt ihr Angriff von einer Seite, mit der wir nicht rechnen.“

Wir nickten schweigend.

(…)

Farryn García teilte er Zettel mit Nummern aus, um auszulosen, in welcher Reihenfolge wir die Prüfung ablegen sollten. Uff, ich war Nummer zwei hinter Mara!

„Gleich zu Anfang dran zu sein ist nicht lustig“, ächzte ich.

„Aber dann haste es schnell hinter dir“, wandte mein bester Freund Jasper ein.

Gespannt schauten wir alle Shari an – sie starrte mit Muss-das-sein?-Ausdruck auf ihren Zettel. „Vorletzte!“

„Öh …“ Man konnte förmlich sehen, wie in Jaspers Gehirn die Zahnrädchen ratterten. „Dann siehste, wie die anderen sich schlagen, und machst nich den gleichen Fehler.“

„Bist du bei Shari in die Lehre gegangen oder was?“, brummte Noah, was unseren beiden Delfin-Girls ein Lächeln entlockte.

Bestimmt würde alles gut gehen … es musste! Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne meine Delfinfreundin nach Kalifornien zu fliegen.

Falls ich überhaupt mitdurfte.

Kurz darauf ist es soweit:

„Na dann legen wir mal los mit der Prüfung“, sagte Farryn García und nickte unserem Schulleiter zu, der gemeinsam mit unser Igelfisch-Lehrerin Ivy Bennett in die Verwandlungsarena kam. Ah, eine dreiköpfige Jury. Das hatten wir bisher noch nie gehabt. Ich wurde noch ein bisschen nervöser und bekam prompt Schluckauf.

Vor mir war Seekuh-Wandlerin Mara dran, in ihrer Menschengestalt ein schwergewichtiges Mädchen mit rundem Gesicht und langen blonden Haaren.

„Bitte auf Zeit verwandeln – du hast fünfzehn Sekunden. Ich sage Bescheid, wenn es losgeht.“ Mr García zückte eine Stoppuhr.

Mara blieb vor Entsetzen der Mund offen stehen. Alle wussten, dass sie langsamer war als andere, und die Lehrer hatten immer darauf Rücksicht genommen. Aber diesmal gab es anscheinend keine Gnade.

„Na gut“, sagte Mara und entschied sich für den grünen Süßwasserbereich – Seekühe lebten normalerweise an der Meeresküste, schwammen aber im Winter die Flüsse hoch, sie kam also mit beiden Wasserarten gut klar. Mara trug nur einen Bikini, der würde problemlos abfallen, wenn sie plötzlich zu einem drei Meter langen Meeressäuger wurde.

„Drei – zwei – eins …“, zählte Mr García und Mara warf sich mit einem Aufplatschen ins Verwandlungsbecken. Eine Welle schwappte über die Glasscheibe und unseren streberhaften Alligator-Wandler Nestor. Ohne eine Miene zu verziehen, kippte er sein Schultablet, um das Wasser davon ablaufen zu lassen, und machte sich dann weiter Notizen.

„,… noch zwölf Sekunden, noch dreizehn Sekunden … prima, danke, Mara!“, verkündete unser Verwandlungslehrer.

Durch die Glasscheiben blickte uns das graue, elefantenhafte Knautschgesicht einer Manatee an (wie Seekühe in Florida genannt werden). Yeah, ich hab´s geschafft, jubelte Mara in unseren Köpfen.

Das Lachen verging ihr schnell, als unsere Lehrer sie noch eine Serie von Teilverwandlungen, eine schnelle Tier-zu-Mensch-Rückverwandlung und einen Stresstest mit einem Seekuhvideo machen ließen. Aber Mara ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Prüfung bestanden“, verkündete Mr Clearwater persönlich und wir applaudierten.

„Ganz wunderbar, Mara!“ Ivy Bennett freute sich mit.

„Jetzt Tiago, bitte“, sagte Mr García und ich fühlte mich wieder so wie in meiner allerersten Verwandlungsstunde, als ich die Rampe zum Wasser hochging. Weiche Knie und so.

Würden die Lehrer uns alle die gleichen Aufgaben geben? Wie sich herausstellte, nein, denn jeder hatte ja besondere Probleme oder, wie Miss Bennett gerne sagte, Herausforderungen.

Als Junge in Badehose wartete ich wassertretend auf Anweisungen.

„Schau dir das mal an – und bitte keine Verwandlung, auch keine Teilverwandlung“, sagte Farryn García und zeigte mir durch die Glasscheibe ein Video, wie ein Tigerhai in glasklarem Wasser um mehrere Taucher im schwarzen Neopren herumkurvte, die auf einem Sandboden knieten.

Der Hai gab einem davon einen Schnauzenstoß, was der Taucher witzig zu finden schien. Kapierte er nicht, dass das eine Warnung war und er besser aus dem Revier dieses Hais verschwand, so schnell er konnte? Nein, er blieb, wo er war. Ich hoffte, dass er nicht gebissen werden würde. Gleichzeitig versuchte ich mit aller Kraft, das Verwandlungskribbeln zu unterdrücken, das gerade in mir hochstieg.

Es funktionierte, das Kribbeln verschwand wieder. Puh. Auch der Taucher hatte Glück, der Hai drehte ab und schwamm genervt weg.

„Jetzt bitte mal Kiemen bilden, sonst Mensch bleiben“, kommandierte mein Verwandlungslehrer, während er das Tablet weglegte.

Ich konzentrierte mich auf den Bereich hinter meinen Ohren. Jetzt Kiemen bitte, befahl ich meinem Wandler-Ich, blickte an mir herab … und erschrak. Hups, ich hatte gerade Brustflossen statt Arme. Mist! Hektisch wedelte ich damit herum, versuchte sie wieder loszuwerden. Das wirkte hundertpro nicht sehr kontrolliert.

„Zweiter und letzter Versuch“, sagte Farryn García und meine Freunde sahen besorgt aus. Shari klammerte sich an ihren Stuhl. Sie hatte sicher auch keine Lust, ohne mich nach Kalifornien zu fahren.

Durch fünf Sekunden eiserne Konzentration brachte ich die Brustflossen wieder zum Verschwinden, atmete tief, ließ mich unter Wasser sinken und wiederholte das Ganze. Stellte mir vor, wie mir als Hai Wasser durch meine Kiemen strömte und behielt gleichzeitig meine Menschengestalt vor dem inneren Auge. Kompliziert! Aber diesmal klappte es. Erleichtert applaudierten Shari, Finny, Jasper und Co, als sie sahen, wie ich unter Wasser zu atmen anfing.

Alle anderen Übungen gelangen mir. Sehr erleichtert kletterte ich aus dem Riesenaquarium und ließ mich auf meinen Stuhl fallen. Jasper und ich klatschten uns ab.

Alligator-Wandler Nestor, gerade ein kräftiger Junge mit eckigem Kinn und kurz geschorenem Blondhaar, brauste locker durch seine Übungen. Ebenso Leonora, Ralph, Izzy, Barry und Toco. Dann wurde es wieder spannend, denn nun war Nox dran. Als blau-rosa Papageifisch war er schon zur Stelle. Ivy Bennett, Mr García und Mr Clearwater betrachteten ihn ernst. Jasper eilte mit einem rot-gelb-violetten Badetuch herbei – wahrscheinlich erinnerte er sich von der Party, was für Klamotten Nox mochte.

„Nimm bitte deine erste Gestalt ein, Nox“, sagte Mr García förmlich. Diesmal gab es kein Geplauder darüber, ob Beine ihm standen oder nicht.

Nox hielt sich in mittlerer Tiefe auf Position und konzentrierte sich wahrscheinlich. Mit angehaltenem Atem beobachteten wir, wie sich sein Körper zu verändern begann, einen Kopf bekam, Arme, Beine und all die Körperteile, die man als Junge so hatte. Höflich wandten die Mädchen sich ab, so war es üblich, sonst hätte sich ja niemand verwandeln können, ohne an Peinlichkeit zu sterben.

„Ich hab´s geschafft!“, brüllte Nox, sodass es vom nagelneuen Glasdach der Verwandlungsarena widerhallte, und riss triumphierend die Arme hoch. Das führte dazu, dass er unterging. Wahrscheinlich war er noch nie als Mensch geschwommen.

Noah und Chris hechteten mit Kopfsprung ins Wasser, um ihn zu retten (was gelang). Jasper überreichte ihm ein Badetuch. Kurz darauf gingen sie alle die Rampe hinunter, einen breit grinsenden Nox zwischen sich. Einen Jungen mit schwarzen Haaren, dunklen Augen und einem verschmitzten Lächeln (dabei sah man die Lücke zwischen seinen etwas vorstehenden Vorderzähnen). Mit ungeschickt schlenkerndem Arm winkte Nox in die Runde und wir winkten zurück.

„Gut gemacht“, rief ihm Finny zu. „Aber was ist an dir menschlicher als menschlich?“

„Ach, das hab ich nur so gesagt.“ Nox öffnete das Badetuch und inspizierte seinen Menschenkörper. „Ist doch toll, dass ich überhaupt normal bin, oder?“

„Sehr gut“, sagte Mr García zufrieden. „Würdest du jetzt bitte …“

Nox stieß ein kleines Keuchen aus, dann war er auf einmal weg. Dafür zappelte etwas unter dem Badetuch. Erschrocken beugten wir uns nach vorne, um besser sehen zu können, und Juna und Jasper eilten hin, um zu helfen.

Oh Mann, das macht die fehlende Übung, verkündete ein ziemlich kleinlauter Papageifisch, als er wieder im Meerwasserbereich schwamm.

„Nicht schlimm … bestimmt kannst du beim nächsten Austausch mit“, meinte Jack Clearwater und notierte etwas auf einem wasserfesten Block.

Zu unserer Überraschung machte Noemi nach ihm ihre Sache richtig gut und bekam ein „Go“ von unseren Lehrern.

„Das ist so katzig!“, schwärmte sie, als sie sich wieder an ihren Tisch setzte. Wir lieferten Glückwünsche.

Dafür hatte Daphne, die nach ihr dran war, eine Totalblockade und brachte es nicht mehr fertig, aus ihrer Lachmöwengestalt herauszufinden. Mit hängendem Schnabel hockte sie auf ihrem Pult. Aber … ich hab mich doch schon so gefreut, stammelte sie.

„Wir können nicht riskieren, dass im Flugzeug etwas schiefgeht“, meinte Mr García, dem sie offensichtlich leidtat.

Eine Prüfung nach der anderen wurde erfolgreich beendet, obwohl auch der zarte, blonde Linus und Zelda, unsere Ohrenqualle, zwei Versuche brauchten. Dafür waren Jasper, Blue und Noah in Hochform.

Dann versagte ausgerechnet Juna, unsere Klassensprecherin, und verwandelte sich beim Videogucken in einen Falterfisch. Und das zweimal hintereinander! In Tränen aufgelöst umarmten sie und ihre beste Freundin Olivia sich. „Wenn du nicht fährst, bleibe ich auch hier“, verkündete Olivia. „Ich will mit dir zusammen sein … hier und überall!“

Erstaunt blickten Jasper und ich uns an. Was ging denn hier ab?

„Ich mit dir doch auch“, sagte Juna und lächelte unter Tränen. Dann drückten die beiden sich noch einmal … und küssten sich auf den Mund.

Nicht nur ich war erstaunt, aber Mr García ließ sich nicht das Geringste anmerken. Vielleicht hatte er es schon länger geahnt, dass diese beiden Mädchen mehr waren als beste Freundinnen.

„Macht das bitte nachher“, sagte er nur. „Wir müssen hier mit den Prüfungen weiterkommen.“ Er wandte sich Shari zu. „Du bist dran, Artgenossin.“

Meine Delfinfreundin stand auf, das Gesicht eine Maske der Entschlossenheit.